DER KERN DER WAHRHEIT

Zygmunt Miłoszewskis erster Kriminalroman „Uwikłanie“ (deutsch: „Die Verstrickung“, dtv 2010) war ein großer Erfolg und wurde sowohl von Literaturkritikern als auch von den Lesern sehr geschätzt.
Das Buch wurde mit dem prestigeträchtigen „Preis des Großen Kalibers“ für den besten polnischen Krimi ausgezeichnet und mit polnischen Stars verfilmt. Das zweite Buch der Reihe um den Staatsanwalt Teodor Szacki, „Der Kern der Wahrheit“, beweist, dass dieser Erfolg kein Zufall war.
In „Der Kern der Wahrheit“ zeichnet Miłoszewski das klassische Bild des „Gesetzeshüters mit Vergangenheit“. Der frisch geschiedene Szacki wird auf eigenen Wunsch von Warschau nach Sandomierz versetzt, um ein neues Leben zu beginnen. Bald wird ihm bewusst, dass er einen Fehler begangen hat. Das schläfrige Provinzstädtchen, in dem kaum je etwas passiert, langweilt und frustriert ihn. Natürlich bis zu dem Moment, als ein Fall auftaucht, der Szackis Erwartungen und Ambitionen weckt. Kurz nacheinander werden mehrere Menschen ermordet: eine sozial engagierte Aktivistin, ihr Ehemann, ein Politiker und ein lokaler Geschäftsmann mit eindeutig rechter Orientierung.
Der modus operandi des Täters weist auf einen Ritualmord hin, was in einer Stadt, in der die polnisch-jüdischen Beziehungen besonders schmerzhaft und kompliziert gewesen waren, ein heikles Thema darstellt. Der Staatsanwalt lässt sich lange von dem Mörder an der Nase herumführen, der den Ermittlungsbehörden falsche Fährten legt, doch schließlich schnappt Szacki den Täter, und muss erkennen, dass dessen Motive so einfach wie banal waren.
Der Autor von „Die Verstrickung“ ist fähig, einen interessanten Protagonisten zu kreieren und mit sicherer Hand eine komplizierte Krimiintrige zu führen, die den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Miłoszewski fügt seinen Romanen stets dieses besondere Etwas hinzu, das aus ihnen mehr als nur herkömmliche Krimis macht.
Was dieses besondere Etwas ist? Die Reflexion über die Probleme, mit denen die polnische Gesellschaft vergeblich kämpft. In „Die Verstrickung“ war es das Problem der politischen Lustrationen und der schwierigen Abrechnung mit der Vergangenheit des kommunistischen Polen; in „Der Kern der Wahrheit“ ist es der Antisemitismus und die immer noch aktuellen polnisch-jüdischen Probleme.
Kurz gesagt: Miłoszewski liefert seinen Lesern nicht nur Unterhaltung, sondern zwingt sie zum Nachdenken. Und das können nur wahre Meister des Genres.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Das Gerichtsgebäude war hässlich. Seine Form konnte in den Neunzigern, als man es errichtet hatte, als modern durchgegangen sein, doch jetzt erinnerte der Bau an einen Zigeunerpalast, der zu einem öffentlichen Gebäude umfunktioniert worden war. Treppenstufen, Chrom, grüner Stein, gebrochene Flächen – der Bau passte weder zu der ihn umgebenden Architektur noch zu sich selbst. In seinem grünen
Anstrich war etwas Entschuldigendes, als ob er versuchen würde, seine Hässlichkeit vor dem Hintergrund der Friedhofsbäume zu verstecken. Der Verhandlungssaal wiederholte konsequent die Stilistik des Gebäudes. Das vorherrschende Element des Raumes, der an den Konferenzsaal einer mäßig erfolgreichen Firma erinnerte, waren krankenhausgrüne, vertikale Linien.
Szacki war pikiert und verzog das Gesicht. Im Geiste verfluchte er die Umgebung, selbst als er sich in seiner Anwaltsrobe an den Platz des Staatsanwaltes setzte. Auf der anderen Seite saßen der Verurteilte und dessen Anwalt. Hubert Huby war ein freundlicher Siebzigjähriger. Er hatte dichtes, graumeliertes
Haar, eine Hornbrille und ein einnehmendes, bescheidenes Lächeln. Sein Anwalt, offensichtlich ein Pflichtverteidiger, war ein Bild des Elends. Seine Robe war nicht zugeknöpft, die Haare ungewaschen, die Schuhe nicht geputzt, der Schnurrbart nicht geschnitten, und Szacki war, als würde der Mann müffeln.
So wie diese ganze Geschichte, dachte er mit zunehmender Irritation. Es war Bedingung für die Stelle in Sandomierz gewesen, dass er alle ausstehenden Fälle seines Vorgängers abschloss.
Endlich erschien die Richterin. Was für ein Backfisch! Sie sah aus, als hätte sie eben erst ihr Abitur gemacht – aber wenigstens hatte die Verhandlung begonnen.
„Herr Staatsanwalt?“
Sie lächelte ihn freundlich an, nachdem sie alle Formalitäten abgeschlossen hatte. In Warschau hatte kein Richter gelächelt, und wenn, dann nur schadenfroh, wenn er jemanden dabei ertappte, das Gesetzbuch nicht zu kennen.
Teodor Szacki erhob sich und richtete reflexartig seine Robe.
„Hohes Gericht, die Staatsanwaltschaft besteht auf dem Vorwurf aus der Anklageschrift. Der Angeklagte hat sich aller ihm vorgeworfenen Straftaten für schuldig erklärt. An seiner Schuld bestehen angesichts seiner eigenen Aussagen und der Aussagen der geschädigten Frauen keinerlei Zweifel. Ich will die Verhandlung nicht unnötig ausdehnen, daher stelle ich den Antrag, den Beschuldigten schuldig zu sprechen: Er hat unter Vorspiegelung falscher Tatsachen andere Menschen dazu gebracht, sich einer sexuellen Handlung
auszusetzen, was die Merkmale einer Straftat nach Artikel 197 Paragraph 2 des Strafgesetzbuches erfüllt. Ich beantrage ein Strafmaß von sechs Monaten Freiheitsentzug und möchte betonen, dass es sich dabei um die unterste Grenze des Strafrahmens handelt, der vom Gesetzgeber für einen solchen Fall vorgesehen ist.“
Szacki setzte sich wieder. Der Fall war klar. Er wollte nur, dass die Verhandlung zu Ende ging. Mit Absicht hatte er das niedrigste Strafmaß beantragt, weil er keine Lust auf Diskussionen hatte. In Gedanken legte er sich einen Plan des Verhörs von Budnik zurecht, jonglierte mit Fragen und Themen, veränderte ihre Reihenfolge, versuchte, die verschiedenen Szenarien des Gesprächs vorherzusehen, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Er wusste bereits, dass Budnik wegen des letzten Abends gelogen hatte, den er mit seiner Frau verbracht haben wollte. Aber alle logen. Das machte sie noch nicht zu Mördern. Er könnte eine Geliebte haben, sie hätten sich gestritten haben können, vielleicht hatten sie „stille Tage“ und er war mit Kumpels saufen.
Stopp: die Geliebte muss man streichen. Wenn Wilczur und Sobieraj die Wahrheit gesagt hatten, dann war Budnik sehr in seine Frau verliebt, der glücklichste Mensch der Welt. Stopp: man durfte gar nichts streichen. In einer Stadt gab es Mauscheleien und es war nicht klar, wer wem was erzählte und warum. Wilczur war nicht glaubwürdig, und die Sobieraj war eine Freundin der Familie.
„Herr Staatsanwalt!“
Die scharfe Stimme der Richterin riss ihn aus der Lethargie. Ihm wurde bewusst, dass er von der Rede des Verteidigers nur jedes dritte Wort verstanden hatte.
Er stand auf.
„Würden Sie bitte zu der Ausführung des Verteidigers Stellung beziehen?“
Verdammte Scheiße, er wusste überhaupt nicht, wie die Einstellung der Verteidigung war. In Warschau fragte das Gericht, außer in Ausnahmefällen, den Staatsanwalt nicht nach seiner Meinung. Der Richter hörte sich gelangweilt die beiden Seiten an, fällte sein Urteil, abgehakt, der Nächste bitte.
In Sandomierz war die Richterin gnädig.
„Dass auf diesen Fall Artikel 217, Paragraph 1 anzuwenden ist?“
Szacki sah vor Augen den Inhalt des Artikels und schaute den Verteidiger wie einen Verrückten an.
„Ich werde insofern Stellung beziehen, als es sich um einen Scherz handeln muss. Der Herr Rechtsanwalt sollte sich mit den grundlegenden Auslegungen und der einschlägigen Rechtsprechung bekannt machen. Der Artikel 217 bezieht sich auf die körperliche Unversehrtheit und man verwendet ihn eigentlich nur bei mittelschweren Schlägereien oder wenn ein Politiker dem anderen eine scheuert. Natürlich verstehe ich die Absichten der Verteidigung. Das Verletzen der körperlichen Unversehrtheit wird im Wege der Privatklage
verfolgt, und die Strafe kann maximal ein Jahr betragen. Es ist kein Vergleich mit sexueller Belästigung, für die man zwischen sechs Monaten und acht Jahren bekommt. Und genau dessen hat sich Ihr Klient, Herr Anwalt, strafbar gemacht.“
Der Verteidiger stand auf, schaute die Richterin fragend an, woraufhin das Mädchen nickte.
„Ich möchte in Erinnerung rufen, dass als Folge der Mediation fast alle der geschädigten Frauen meinem Klienten verziehen haben, was eine Einstellung des Verfahrens rechtfertigen würde.“
Szacki wartete gar nicht erst auf die Erlaubnis, sprechen zu dürfen.
„Noch ein Mal: lesen Sie bitte das Strafgesetzbuch, Herr Anwalt“, knurrte er. „Zum Ersten: `fast alle´ macht einen großen Unterschied, zum Zweiten: die Einstellung des Verfahrens auf Grund einer Mediation wird lediglich bei Verbrechen mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe in Betracht gezogen. Sie können
allerhöchstens einen Antrag auf außergewöhnliche Strafmilderung stellen, wobei die Strafe ohnehin schon lächerlich niedrig ist, wenn man sich die Taten Ihres Klienten anschaut.“
Der Anwalt lächelte und breitete die Arme in einer Geste der Verwunderung aus. Zu viele Filme, zu wenig Fachlektüre, kommentierte Szacki in Gedanken.
„Ist denn jemand geschädigt worden? War es jemandem unangenehm? Es sind menschliche Dinge, und es waren erwachsene Menschen …“
Szacki sah rot. Er zählte in Gedanken bis drei, um sich zu beruhigen. Er nahm einen tiefen Atemzug und straffte sich. Dann schaute er die Richterin an. Sie nickte neugierig.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz