ERZÄHLUNGEN

Die Kindheit, die sich über die Jahre in unserer Erinnerung vergoldet, erscheint uns oft als Land des verlorenen Glücklichseins. Nicht so bei Magdalena Tulli. Hier ist sie ein Alptraum. Die Erzählerin von Tullis Texten teilt das Schicksal der Kinder von Opfern des Holocaust. Ihr Fall ist ähnlich wie der des Erzählers von „Maus“, des Comic von Art Spiegelman. So wie dieser unfreiwillig zum Opfer seines einst vor der Vernichtung geretteten Vaters wird, ist die Erzählerin von Tullis Geschichten das Opfer ihrer Mutter, die Jahre in Auschwitz war. Erst von der sterbenden Mutter, die immer weiter fortrückt und in ihrer Alzheimer-Erkrankung versinkt, erfährt sie nach so vielen Jahren etwas über die Vergangenheit und das Schicksal ihrer Familienangehörigen.
Die mit kühler, eleganter Präzision geschriebenen, erschütternden Geschichten sind das Ergebnis dieser Gespräche mit der kranken, dem Tode immer näher rückenden Mutter. Sie sind Trauerarbeit nach dem Tod der Mutter, doch ebenso Trauerarbeit mit Blick auf die Kindheit, die der Erzählerin irgendwann abhanden gekommen ist. Sie stellen den Versuch einer Auseinandersetzung mit dem ererbten Trauma dar, mit den Ängsten, die zu neuen Idiosynkrasien werden. Die Ironie erscheint hier als Arznei, die dazu dienen soll, unbeschadet das Minenfeld der verwundeten Erinnerung zu durchwandern. Die Erzählerin, Mutter zweier heranwachsender Söhne, scheint die Geisel jenes kleinen Mädchens zu sein. Dabei ist die solidarisch mit dem Kind, kann ihm aber heute nicht mehr helfen, sie kann nur sich selbst helfen. Hier tritt die alte Wahrheit zutage, dass das Kind Vater oder Mutter des Erwachsenen ist, zu dem es sich entwickelt.
In Tullis Prosa finden wir die Logik der Entfremdung des kleinen Mädchens, das sich selbst überlassen bleibt – unberücksichtigt von dem zwischen Mailand und Warschau pendelnde Vater und der Mutter, deren Gefühle hinter dem Stacheldraht des Lagers zurückgeblieben sind. Mit ihrer Zweisprachigkeit, die Probleme schafft, ihrem merkwürdigen, nicht deklinierbaren Namen, ihrer zwar besseren aber ungepflegten Kleidung, ihrer Unfähigkeit, Kontakte zu schließen und ihrem Mangel an Selbstsicherheit wird sie leicht zur Zielscheibe für den Spott ihrer Altersgenossen. Das Bild der Schule in dieser Prosa ist das Bild einer totalitären Institution, eine Metapher für das Leben der polnischen Gesellschaft während des Kalten Krieges. Wie immer bei Tulli hat die Metapher hier den Wert eines realistischen Arguments.

Marek Zaleski

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