DAS LAND NOD

„Das Land Nod" ist ein umfangreicher, mit epischem Schwung geschriebener Roman, der die Schicksale einer ganzen Reihe von Personen schildert – einfacher Bürger, die vollständig in ihrem Alltag versunken und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Gegenstand der Erzählung ist – so hochtrabend das auch klingen mag – das menschliche Schicksal und das in Routine erstarrte Leben. Zumindest bis zu einem bestimmten Moment: Im späteren Verlauf dringt die politische Geschichte in die Banalität des Alltags ein (die Handlung spielt in und um Tarnów in der Zeit vor, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg). Die Figuren des Romans stammen aus unterschiedlichsten Milieus, wenngleich der Schwerpunkt auf die polnischen und jüdischen Bewohner dieser Region gelegt wurde. Doch es gibt auch einen Ukrainer, einige Deutsche und sogar einen Schlesier, der sich in der Nähe von Tarnów niedergelassen hat. Die Figuren repräsentieren sämtliche sozialen Schichten sowie unterschiedliche Mentalitäten, Berufe und Weltanschauungen. Der Roman setzt sich aus vielen losen, zum Teil nur skizzenhaft dargestellten Episoden zusammen. Offensichtlich ging es Kobierski um die Beschreibung (und die künstlerische Erhöhung) des Alltags. Wie bereits angedeutet, verändert sich die gesamte Situation im September 1939, als die Gewalt und das allgegenwärtige Verbrechen in die geordnete, ein wenig verschlafene Welt der ostpolnischen Provinz eindringen. Es kommt zu einem metaphysischen Skandal, den niemand begreifen kann, nicht einmal die im Talmud bewanderten Juden. Was zum Vorschein kommt, ist das Land Nod, das Land östlich von Eden, ein Ort der Verbannung und des Leidens. Die soziale und politische Geschichte leuchtet – wie alles in diesem Roman – nur blitzartig auf. Es geht dem Autor nicht vorrangig um Historizität und soziale Fakten. Diese dienen gewissermaßen der Illustration bzw. Bestätigung jener fundamentalen Erkenntnisse zur Conditio humana, die wohl am treffendsten im Alten Testament formuliert sind. Die fundamentalste dieser Erkenntnisse, die am Ende des Romans offenbart wird, lautet: „Der Mensch wandelt auf ewig im Land der Verbannung”. „Das Land Nod” beeindruckt durch die Akribie der Recherche: Die vom Autor rekonstruierte Welt ist überaus glaubhaft, die Figuren sind lebendig und die Situationen ergreifend – ganz so, als hätte der Autor sie selbst miterlebt. Der Roman wurde in einer sehr gewählten Sprache geschrieben und wohl bewusst als ein Gegenentwurf zu den aktuellen literarischen Moden und Trends konzipiert.

Dariusz Nowacki

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