FRÄULEIN FERBELIN

Die Handlung des Romans spielt in Danzig in einer nicht näher bestimmten Epoche. Höchstwahrscheinlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Stadt zu Preußen gehörte, doch es gibt zahlreiche Motive, die auf einen früheren oder späteren Zeitraum verweisen. Ebenso gut kann man in dem von Chwin erschaffenen fantastischen Danzig auch eine Siedlung aus der Zeit des römischen Imperiums erkennen, an deren Spitze der Prokurator Hammels, ein moderner Pontius Pilatus steht. Denn die Handlung von Fräulein Ferbelin geht von der Idee einer Wiederkehr Jesu Christi und der daraus entstehenden Konsequenzen aus. Der Messias dieses Romans ist eine Figur, die von den Danzigern als „der Neustädter Lehrer” bezeichnet wird. Dieser Mann, dessen richtiger Name Kurt Niemand lautet, kam aus Danzig nach Pommern, fand Arbeit auf der Danziger Werft und begann, sich für die Rechte der Arbeiter einzusetzen. Er wurde zu einem Anwalt der Unterdrückten und schließlich zu einem Prediger und Wunderheiler. Auch Maria Ferbelin, die zweite Hauptfigur des Romans, lauscht den Predigten, die der Neustädter Lehrer jeden Abend an der Stadtgrenze hält. Nachdem der Meister – wie er von Fräulein Ferbelin genannt wird – ihren Vater heilt, entwickelt sich zwischen den beiden eine leidenschaftliche Beziehung. Tagsüber arbeitet Maria als Privatlehrerin von Helmut Hammels, dem Sohn des Prokurators, die Nächte verbringt sie mit ihrem Liebhaber. Den Wendepunkt dieser fantastischen Geschichte bildet ein Bombenattentat auf den Danziger Bahnhof, bei dem viele Menschen ums Leben kommen. Die Polizei benötigt dringend einen Schuldigen, und der Meister, dessen flammende Reden eine Bedrohung für die weltlichen und geistlichen Machthaber (die Stadtoberen und die katholischen Hierarchen) darstellt, bietet sich als Sündenbock geradezu an. Von diesem Moment an entwickelt sich die Handlung des Romans parallel zu den Geschehnissen in Jerusalem vor zweitausend Jahren (die Verhaftung des Meisters, das Verhör vor dem Hohen Rat unter dem Vorsitz des Danziger Bischofs usw.). Maria Ferbelin, die im Haus des Prokurators arbeitet und dessen Vertrauen genießt, entwirft einen raffinierten Plan, um ihren Geliebten zu retten. Durch ihre Klugheit und Entschlossenheit bewahrt sie den Neustädter Lehrer vor dem Schicksal der Kreuzigung. Fräulein Ferbelin ist ein ungewöhnlicher Ideenroman, der eine dynamische, mitunter fantastische Handlung mit moralphilosophischen Reflexionen verbindet.

AUSZUG

Am Sonnabend erhielt sie gegen zehn Uhr, wenige Minuten, nachdem sie im Mansardenzimmer erwacht war, in dem sie zum ersten Mal genächtigt hatte, eine Einladung, besser Vorladung in Prokurator Hammels’ Arbeitszimmer. Überbracht wurde sie mündlich von Frau Sonnenberg, die ohne zu klopfen ihr Schlafzimmer betrat, ungeachtet der frühen Stunde; als sie die Vorhänge geöffnet hatte, sagte sie, der Prokurator pflege in regelmäßigen Abständen mit den Lehrerinnen, die er beschäftige, über die Fortschritte seines Sohnes zu sprechen, und jetzt sei es wieder an der Zeit für ein solches Gespräch, er erwarte sie eine halbe Stunde nach dem Frühstück.
Im Arbeitszimmer im Parterre war Maria noch nie gewesen, sie hatte auch noch nie mit Prokurator Hammels von Angesicht zu Angesicht gesprochen, deshalb dachte sie manchmal bei sich, wenn sie Helmut unterrichtete, Prokurator Hammels beschäftige vor allem deshalb Hauslehrerinnen, weil ihm das Schicksal seines Sohnes nicht sonderlich am Herzen lag; die Annahme erwies sich bereits nach ein paar Augenblicken des Gesprächs als völlig unzutreffend.
Als sie das Arbeitszimmer betrat, saß Prokurator Hammels mit einem offenen Buch in der Hand im Sessel, er legte es bei ihrem Anblick nicht zur Seite, sondern bedeckte lediglich mit der offenen Hand die offenen Seiten – im übrigen ohne jede Hast. Auf ihnen befanden sich, wie sie bemerkte, in intensivem Purpur und Violett gehaltene Stiche, die sie im ersten Augenblick für anstößig hielt, was aber wohl nicht zutraf, denn als er seine Hand von den Seiten hob, sah sie, dass sie Blumen oder Pflanzen darstellten, die den beschämenden Körperteilen von Mann und Frau zwar ähnelten, aber ebensogut Bilder von Amazonasschmetterlingen oder anderen Insekten mit gläsernen, purpurfarbenen Flügeln sein mochten, die selbstredend die Blicke auf sich zogen. Dieses Trugbild brachte sie aus dem Tritt, entrüstete sie sogar, umso mehr da sie, als sie an der anderen Seite des Tisches Platz nahm, bemerkte, dass der Eindruck, den sie am ersten Tag gewonnen hatte, als sie Prokurator Hammels auf der Treppe begegnet war, nicht zutraf. Prokurator Hammels sah nicht im geringsten müde aus, ganz im Gegenteil: Er saß in einem weißen, bis zur Brust offenen Hemd vor ihr, gelassen, gelöst, scheinbar noch schlaftrunken, nur in seinem Gesicht geschah Ungutes. Als er sich über den Tisch beugte, um Tee in die Tasse einzuschenken und ihr den Korb mit frischen, knusprigen Brötchen zu reichen, gewann sein leicht asymmetrisches, mal gewinnendes und warmherziges, mal befremdlich entstelltes und kühles Gesicht – es hatte den Anschein, als ob das Sonnenlicht, das durch die herabgelassenen Jalousien ins Zimmer fiel, darin verborgene Züge an den Tag brächte, die sie nicht offen beim Namen nennen wollte – tierische oder schlimmer noch – sie scheute vor dem Wort zurück – insektenhafte Züge, was sie mit dem hastigen Gedanken von sich wies, sie erliege einem unguten Trugbild, also müsse sie ihre Phantasie zügeln.
„Hören Sie nur, was der Verfasser dieses Buchs schreibt“, Prokurator Hammels hob den Band mit den Stichen, den er in der Hand hielt, empor, als sie an der anderen Seite des Tisches Platz genommen hatte, der mit Porzellangeschirr gedeckt war. „‘Wer sich nie einem Kampf stellt, wird niemals eine Niederlage erleiden. Eine Niederlage erleidet nur, wer sich dem Kampf stellt. Etwa wenn jemand schwer erkrankt und sich mit allen Kräften müht zu genesen. Verfährt er so, setzt er sich unvernünftigerweise einer Niederlage aus, denn wenn die Krankheit ihn besiegt hat, wird er sich von ihr gebrochen fühlen. Wer nicht gegen die Krankheit kämpft, sondern sich ihr schlicht hingibt, wird niemals eine solche Demütigung erleiden.’ Meinen Sie”, wandte er sich an Maria, „der Gedanke ist vernünftig?” „Ich denke, dass die übersteigerte Angst vor Fehlern, die wir begehen können, uns von Kindesbeinen an zerstört“, antwortete sie widerwillig in Erinnerung an die Krankheit des Vaters, obwohl es ihr Freude bereitete,
dass Prokurator Hammels sich mit einer Frage an sie wandte, auf die es keine simple Antwort gab. „Ihre Frau ist unlängst verstorben?” Obwohl die Frage, die sie gestellt hatte, unvermutet kam, ja sogar recht dreist klang, fuhr er fort, den Tee mit einem Silberlöffel umzurühren. „Ja, unlängst. „Denn sehen Sie, Ihr Sohn.... „Darüber werden wir nicht sprechen“, fiel er ihr entschieden ins Wort, obwohl es ihrer Ansicht nach kein dringenderes Thema gab. „Ihr Sohn...“, sagte sie erneut, „sollte seine Mutter vergessen.“ „Mein Fräulein“, Prokurator Hammels’ Augen färbten sich kalt, „sind Sie sich darüber im Klaren, was Sie da sagen? Ein Kind soll seine Mutter vergessen?“. „Ihre Frau ist tot.“ „Und?“, schlug er die Faust auf den Tisch, doch einen Augenblick später strich er mit der offenen Hand über die glänzende Tischplatte, als wollte er sich für den Schlag entschuldigen. „Sie ist seine Mutter. Gleich, ob sie tot ist oder lebt.“ „Sie bringen ihn in eine ungute Lage.” „Was meinen Sie damit?” zischte er durch die zusammengebissenen Zähne, als wollte er einen tiefverborgenen Schmerz in sich ersticken. „Soll er sie ein zweites Mal töten? Ist es das, was Sie wollen?“ „Er sollte sie vergessen“, wiederholte sie mit Nachdruck. „Wenn er das nicht tut, geht er daran zugrunde. Wie…“. „Wie ich, wollten Sie sagen?“ Die Worte brachten sie aus dem Gleichgewicht. Sie spürte eine Mauer vor sich. Er ließ sie indes nicht aus den Augen. „Sie haben scheinbar in unserem Gespräch ihre Kompetenzen überschritten.“ Sie schüttelte den Kopf, als hätte sie einen störrischen Schüler vor sich. „Wenn wir Ihren Sohn da nicht herausholen, wird es ihm übel ergehen. Wissen Sie, was er mir während unseres
ersten Gesprächs gesagt hat?“ Er blickte sie ungerührt an: „Was?” „Dass ich hier angestellt worden bin, damit Sie mit mir schlafen können.“ Er brach in schallendes Gelächter aus. „Hat er das wirklich gesagt?” Er lachte so, dass sich seine Augen schlossen, was ihr einen empfindlichen Stich versetzte. „Da gibt es nichts zu lachen“, sagte sie, ohne ihren Abscheu zu verhehlen. „Ein kleiner Junge sollte solche Dinge nicht sagen.” „Warum?” Das Lachen wich nicht aus seinem Gesicht. „Er ist klüger, als ich annahm.“ Als sie das hörte, überflutete eine Hitzewelle ihre Wangen. „Es ist also wahr?” „Liebes Fräulein Ferbelin“, entspannte er sich und blinzelte, „Sie legen übergroßen Wert auf Worte.” „Es ist also wahr?”, fragte sie erneut. „Ach”, er lächelte immer noch, obwohl es in seinen Augen ungut funkelte, „Sie sind hier, um meinen Sohn in Französisch, Mathematik und Geographie zu unterrichten. Seine Erziehung überlassen Sie bitte mir. Wissen Sie…“, sagte er achtlos einen Augenblick später, „dass nur ein einziges Wort von mir genügt, damit Sie wegen versuchten Mordes an meinem Sohn verhaftet werden?“ „Das ist doch blanker Unsinn!“, brach es so aus ihr heraus, dass sie Angst vor der eigenen Courage bekam. „Sie nennen meine Worte Unsinn? Vergessen Sie sich nicht etwa?“ „Entschuldigung“, sie biss sich auf die Zähne, legte die Hände auf die Knie wie eine Schülerin, die eine Prüfung vor einer Kommission ablegt, doch in ihrem Inneren brodelte es. „Das habe ich nicht gemeint.“ „Und im übrigen“, sagte er trübselig, „werden Sie niemals erfahren, warum Sie hier angestellt wurden. Sie müssen zugeben, dass Sie sich selbst darüber wundern.”‘

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier