SATURN

"Saturn" ist ein überaus geistreiches und komplexes Werk, das unterschiedliche Erzählmuster in sich vereint. Auf der untersten Ebene ist das Buch ein moderner biografischer Roman über das Leben und Werk von Francisco de Goya. Doch neben diesem steht gleichberechtigt eine weitere Figur, die heute kaum noch jemandem bekannt ist: Javier Goya, der einzige Sohn des genialen Malers. Später kommt noch ein dritter männlicher Protagonist hinzu: Mariano, der Sohn von Javier und Enkel von Francisco. Die literarische Fiktion entspinnt sich somit um die Fakten, die sich in den gängigen Abhandlungen über den großen spanischen Maler und seine Epoche finden. Auf der zweiten Ebene ist "Saturn" ein Familienroman, der sich um ödipale Verwicklungen und eine verhinderte Vaterschaft dreht. Und auf der dritten Ebene ist "Saturn" ein Künstlerroman, der stellenweise essayistische Züge annimmt und dessen Handlung von zahlreichen Ekphrasen (d. h. literarischen Beschreibungen von Gemälden) unterbrochen wird, die einerseits als Kontrapunkt dienen und andererseits die auf der Handlungsebene dargestellten Ereignisse kommentieren. Alle diese Konventionen und Bedeutungsanhäufungen laufen in einem Punkt zusammen: im Versuch der Interpretation eines der geheimnisvollsten Werke Goyas, des Freskenzyklus "Die Schwarzen Bilder". Wie er selbst bereits im Vorwort darlegt, geht Jacek Dehnel von der Hypothese aus, dass dieses Spätwerk Goyas in Wirklichkeit bereits nach dessen Tode von seinem Sohn Javier angefertigt wurde, der in diesen Fresken die Geschichte seiner Familie verschlüsselte und einen künstlerischen Ausdruck für die schwierige Beziehung zu seinem monströsen Vater fand: einem Despoten, Lüstling und Mythomanen. Mit anderen Worten: In der Darstellung des seine Kinder verschlingenden Gottes Saturn sieht sich Javier in der Rolle des Kindes. Warum Javier Goya von seinem allmächtigen und despotischen Vater "aufgefressen" wird, ist nicht ganz klar. Der Autor geht dieser Sache auf den Grund. Eine der interessantesten Spuren führt über die Entdeckung einer stürmischen homosexuellen Romanze Goyas. Möglicherweise ging es also darum, dass der missratene Sohn, ein den Freuden des Lebens entsagender Melancholiker, es dem Maler nicht erlaubte, mit seiner homoerotischen Identität zu brechen. Dies ist nur eine von vielen Hypothesen. Das Buch gibt zahlreiche Rätsel auf, und auch Dehnel selbst enthält sich geradliniger Interpretationen: Die familiäre Hölle (im Hause des Künstlers) wird hier keineswegs als Preis für die künstlerische Erfüllung gedeutet. Das Porträt Goyas – des Genies und des Monsters – entzieht sich jeglicher Eindeutigkeit. Und eben darin liegt wohl die größte Stärke dieses Romans.

Dariusz Nowacki

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