GOOD NIGHT, JERZY

Handelt es sich bei Janusz Głowackis neustem Werk um einen biografischen Roman über den Schriftsteller Jerzy Kosiński? Dies wäre die einfachste aller möglichen Interpretationen, doch sie wäre trügerisch, denn “Good night, Jerzy” ist ein komplexer, vielschichtiger und bruchstückhafter Roman. Auch wenn der Hauptstrang der Handlung sich auf die Figur Jerzy Kosińskis konzentriert, so bilden doch die Erlebnisse des Erzählers (eines literarischen Alter Ego Janusz Głowackis), der für einen deutschen Filmproduzenten ein Drehbuch über den Autor von “Der bemalte Vogel” verfassen soll, die zentrale Handlungsachse des Romans, aus der sich alle anderen Handlungsstränge entwickeln. Der Erzähler führt den Leser durch das zeitgenössische New York, lässt ihn hinter die Kulissen des amerikanischen Literaturbusiness blicken, das er als einen Jahrmarkt der Eitelkeiten voller rücksichtloser Literaturagenten und ruhmsüchtiger Autoren beschreibt, er schildert die Geschichte einer toxischen Dreiecksbeziehung zwischen dem deutschen Filmproduzenten, dessen junger russischer Frau und Jerzy Kosiński, er erzählt die Träume des Helden ...
Warum interessiert sich Janusz Głowacki gerade für Kosiński? Ging es ihm ausschließlich darum, an diesen skandalösen polnisch-jüdisch-amerikanischen Schriftsteller zu erinnern, der von manchen als herausragender, kompromissloser Schriftsteller angesehen wird, während andere ihn für einen Hochstapler und Mythomanen halten, einen Menschen, der Karriere machte, indem er andere Menschen manipulierte? Ja und nein. Głowackis Auseinandersetzung mit dem Autor von „Aus den Feuern“ begann bereits vor mehreren Jahren: zunächst in Form eines Theaterstücks, anschließend in Form eines Filmdrehbuchs. Nachdem keines dieser Projekte verwirklicht wurde, entstand aus den Bruchstücken der Roman „Good night, Jerzy”. Dieses Mal vollendete Głowacki seine Geschichte über Jerzy Kosiński, wenn auch auf seine eigene Art und Weise: Er trägt verschiedene Perspektiven zusammen und präsentiert unterschiedliche, oft widersprüchliche Meinungen über den Schriftsteller, ohne jedoch ein eindeutiges Fazit zu ziehen oder einen klaren Schlusspunkt zu setzen. Głowacki zeichnet das Bild eines Schriftstellers, der mit seinen inneren Dämonen kämpft und sich in seinen eigenen Selbstdarstellungen verliert, während er gleichzeitig verzweifelt versucht, sich an der Oberfläche des Lebens zu halten und seine Karriere zu retten.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

- Wenn du meinst ... – seufzte Roger und goss uns noch etwas von dem chilenischen
Rotwein nach. – Aber was willst du eigentlich noch Neues über ihn sagen?
Wir saßen in bequemen Korbsesseln. Es war Oktober, also der Indian Summer, so etwas wie unser Altweibersommer. Über dem Hudson stieg Nebel auf, die Schiffe hatten bereits abgelegt, und die Lichter von New Jersey waren nur noch undeutlich zu erkennen. Roger hatte in letzter Zeit ein wenig zugenommen, doch für seine siebzig Jahre sah er immer noch hervorragend aus.
Seine wässrigen, runden Augen blickten aufmerksam umher und sein Mund war ständig in Bewegung, dauernd knabberte er an irgendwelchen Servietten, Theaterkarten oder Parkscheinen herum, was nicht selten zu Schwierigkeiten führte.
– Denn dass er gelogen hat, wissen wir alle – fügte Raul hinzu. – Und dass er fast nichts Bedeutendes hinterlassen hat, ist auch bekannt.
Der fette schwarze Kater sprang Raul auf den Schoß, knuffte ihn in den Bauch und verlangte gestreichelt zu werden. Raul widmete sich daraufhin ganz dem Kater, der völlig in Ekstase geriet, sich reckte, den Schwanz hob und den Hintern rausstreckte. Als Raul ihn gehorsam am Schwanzansatz kraulte, brach der Kater in ein Winseln aus, das eher nach einem Hund als nach einer Katze klang.
– Auf jeden Fall war er intelligent, und zwar sehr intelligent. – Roger betrachtete liebevoll die Verrenkungen des Katers. – Möglicherweise sogar intelligent genug, um zu ahnen, dass das meiste von dem, was er geschrieben hatte, nichts wert war und beim ersten Windstoß wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde. – Er beugte sich zu Raul hinüber und pustete der Katze auf den Hintern. – Und dass er eben deshalb ein letztes großes Spektakel benötigte. Du weißt doch noch, Raul, Jerzy hat oft davon gesprochen, dass ein Selbstmord die beste Möglichkeit sei, um sein Leben zu verlängern.
Für einen Moment beobachteten wir alle, was mit dem schwarzen Kater vor sich ging. Die drei anderen Katzen beobachteten ihn ebenfalls. Sie hatten ihren Gleichmut abgelegt und begannen sich auf ihren Sesseln zu recken und zu strecken.
– Wenn das so war, – fragte ich – warum seid ihr dann alle vor ihm auf die Knie gefallen? Ihr habt geschrieben, Jerzy sei eine Mischung aus Beckett, Dostojewski, Genet und Kafka.
– Genug, Michael, genug. – Raul versuchte den Kater von seinem Schoß zu schubsen, aber der hatte sich in seiner Hose festgekrallt. – Es reicht, Schwarzer.
Endlich ließ der Kater von ihm ab und sprang sanft auf den Steinfußboden.
– Sieh nur, Roger, Blut ... das gibt schon wieder Kratzspuren – beklagte sich Raul.
– Weshalb, weshalb? – Roger zuckte die Achseln. – Schatz, wasch das mal mit Wasserstoffperoxid aus und hol uns noch eine Flasche. – Er lächelte Raul an und blickte ihm liebevoll nach. Raul stammte aus San Jose und war um einiges jünger als Roger, er bewegte sich wie ein gezähmtes Raubtier. – Wahrscheinlich deshalb, weil die Welt schon lange nicht mehr in der Lage ist, Talent von Untalent und Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Oder aus irgendeinem anderen Grund. Vielleicht deshalb, weil Amerika jemanden wie Jerzy nie zuvor gesehen hatte. Deshalb hat er uns alle in den Arsch gefickt. Aber so wie wir das verstanden haben, willst du dich jetzt noch nach seinem Tod bei ihm revanchieren.
– Moment – sagte ich. – Jetzt mal langsam ...
– Nun sei bloß nicht beleidigt. Weiß du noch, Raul, er roch immer so seltsam.
– Irgendwie nach Patschuli – bemerkte Raul.
– Nein, nein, nein. Das war nicht Patschuli. Kam dir schon einmal in den Sinn, Janusz, dass jede Seele einen bestimmten Geruch hat? Sie kann nach Ziege riechen, oder auch nach Rosen. In der Bibel steht, dass Gott, als er den Menschen erschuf, ihm seine göttliche Seele durch den Mund einblies. Aber vielleicht kam ja zur selben Zeit der Teufel angeschlichen und hat ihm die seine durch den Arsch eingeblasen. Ich habe nur eine Bitte an dich, Janusz: Beleidige nicht unsere Intelligenz und erzähl uns nicht, dass du die Wahrheit über ihn schreiben willst.
– Genau – warf Raul ein. – Vergiss nicht: Je weiter du dich von der Wahrheit entfernst, desto näher kommst du Jerzy.
Roger nickte.
– So oder so, wir wünschen dir viel Erfolg. Natürlich wird es haufenweise Leute geben, die lauthals über dich herfallen, sie hätten ihn besser gekannt und alles sei ganz anders gewesen. Doch das sollte dir nichts ausmachen, denn du hast ja als Erster mit Scheiße geschmissen. Auf uns brauchst du dann aber nicht zu zählen. Denn wir sind uns nicht einmal sicher, ob es in New York außer uns überhaupt noch jemanden gibt, der sich an Jerzy erinnert.
– Na, jetzt übertreibt ihr aber – sagte ich.
Raul entkorkte eine neue Flasche, während zu unseren Füßen die vier Kater aneinandergerieten und sich zu einem Knäuel aus Miauen und Jaulen, Kratzen und Beißen verwickelten. Eine wahre Kastratenorgie brach los.

Am nächsten Tag verschlechterte sich das Wetter, und es begann plötzlich zu regnen. Ich ging zu Barnes & Noble, einer riesigen, mehrstöckigen Buchhandlung auf dem Broadway, gegenüber dem Lincoln Center, und fragte nach einer Monografie über Jerzy Kosiński.
– Über wen? Kannst du das mal buchstabieren? – bat mich der junge Verkäufer.
Ich buchstabierte einmal, dann noch einmal und noch einmal, bereits mit den Zähnen knirschend. Er klapperte auf seiner Tastatur herum, schüttelte den Kopf und sagte:
– Nichts.
– Nichts?
– Nichts!
Ich ließ die Schultern hängen, begann zu zweifeln und ließ es fürs Erste gut sein mit Jerzy.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau