OBSOLETES

Obsoletes ist eine schmale Sammlung von insgesamt 43 Prosa-Miniaturen. Verbindendes Element der einzelnen Texte – die Mehrzahl von ihnen nicht länger als eine Seite – sind die Figur der Ich-Erzählerin sowie bestimmte, sich stets wiederholende Motive. Justyna, so der Name der Ich-Erzählerin, ist eine junge, verheiratete Frau mit zwei kleinen Kindern, Poetin aus Berufung und Leidenschaft, die versucht, häusliche Pflichten und literarisches Schaffen unter einen Hut zu bringen.
Die Autorin strebt die Synthese dieser beiden Welten an. Auf der einen Seite steht die Abbildung von Justynas Alltagsleben, auf der anderen Seite werden die einfachsten Erfahrungen in Metaphern gekleidet und mit Traum- und Phantasiebildern verflochten. Bargielskas Prosadebüt ist die Suche nach einer eigenen literarischen Form, der Versuch, eine Textpoetik zu schaffen, in der selbst banale Begebenheiten auf nicht banale Weise dargestellt werden.
Die Motive Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch den Band, wobei das Titelmotiv im Vordergrund steht. Der polnische Originaltitel Obsoletki ist ein von der Autorin selbst geschaffener Neologismus auf der Basis des lateinischen Terminus graviditas obsoleta, der Fehlgeburt. In Justynas Welt wird der Verlust eines Kindes zur zentralen Erfahrung, zur Grenzerfahrung, zur Erfahrung von Verlust an sich.
Doch der Band behandelt nicht nur das persönliche Drama einer Frau oder einer Ehe – Bargielska geht es um mehr. Unter dem Einfluss der einschneidenden Verlusterfahrung beginnt die Protagonistin, fundamentale Fragen zu stellen: nach dem Sinn des Lebens, dem Glücksbegriff, der eigenen Identität. Dabei gilt es jedoch zu betonen, dass all dies sich im Bereich der Andeutungen, der flüchtigen Bilder, der Reflexionen und Phantasien abspielt. Die Erlebnisse der Protagonistin selbst, ihre innere Erfahrungs- und Gedankenwelt sowie die Begebenheiten, die andere Personen ihr mitteilen – alles wird quasi „chiffriert“ dargestellt, vielleicht aus Angst vor der unverhüllten Benennung, vielleicht auch aus einer Ahnung heraus, dass das, was die Autorin sagen möchte, im Grunde unaussprechlich ist.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Ich möchte von meiner letzten Entbindung erzählen
Den Termin für den Kaiserschnitt hatte ich am neunten Mai um neun Uhr morgens. Er war mit Hilfe von vier Kalendern vereinbart worden, also meinem Kalender, dem des Geburtshelfers, dem des Anästhesisten und dem des Pressesprechers vom Bezirksamt. Unser Hauptbestreben war es, dass der Termin sich in allen vier Kalendern deckte. Das tat er auch, doch einen Tag davor machte sich in meiner, nun, Gebärmutter die Befürchtung breit, ich könnte mich nicht an unsere Abmachung halten. Aber ich hielt mich dann doch daran: bis zum Abend hätte ich eine Arbeit abgeben müssen, doch es war erst die Hälfte fertig (ich bin Profi), und das hielt erfolgreich die Wehen in Schach.
Am Freitagmorgen stand ich um halb zwei nach Mitternacht auf und ging ins Badezimmer, Fugen reinigen. Fünf Stunden später standen mein Mann und das ältere Kind auf und wir fuhren los. Das Kind setzten wir unterwegs bei der Kinderfrau ab.
Ich bekam ein Zimmer in aufmunterndem Orange und ein hellblaues Nachthemd mit Stickerei. Irrtümlicherweise hielt ich die unbestimmte Dumpfheit, die mich erfasst hatte, für Konzentration, was am besten kam, als der Arzt mich, nachdem die Small Talk-Themen HIV, RPR, HBs abgehakt waren, fragte:
„Und wo wurde der letzte Kaiserschnitt gemacht?“
Und ich darauf – nach einem schier unendlichen Moment, in dem ich, hätte ich gewollt, zur Wega und zurück hätte fliegen können, wo ich wohl herkommen musste, da er mir solche Fragen stellte:
„Am Bauch.“
Der Arzt blickte meinen Mann an, damit der ihm das übersetzte, und mein Mann übersetzte: „In Warschau, im Krankenhaus von Praga.“
Dann kamen sie zu mir, ich sollte schon in den Operationssaal gehen. Sie konnten mir nicht begreiflich machen, warum ich meinen Schlüpfer ausziehen sollte, doch ich beschloss, mich ihren irrationalen Argumenten zu beugen – schließlich konnte es das letzte Mal sein, dass ich mich irrationalen Argumenten beugen musste, was das Ausziehen meines Schlüpfers betraf.
Schon auf dem Operationstisch sagte der Gynäkologe dann zu mir:
„Ach, jetzt habe ich ganz vergessen, Sie zu untersuchen.“
Und da stellte sich heraus, dass ich schon seit längerer Zeit am Gebären war, ja, eigentlich schon fast fertig, und nur durch die Fugen abgelenkt gewesen war und es nicht bemerkt hatte.
Danach aber ging alles blitzschnell: sie zogen den Kleinen heraus, er sah aus wie eine Weißwurst, und nahmen ihn mit nach nebenan zum Messen. Der Kinderarzt pfiff nach meinem Mann, dass er mitkommen sollte, und die Betäubung hörte auf zu wirken. Ich sagte dem Anästhesisten, dass die Betäubung wohl aufgehört habe, zu wirken, worauf er meinte:
„Aber nicht doch!“
Und das ist exakt der Moment, in dem ich mich in ihn verliebte.
Der Kinderarzt kam noch einmal mit meinem Mann zurück, um das Ergebnis der Messung bekanntzugeben.
„Sechsundfünfzig Zentimeter“, sagte er, worauf mein Mann bemerkte, dass der Kinderarzt wohl falsch gemessen habe, und beide noch einmal im Nebenraum verschwanden.
Dann gingen Anästhesist, Gynäkologe und Hebamme, nachdem sie noch freundlich „Danke“ zu mir gesagt hatten.
„Danke ebenfalls“, erwiderte ich.
Zurück blieben nur ich und die zweite Hebamme, ich: weinend – die Hebamme: mich waschend. Die Kacheln hatten einen ausgeblichenen Khaki-Ton.
Das nächste Mal möchte ich vom Balkontod meines Katers Paweł erzählen.

Wie mein Kater Paweł den Balkontod starb Paweł hatte von Anfang an bei mir und meinem Mann gelebt. Mein Mann hatte ihn mitgebracht, zusammen mit einer Plastiktüte, in der Zahn- und andere Bürsten lagen, und der Frage, ob sie bei mir einziehen dürften. Sie durften, und Paweł war damals zwischen acht und zwölf Zoll lang und hatte auf einer Seite weiße Schnurrhaare, auf der anderen schwarze. Später war Paweł auf verschiedenen Familienfotos zu sehen, bis zum letzten Freitag im Mai, als er den Balkontod starb.
Gerade war meine Schwester mit ihrem Sohn zu Besuch gekommen.
Ich gebe ihr nicht die Schuld, mir ist schon klar, dass mein nachlässiges Unterbewusstsein Paweł tötete, um der Synchronie willen möchte ich jedoch betonen, dass sie gerade in dem Moment gekommen waren und den für sie typischen Luftwirbel veranstalteten, den meine Wasserkinder und ich immer von einem schmalen Grat zwischen Achselzucken und Nervenzusammenbruch aus beobachteten. Um etwas Sauerstoff hereinzulassen, musste die Balkontür geöffnet werden, und ich muss zugeben, dass ich ein klein wenig die Kontrolle über die Situation verloren hatte, und Paweł hinausging – man weiß nicht, wann – und herunterfiel – man weiß nicht, wann, aber man weiß, wohin: auf den Beton.
Aber das hatte ich nicht gesehen, also suchte ich Paweł in der Garderobe und fluchte vor mich hin, denn er durfte nicht in die Garderobe.
Und später dann kam mein Mann von der Arbeit und es wurde uns klar, dass Paweł sich nicht in der Anlage im engeren Sinne befand, also ging mein Mann nachsehen, ob er nicht irgendwo in der Anlage im weiteren Sinne lag. Lag er nicht.
Und so, ein wenig eingelullt von der Hoffnung, standen wir spät in der Nacht auf dem Balkon, als die Kinder schon gegangen waren und schliefen, und sprachen darüber, dass Paweł der Tod vielleicht erst bevorstand, falls er auf den Nachbarbalkon hinübergeklettert war, zu dem Nachbarn, dessen Frau und siebenmonatige Tochter bei einem Autounfall umgekommen waren, denn bei diesem Nachbarn hatte am Nachmittag kurz das Fenster offen gestanden, aber jetzt war es zu, und er war selten zu Hause. Ich freute mich immer, dass es so selten war, denn ich hoffte, ihn nie zu Gesicht zu bekommen – schon nachdem der vorige Eigentümer uns beim Notar von diesem Nachbarn erzählt hatte, hatte ich ihn nie sehen wollen. Einmal packten wir gerade im Flur die Kinder in den Wagen und es kam jemand und ging in die Wohnung dieses Nachbarn, aber mein Mann sagte, das sei nicht der Nachbar, der sei größer und habe mehr Klasse oder so. Und durch den Türspalt sah ich, dass im Vorraum der Wohnung Zuckerpakete herumstanden.
Und so schauten wir von oben und von der Seite auf unser verhältnismäßig neues Haus und seinen kahlen Patio, bis mein Blick auf einen schwarzen Punkt fiel, so etwas wie einen Müllsack, neben dem Müllhäuschen.
„Und das da, das ist nicht Paweł?“, sagte ich zu meinem Mann.
„Ehm, nein“, sagte mein Mann.
Und am nächsten Morgen rief er mich von seinem Arbeitsplatz aus an – er arbeitet in einem Waldgebiet außerhalb der Warschauer Stadtgrenzen – und sagte:
„Nun habe ich ihn also begraben.“

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes