BORNHOLM, BORNHOLM

Hubert Klimko-Dobrzaniecki, der bisher vor allem als Autor vortrefflicher Erzählungen und Kurzromane in Erscheinung trat, hat sich dieses Mal an einer größeren epischen Form versucht. Und zwar überaus wirkungsvoll. Die Narration des Romans „Bornholm, Bornholm” verläuft zweigleisig. Im Mittelpunkt des ersten Erzählstrangs steht der Deutsche Horst Bartlik, ein ganz gewöhnlicher Biologielehrer, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg auf der Insel Bornholm stationiert wird. Der zweite Handlungsstrang spielt in der näheren Vergangenheit und besteht aus den Monologen eines Mannes, der seiner im Koma liegenden Mutter all das erzählt, was er vorher nicht auszusprechen wagte. Was verbindet die beiden Erzählstränge?
Entgegen allem Anschein sehr viel. Bartlik hatte während des Krieges eine Affäre mit einer Dänin, die er mit einem Kind zurückließ. Er ist der Großvater jenes monologisierenden Mannes, wovon der jedoch nichts weiß. Beide Männer haben Probleme mit Frauen. Der Deutsche wird von seiner gefühlskalten Ehefrau dominiert. Er liebt sie nicht, das Zusammensein mit ihr quält ihn, doch er hält die Ehe wegen der Kinder aufrecht. Erst als Soldat auf der Insel Bornholm findet er zu seiner Männlichkeit und inneren Stärke zurück. Der Däne versucht sein ganzes Leben lang, sich vom Einfluss seiner besitzergreifenden, alleinerziehenden Mutter zu befreien. Er versucht eine eigene, vollständige und glückliche Familie zu gründen, doch er erlebt nur einen Misserfolg nach dem anderen.
Klimko-Dobrzaniecki erzählt ein weiteres Mal von Menschen, die sich durchs Leben schlagen, die keinen Platz für sich finden und nicht in der Lage sind, gesunde und dauerhafte Beziehungen zu ihren Nächsten aufzubauen; Menschen, die einsam sind, unglücklich, von unterdrückten Gefühlen zerrissen. Dank der großen erzählerischen Gabe des Autors folgt der Leser gebannt den Schicksalen der beiden Hauptfiguren. Umso mehr, als Klimko-Dobrzaniecki diese Schicksale mit dem für ihn charakteristischen bitter-lustigen Ton erzählt und die düstere Grundstimmung des Romans immer wieder humorvoll und ironisch durchbricht.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Du hast dir immer Sorgen um meine Gesundheit gemacht. Wahrscheinlich ist das bei Müttern so, dass sie das, was sie neun Monate lang in sich getragen haben, auch später noch beschützen wollen. Auch dann noch, wenn dieser Schutz gar nicht mehr nötig ist. Mir scheint, dass ich nur in Maßen krank war, also nicht allzu oft. Dir schien es wahrscheinlich so, als sei ich zu selten krank, und vielleicht hast du deshalb versucht, mich umzubringen. Denn ich war damals überzeugt, du wolltest mich ermorden mit diesen ganzen überflüssigen, außerplanmäßigen Medikamenten. Der Doktor hatte sie nämlich gar nicht verschrieben, nicht wahr? Das eine Mal hatte er nur gesagt, ich solle ordentlich schwitzen, im Bett bleiben
und viel trinken. Aber du musstest ja gleich mit den Schröpfgläsern kommen … Du hast mich damals fürchterlich verbrannt. Aber du hast dich nie dafür entschuldigt, obwohl dir klar sein musste, dass du mir wehgetan hattest. Aber du warst zu stolz, um dich zu entschuldigen. Du hast dich nie bei jemandem
entschuldigt, das Wort gab es gar nicht. Warum können sich manche Menschen nicht entschuldigen, warum haben sie dieses Wort aus ihrem Gedächtnis gestrichen? Kannst du dich noch an die riesigen Brandblasen auf meinem Rücken erinnern? Natürlich kannst du das. Du hast damals die mitfühlende
Krankenschwester gespielt. Hast gesagt, ich solle mich beim Sitzen nicht zu sehr anlehnen, weil dann die Blasen aufplatzen und mir noch mehr wehtun würden.
Als sie schließlich aufplatzten, warst du erst recht in deinem Element, denn nun musstest du die Löcher in meinem Rücken verarzten. Aber das Größte für dich war, als der Schorf aufriss. Zum Schluss die Salbe und deine Begeisterung. Du sagst: „Oh, wie schön das verheilt ist, man sieht fast gar nichts mehr.“ Du nimmst mich an die Hand und führst mich zum großen Spiegel, du sagst, ich solle mich umdrehen und genauso stehen bleiben. Dann rennst du ins Badezimmer, holst den runden Spiegel mit dem grünen Rahmen und
drückst ihn mir in die Hand. Du sagst „Sieh nur!“ und richtest ihn so aus, dass ich einen guten Blick auf meinen gespiegelten Rücken habe. Als ich ihn sehe, würde ich am liebsten losheulen, denn er gleicht einer groben, mit braunen Tupfen übersäten Decke.
Und die Tabletten und Vitaminpräparate – die waren die absolute Krönung. Du kommst in mein Zimmer. In der einen Hand hältst du einen Becher mit Milch, die andere hast du zur Faust geballt. Du setzt dich ans Fußende meines Bettes und öffnest sie. Ich sehe einige zusammengeklebte bunte Kügelchen darin liegen, aber es sind keine Bonbons. Keines der Kügelchen ist süß. Im Gegenteil. Sie sind bitter. Ich weiß es, weil ich einmal hineingebissen habe und mich daraufhin übergeben musste. Du sitzt da mit dem Glas Milch und dem bunten Gift, blickst in meine angsterfüllten Augen und fragst: „Einzeln oder alle auf einmal?“ Ich habe gesagt: „Alle auf einmal.“ Ich mache den Mund auf, du stopfst die Tabletten hinein und sagst, ich solle sie hinunterschlucken. Und ich tue, was du sagst, obwohl ich spüre, dass die meisten von ihnen mir in der Kehle stecken und ich gleich keine Luft mehr bekomme. Als du siehst, dass meine Augen zu tränen beginnen, reichst du mir vorsorglich den Becher mit der Milch. Ich ersticke nicht. Alles strömt in meinen Magen hinab, du gibst mir einen Gutenachtkuss und gehst aus dem Zimmer. Kurz darauf spüre ich
dieses furchtbare Brennen, das früher oder später wieder aufhört. Ja, wenn es aufhört zu brennen, werde ich einschlafen. Und morgen früh werde ich kerngesund aufwachen, weil du mir wieder einmal deine ganzen Wundermittel eingetrichtert hast. Du wirst noch viele Jahre an mir herumdoktern. Alles in
bester Absicht, ich weiß. Du hast immer alles in bester Absicht getan. Weißt du was? Ich werde dir etwas sagen, denn jetzt kann ich es. Weder dir noch mir kann es jetzt noch schaden. Ich konnte die Tabletten einfach nicht mehr sehen, hatte das Gefühl, mein Bauch würde platzen oder so sehr aufschwellen, dass
ich wie ein riesiger Ballon gemeinsam mit meinem Bett davonfliegen würde, über unseren Garten, über die Nachbarhäuser und schließlich bis zum Strand. Dann würde mich der Wind in Richtung Westen treiben. Ich lasse unsere Insel hinter mir. Du würdest morgens aufwachen und es mit der Angst bekommen, weil du weder mich noch mein Bett in meinem Zimmer vorfindest, und dann würdest du panisch durch den Garten rennen. Du stolperst über einen Maulwurfshügel und fällst hin. Aus dem Hügel kommt ein Maulwurf, der dir mit seiner großen Pfote, die wie eine Schaufel aussieht, den Weg weist. Du gehst in jene Richtung, bis du schließlich vor den Johannisbeersträuchern stehst. Die Sträucher haben riesige Früchte, so groß wie Pflaumen. Du wunderst dich, aber dann pflückst du eine dieser mutierten Beeren und steckst sie dir in den Mund. Der Magen dreht sich dir um, denn die Frucht schmeckt wie eine ganze Pharmafabrik, und weißt du auch warum? Bestimmst ahnst du jetzt etwas, oder vielleicht weißt du es auch schon. Es ist mir gleichgültig, ich sage es dir so oder so. Das eine Mal hast du einen Fehler gemacht, Mama. Als du irgendwann zum soundsovielten Mal mit der Hand voller Medikamente in mein Zimmer kamst und mir meine Milch brachtest, und als du sahst, dass ich alles brav hinunterschlucke, warst du davon überzeugt, dass sie nicht unter meiner Zunge landen, dass ich sie nicht irgendwo verstecke, dass ich ein guter Junge und ein guter Sohn sei. Du hast Vertrauen zu mir gefasst und mir von da an die Milch und die Tabletten einfach auf den Nachttisch gestellt. Du bist später nur noch gekommen, um den leeren Becher zu holen, und um zu fragen, ob ich die Tabletten auch wirklich geschluckt hätte. Ich habe gelogen und mit dem Kopf genickt. Und du warst überzeugt davon, deine Pflicht gegenüber deinem einzigen Kind erfüllt zu haben, hast den leeren Becher hinausgetragen und das Licht ausgemacht. Ich hatte die Tabletten hinter das Bett geworfen. Ich wusste, dass du immer samstags das Haus putzt, also habe ich am Freitagnachmittag, wenn du einkaufen warst, die ganzen Medikamente hinter dem Bett hervorgeholt – es war jedes Mal eine ganz schöne Sammlung – bin in den Garten gegangen und habe sie unter den Johannisbeersträuchern
vergraben. Ich kann dir sagen, Mama, dass mir das große Genugtuung bereitet hat, denn ich wusste ja, dass du mich vergiften wolltest, wenn auch sicherlich aus Liebe. Das mit dem Ballon wäre dann ja auch wirklich fast passiert, nicht war? Ich wundere mich selbst, wie kindliche Träumereien manchmal
Wirklichkeit werden können, genau wie kindliche Ängste, denn du weißt ja noch, was mit den Sträuchern geschah. Du konntest einfach nicht begreifen, warum sie eingingen und anfingen zu vertrocknen. Ich sehe, wie du im Garten stehst. Wieder einmal sitze ich auf der Fensterbank. Und du stehst vor den
Sträuchern und siehst sie dir ganz genau an. Du befühlst die Blätter. Drehst sie um wie Geldmünzen. Du verstehst nicht, wieso sie krank geworden sind, wo doch alles ringsum wächst, grünt und Früchte trägt. Nur die armen Sträucher gehen ein. Und dann rufst du mich, zeigst auf die Sträucher und sagst: „Siehst
du, mein Sohn, genauso würde es dir ergehen, wenn du nicht so brav deine Medizin nehmen würdest, sieh dir diese Sträucher genau an.“ Du streichelst mir über den Kopf und nimmst mich in den Arm. „Diese Sträucher sterben, weil eine schreckliche Krankheit sie befallen hat. Wenn du nicht regelmäßig die Tabletten nehmen würdest, die ich dir gebe, würdest du vielleicht auch so enden wie diese Johannisbeersträucher. Du könntest vertrocknen, sterben. Ich weiß nicht, was ich dann tun würde. Du bist doch mein Ein und Alles.“

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau