DER HOLZFÄLLER

In letzter Zeit greifen polnische Autoren gern auf das Genre des Krimis zurück und machen sich zunutze, dass diese Art von Prosa immer mehr in Mode kommt. Manche versuchen das ganz ernsthaft, andere betrachten den Kriminalroman mit einem Augenzwinkern, so wie Michał Witkowski in seinem neuesten Buch. Der Holzfäller ist eine sehr freie, den Schreibprozess selbst reflektierende Abwandlung des Krimis. Der Held des Romans, Michał Witkowski (wie könnte es anders sein), fährt im Spätherbst zu einem Forsthaus in der Nähe des beliebten Urlaubsortes Międzyzdroje an der Ostsee, um dort in Ruhe und Abgeschiedenheit einen Kriminalroman zu schreiben, der ihm Ruhm und Geld einbringen soll. Das Schreiben geht ihm holprig von der Hand, denn er widmet seine Aufmerksamkeit vor allem dem Gastgeber, einem exzentrischen und geheimnisvollen Mann. Michał kommt einer undurchsichtigen Affäre auf die Spur, die sich vor Jahren ereignet hat und die das Leben nicht nur des Forsthausbesitzers, sondern auch anderer Bewohner von Międzyzdroje, die der Erzähler und Held (immerhin ein Stammgast des Kurorts) kennt, verändert hat. Ermittlungen beginnen, die auf nicht einmal besonders exzentrische, sondern einfach nur bizarre und scheinbar sinnlose Weise geführt werden...
Doch der Krimi ist im Grunde nicht der wichtigste Bestandteil dieses Romans. Er ist nur so etwas wie ein Katalysator der Handlung, Auslöser der Erzählung. Man kann Witkowskis neuen Roman als eine Anthologie von Themen und Motiven betrachten, die prägend für den Autor des Bestsellers Lubiewo sind. So hat der Holzfäller etwas von Schwulenprosa (die Faszination des Helden für den lokalen „Kerl“, einen gewöhnlichen Adidas-Proleten), und er hat etwas Soziologisierendes (die Gegenüberstellung des „schönen“ Polen, also Międzyzdroje in der Sommersaison, und des „hässlichen“ Polen, dem Kurort im Herbst). Es gibt im Roman auch Reminiszenzen an die drögen, wenn auch auf ihre Art malerischen Zeiten der Volksrepublik. Langweilige Remakes? Keineswegs! Witkowski hat die Themen, die er schon wiederholt aufgegriffen hat, aufgehübscht und „remastered“. Er hat sie aufgepeppt, ihnen eine Spur (ganz eigene) Kriminalgeschichte und eine ordentliche Dosis Humor hinzugefügt und das Ganze dick mit der Soße des Camp übergossen. Witkowski hat bewiesen (nunmehr wohl endgültig), dass er erzählen und mit Geschichten jonglieren kann wie kaum ein anderer in unserer Prosa. Über Unglaubwürdigkeiten der Krimigeschichte sieht man da gern hinweg!

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Endlichöffnete mir ein etwas abwesender Holzfäller im abgetragenen karierten Flanellhemd und langen
Unterhosen. Offensichtlich hatte er für Pyjamas nichts übrig und schlief nach dem Vorbild der Helden sowjetischer Theaterstücke in Unterwäsche. Welch ein Kontrast zu der buntscheckigen Pseudoeleganz
der Hochsaison! Jetzt war er entschieden authentischer. Graumeliert, mit Wochenbart und wuschigen Augenbrauen. Haare standen ihm aus Nase und Ohren, von der Benutzung des Trimmers keine Spur. Anders als in der Saison hätte ihm niemand mehr seine fünfundvierzig Jahre abgenommen. Weit über
fünfzig!
Aus dem Zimmer hörte man polnische Vorkriegsschlager. Schon im Sommer hatte er erwähnt, dass sein Geschmack ein bisschen Retro sei, so hatten wir uns kennen gelernt, wenn man überhaupt von Kennen sprechen kann. Diese Typen mit den kleinen Häuschen durchschaut man nie. In der Kneipe lief aus irgendeinem wundersamen Grund die Ordonka. Er saß an der Bar und starrte in sein Bier, ich las aus dem Kaffeesatz meines satzlosen Kaffees. Schön, fing er an.
OK, erwiderte ich, ich mag Retro auch. Gefällt mir. User Michał gefällt das. Ein Wort gab das andere und bald ein Gespräch. Es war ungelogen, ich mochte alte Lieder und alte Posen, Mienen und all diesen manierierten Kram. Auch wenn man ihn leicht satt bekam und einem langweilig wurde, stickig. Aber ich war die Generation Facebook, ich stellte Links ein und ließ auch mir Links mit ein bißchen Retro einstellen, gucke mir das an und vergesse es. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht bleibt das alles in uns, die Anthologie wächst an und platzt aus allen Nähten? Vielleicht behalten wir jeden Link, jedes noch so blöde Lied?
Jetzt stand ich mit dem Koffer in der Tür und er glotzte, als wäre ich ein Gespenst, obwohl ich mich angekündigt hatte. Ich hatte eine Original Ebonit-Platte mit Zarah Leander auf Schwedisch für ihn, eingespielt, noch bevor Hitler in der UFA aufräumte und man Nachwuchs in den Kolonien rekrutieren
musste. Und Zarah wurde als große Diva in Nazi-Deutschland importiert, die Schlösser besaß und mit Koffern voller Geld reiste (für Banken hatte sie nichts übrig). Harter Stoff, wie man ihn auf Youtube nicht findet.
Er warf einen unwillkürlichen Blick auf die Gartenlichtung in meinem Rücken. Er löschte die Laterne über der Tür, die Lichtung verschwand. Eilig sicherte er das Gitter hinter mir mit einem Vorhängeschloß und schloß dann auch noch die solide, einbruchsichere Tür, damit es drinnen nicht kalt wurde. Dreifach verriegelt. Ich fühlte mich eingesperrt.
Der Windfang diente offenbar als Kühlschrank, so kalt war es darin und roch feucht nach altem Hauseingang und Essen. Dessen Krönung der Hase an der Wand war. (Konnotationen: Gewehr, Jagd, Wilderei, ist er bewaffnet? um nichts auf der Welt fasse ich dieses Aas an, niemand bietet es dir an, gibt
es hier Wölfe? Ich habe ein Messer, der Elektroschocker muss aufgeladen werden!) Er hing kopfüber, zusammengeschnürt wie ein Kräuterbund, und aus dem leicht geöffneten Maul stand das rosa Zünglein. Wie ein getrocknetes Blatt.
Wortlos nahm er die Platte, drehte mir den Rücken zu, hieß Schuhe und Jacke ausziehen und im Windfang aufhängen, worauf er ins Zimmer ging, aus dem Klänge eines Vorkriegsliedes drangen, und ich warf einen letzten Blick auf den Hasen mit dem hängenden Zünglein, schloß sorgfältig die Tür und betrat mit dem verschlammten Koffer hinter ihm das Zimmer. Hitze schlug mir entgegen, ungefähr fünfzehn Grad Unterschied zum Windfang. Hier drinnen war eine andere Welt. Mich dünkte, ich befände mich auf einem kleinen Herrenhof, und ein bißchen wie im Jahrzwanzigt, was sich ja auch nicht gänzlich ausschließt. Wie im Jahrzwanzigt, und dennoch auch ein bißchen wie im Antiquariat, denn hinter den Glasscheiben der alten
Schränke standen sorgfältig aufgereiht alte Tassen von Ćmielów neben Porzellanfiguren.
Modernistische Lampen im Bauhausstil, ein Grammofon mit Kurbelantrieb, ganz offensichtlich original, überall Wandteppiche, und über all dem hing ein Karabelasäbel an der Wand! Jedenfalls irgend ein Säbel. Und, leider eine Kuckucksuhr. Plötzlich inmitten all dieses guten Geschmacks etwas derart... Deutsches, und sogar Schweizerisches, wie eine batteriegetriebene Kuckucksuhr! Im Ofen drohte das Feuer auszugehen. Weder Fernseher, noch Computer, noch Telefon. Dafür ein Etui mit goldener Trompete. Und
dieser Geruch! Wisst ihr, dass Feuer einen intensiven Geruch hat? Diejenigen von euch, die im Innersten Holzfäller sind, wissen das sehr gut. Holzfäller ist kein Beruf, sondern ein Geisteszustand. Ihr kennt den Geruch erhitzter Steine in der Sauna. Ein nasaler Bass klagte, dass
wenn das Orchester wehmütig Tango spielt
und mancher schon die Vortänzerin anschielt
und ich tanzen muß mit dieser Tölpel Kohorte
mir anhören muß ihre aufdringlichen Worte...

Das also sind die Probleme dieses Hauses! Aber wie schwul dieses Jahrzwanzigt auch wieder war, dass solche Typen wie Faliszewski in weiblicher Form davon sangen, sie seien Vortänzerinnen und müssten mit den Tölpeln tanzen...
Aller Anfang ist schwer, dabei lauerten noch Fettnäpfchen genug, ich war verklemmt, setzte mich an den Tisch, begann den Kaffee zu trinken, den er mir vorsetzte, und sagte Sachen wie: Wahnsinn, wie zauberhaft das nach Feuer duftet, nach alten Möbeln und noch etwas, wie gemütlich es ist, und er
sagte nichts und sein Schweigen wurde immer ostentativer. Ich verstummte, um nicht ganz blöd dazustehen. Wir schwiegen. Schließlich fragte er, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich jetzt oben einen Augenblick hinlege.
Doch bevor er schlafen ging, legte er noch ein paar Hölzchen im erlöschenden Bullerofen nach, zerriss Zeitungen und Pornoheftchen (er war hier mit sich selbst eingesperrt, auch mit seiner Holzfällersexualität), warf sie oben drauf und bat mich, ein Auge darauf zu haben, er möge es nicht, wenn der Ofen unbeobachtet brenne.
Wer mag das schon, gähnte ich dezent, denn ich hatte schon verstanden, dass mir hier weder klassische Perioden noch Redekunst oder Eloquenz abverlangt werden würden. Niemand würde hier etwas über mich hören wollen, meine Egozentrik musste ich zügeln. Ich war nur Heizer, der im Keller zu Werke ging. Und das war gut so. Zu meinen Pflichten gehörte es, im Herd unter dem Blech Feuer zu machen, den verrußten Ölofen einzuschalten und den Bullerofen mit Pornos, mit nackten Weibern zu befeuern.
Draußen vorm Fenster wurde ein Schwein geschlachtet. Robert brummte, das seien die Fasanen, sie gäben dieses Jahr ungewöhnlich lang keine Ruhe. Schlimmer aber seien die Hirsche. In der Nähe sei nämlich eine Lichtung (wo wäre hier keine Lichtung?), die diese Nutten zu ihrem Brunftplatz machten. Das könne einen zum Wahnsinn treiben. Ein akustisches Armaggedon. Offenbar hätten sie irgendwann ihren Brunftplatz auf dieser Lichtung gehabt, die jetzt so tat, als wäre sie sein Garten. Man musste Ohrstöpsel benutzen, die er zusammen mit einem sauberen Handtuch auf das Tischchen neben meinem Bett unter der Treppe legte. Und ich hatte geglaubt, das wäre gerade schön, so sagt man doch, dass Hirsche auf dem Brunftplatz kitschig seien und schön. Ich wollte mir ein eigenes Urteil bilden. Die Ohrstöpsel waren wie Kondome in Glibber verpackt, der sich wie Knetgummi anfühlte.
Aber bevor er endgültig nach oben entschwinden konnte, war ich auf meiner kleinen Ottomane unter der Treppe eingeschlafen. Ich hatte nicht einschlafen wollen, wollte mich nur für eine Sekunde in den Sachen hinhauen, da war schon der ganze Warschauer Streß aus mir gewichen, die lange, insgesamt fast
zehnstündige Reise, der Student, der im Gefängnis Muskelprüfungen ablegte, dreihundertfünfundsechzig Sudokus, draußen die Krähen, die in kalte Länder flogen, die Bedarfshaltestellen, Radio Golden Hits. Dumm gelaufen, so bei jemandem anzukommen, ihm zu versprechen, dass man den Ofen hütet,
und dann einzuschlafen. Doch das alles konnte ich erst nach dem Aufwachen denken.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl