ALLTAG

Ich finde es nach wie vor äußerst bedauerlich, dass in Polen so wenig Erzählbände erscheinen, wo es doch keineswegs an Autoren mangelt, die wie geschaffen für diese Gattung sind. Zu diesen gehört ohne Zweifel auch Ewa Schilling, die zwar mit einem Erzählband debütierte, doch anschließend zwei Romane veröffentlichte, die ihren Ruf als „führende Autorin lesbischer Prosa” begründeten.
Auch in ihrem neuen Buch wehrt sie sich nicht gegen diese Etikettierung, es muss jedoch betont werden, dass nicht alle dreizehn Heldinnen ihres neuen Erzählbandes homosexuelle Neigungen haben – oder dies jedenfalls nicht explizit erwähnt wird. Wanda ist die Witwe eines berühmten Schriftstellers, die nach dem Tode ihres Partners, für den sie sich jahrelang aufgeopfert und dem zuliebe sie ihre eigenen Ambitionen aufgegeben hat, erst lernen muss, sich selbst zu lieben. Die junge Emilia wiederum bereitet sich auf ein Leben ohne ihre Mutter vor, die unheilbar erkrankt ist, und die schwangere Bożena stellt sich die Frage, wie ihr Leben aussähe, wenn sie sich für eine schwierigere, jedoch mehr ihrer Veranlagung entsprechende Liebe entschieden hätte. Małgorzata schließlich, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde, taucht selbst erst ganz am Ende einer Erzählung auf, deren dramatische Ereignisse von ihrer Schwester rekonstruiert werden. Die weiteren Heldinnen beginnen oder beenden Beziehungen, die oft Provokationen gegenüber einer ihnen feindlich gesinnten Gesellschaft (und auch gegenüber ihren Familien) darstellen.
Auch wenn die Autorin nie den gesellschaftlichen Kontext vergisst, der so bestimmend für den lesbischen Alltag ist, reduziert sie ihre Prosa doch keineswegs auf einen Appell für mehr Toleranz. Die dreizehn Erzählungen dieses Bandes lassen sich einfach als Liebesgeschichten lesen, mit interessanten und klar gezeichneten Figuren, die bisweilen so stark kontrastieren, dass es kaum vorstellbar ist, wie sie miteinander kommunizieren und die zwischen ihnen bestehenden Barrieren überwinden können. Doch Schilling versteht es, die Atmosphäre des Wundersamen, welche das Aufeinandertreffen „zweier Hälften” umgibt, durch einen sparsamen, geradezu dokumentarischen Stil auszugleichen, der frei von jeder Sentimentalität (jedoch nicht von Lyrismus) ist. Sie arrangiert die fiktiven Situationen auf eine äußerst suggestive Weise, die keinerlei Zweifel an ihnen aufkommen lässt. Es gibt zwar ein übergreifendes Thema, das sämtliche Erzählungen des Bandes miteinander verbindet, doch jede der Erzählungen nähert sich diesem Thema auf eine andere Weise. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele interessante Szenarien die Autorin noch entwerfen könnte – und dies allein kann schon als Beweis für ihr außerordentliches Talent gelten.

Marta Mizuro

AUSZUG