BALLADYNEN UND ROMANZEN

Der Titel des Romans von Ignacy Karpowicz vereint zwei Meisterwerke der polnischen Romantik: den Gedichtband Balladen und Romanzen von Adam Mickiewicz, der als das grundlegende Werk jener Epoche der polnischen Literatur gilt, und Balladyna, eines der bedeutendsten Dramen von Juliusz Słowacki. Lässt sich der Titel des Romans noch relativ leicht erklären, so fällt eine Antwort auf die Frage, worum es bei diesem Mischmasch eigentlich geht, schon etwas schwerer. Nicht weniger Schwierigkeiten bereitet die Bedeutung des Begriffes „Polen”.
Eben jenes Polen ist nämlich gerade „im Angebot” und wird von einer Gruppe von Göttern besucht. Die meisten von ihnen stammen vom Olymp, unterstützt werden sie von einigen Gottheiten anderer Religionen wie Jesus, Osiris und Luzifer. Sie alle steigen vom Himmel herab, um den Menschen die Existenz transzendenter Wesen zu beweisen und jene Werte zu stärken, die von der dominierenden Religion unseres globalen Dorfes – der Popkultur – missachtet werden. Doch ihre ehrenwerten Bestrebungen verlaufen im Sande, denn das einzige, was die Götter von den Menschen unterscheidet, ist ihre Unsterblichkeit. Nebenbei gesagt nur im physischen (beziehungsweise metaphysischen) Sinne des Wortes und – bislang.
Am Beginn des Romans steht der Monolog eines chinesischen Glückskekses, der all jene existenziellen Grundsätze zu verkörpern scheint, von denen sich die menschlichen Helden des Buches leiten lassen. Zu ihnen zählen die ehemalige Krankenpflegerin Olga (eine alleinstehende Fünfzigjährige die mit dem Makel des „Mordes auf eigenen Wunsch“ behaftet ist), ihre Schwägerin Anka (die Verkörperung des Cosmogirl), Janek (der typische verwahrloste, von der Gesellschaft alleingelassene Jugendliche ohne Zukunft) sowie Bartek und Rafał (zwei Universitätsdozenten, die den Sinn ihrer Forschung in Frage stellen). Sie alle sind unzufrieden mit ihrem Leben und könnten eine radikale Veränderung dringend gebrauchen. Oder ein Wunder. Wird die göttliche Invasion ihnen zu diesem Wunder verhelfen?
Ich verrate nur soviel, dass Karpowicz in seinem ironischen Traktat über die Situation des modernen Menschen nie in die popkulturelle Falle tappt. Er umgeht geschickt stereotype Handlungsmuster und lenkt die Schicksale seiner menschlichen und göttlichen Helden immer wieder in jene Richtung, die man am wenigsten erwartet. Die philosophische Aussage des Romans findet ihren unmittelbaren Ausdruck in seiner Form: in der tragikomischen Grundstimmung, im Jonglieren mit unterschiedlichen Erzählperspektiven und in seinem chaotischen Aufbau. Das Resultat ist die wohl interessanteste polnische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Postmoderne im Postkommunismus.

Marta Mizuro

AUSZUG

Jesus

Mein Name ist Jesus. Jesus Christus, Pseudonym Ichthys. Ich bin überaus populär, seit zweitausend Jahren im Geschäft. Ich trete hauptsächlich in der Bibel auf, die neben Hair das größte Musical aller Zeiten ist.
Ich bin ein Gott, der eine Gott. Ich bin das Tor und der Weg. Ich bin das Licht und die Erlösung. Und ich bin ein Hirte. Echt jetzt.
Ich bin der eine Gott in der Heiligen Dreifaltigkeit. Das heißt, dass auch mein Vater und der Heilige Geist der eine Gott sind. Wir sind eins, aber doch auch einzelne Personen. Keine schlechte Idee, ein bisschen kompliziert vielleicht. Ich habe meinem Vater und der Täubin von Anfang an gesagt, dass die Leute das nicht kapieren. Die Kultivierten und Wohlgenährten vielleicht noch, aber die Dümmeren und Unterernährten kommen völlig durcheinander, wer da nun wer ist. Ich habe gesagt, lass uns mit dieser Dreifaltigkeit in der Einheit und vice versa noch warten, bis die Menschen entdeckt haben, dass die Welt mehr als drei Dimensionen hat und dass die Quantenphysik nur der erste Schritt zum Verständnis der Welt ist. Aber die beiden nur: Nein, wenn wir die Dreifaltigkeit der Einheit und die Einheit der Dreifaltigkeit verheimlichten, wäre das eine Lüge, und eine Religion auf Lügen aufzubauen sei langfristig äußerst riskant, in den vergangenen Jahrhunderten habe es da genügend Beispiele gegeben. Nein, der einzige Weg zur Erlösung führt über die Wahrheit. Die Wahrheit bin ich, nebenbei gesagt, auch.
Selbstverständlich war ich im Recht. Ich bin ja quasi allwissend. Nicht, dass ich mich darüber gefreut hätte, dass ich im Recht war. Jeder Gott muss sich eben dem Niveau seiner (potenziellen) Anhänger anpassen, dem historischen Augenblick. Ich kann ja nicht in der Steinzeit verkünden, dass jeder Mensch ein Recht auf Spam-Mails und einen Breitbandanschluss hat. Heftige Diskussionen gab es schon bei der Redaktion der Zehn Gebote. Meiner Meinung nach war der ganze Dekalog wenig innovativ und vor allem zu lang, nicht jeder hat schließlich ein gutes Gedächtnis. Aber die beiden nur: Nein, es müssen genau zehn Gebote sein. Bei zehn Geboten kann man nicht auch noch erwarten, dass sie in sich schlüssig, geschweige denn effektiv sind. Erstens kann jemand sämtliche Gebote befolgen und trotzdem ein schlechter Mensch sein. Und zweitens sind das Recht und die Moral im Dekalog zu sehr auf die Familie bezogen, und mit der Familie macht man sich ja bekanntlich am besten auf Fotos. Außerdem ist die Familie ein historischer Begriff, der sich mit der Zeit verändert.
Das nächste Problem war die Sprache. Ich habe meinen beiden anderen Dritteln gesagt: Hört mal, lasst uns das nicht auf Hebräisch oder Aramäisch machen, das sind aussterbende Sprachen, seht euch nur mal die Prognosen und Hochrechnungen an, lasst uns noch ein paar hundert Jahre warten. Ich bin der Gott der Liebe, meine Botschaft sollte in der Sprache der Liebe verkündet werden, am besten auf Französisch. Aber die beiden (also ich) nur: Nein, wir warten nicht länger. Na dann, sage ich, vielleicht Englisch. Da gibt es auch keine Probleme mit der Übersetzung. Aber ich (also die beiden) nur: Nein, Englisch auch nicht.
Das nächste, ernste Problem ergab sich aus meiner eigenen Wesenheit. Weil ich doch gleichzeitig ein Gott und ein Mensch bin. Zwei verschiedene Naturen, wenn auch in einem Körper – so wurde es auf dem Konzil von Chalcedon beschlossen, und ich beugte mich diesem Beschluss; er erreichte mich ziemlich genau vierhundert Jahre nach meinem Tode, zur Feier meines Bühnenjubiläums. Die Idee mit den zwei Naturen war nicht schlecht, die Umsetzung auch nicht, aber wieder lief etwas nicht nach meiner Vorstellung. Ich fand, die Sache mit der Auferstehung war ein grundlegender Fehler. Wir hätten diesen ganzen ägyptischen Ballast einfach über Bord werfen müssen. Wenn die Menschen gut werden sollen, müssen sie erkennen, dass sie nach dem Tode nichts zu erwarten haben, dass es keinen Himmel gibt und kein Jüngstes Gericht. Und wenn doch mal jemand in den Himmel auffährt, dann ist das ein Bonus, eine Auszeichnung für jene, die gar nicht damit gerechnet haben.
Leider waren meine beiden anderen Drittel da anderer Meinung. Ohne Himmel und Hölle würden die Menschen niemals gut werden, es gäbe keine Erlösung und alle wären sauer und frustriert. Na, und wieder einmal hatte ich recht. Ich bin eben ein Gott, und selbst wenn meine anderen beiden Drittel mit mir im Streit liegen, weiß ich doch genau, wie die Welt einmal enden wird.
Deshalb möchte ich vom Himmel herabsteigen und sterben. Nichts Spektakuläres. Kein Kreuz, kein Martyrium. Das hat sich nicht bewährt. Die Sache mit der Kreuzigung hat sich als voreilig erwiesen. Diesmal versuche ich es mit grauem Star, Rheuma und Altersschwäche. Ich werde mit meiner geliebten Nike auf die Erde hinabsteigen, meine Allmacht an den Nagel hängen, Einkäufe machen und mich erkälten. Ich werde kleine Wohltaten vollbringen. Wunder kommen nicht infrage. Ich werde meine Miete zahlen und acht Stunden am Tag arbeiten.
Ich bin Philanthrop. Ich liebe die Menschen. Vielleicht weil ich Humor habe. Ohne Humor gibt es keine Liebe. Ich habe einmal vorgeschlagen, eines der Gebote durch dieses hier zu ersetzen: „Du sollst jeden Tag lachen, und am Tag des Herrn noch mehr. Lachen ist das Tor zum Guten, ein Pflaster für die Seele, das Auge der Erlösung.“ Auch das wurde abgelehnt.
Die Erlösung ist der Schnittpunkt sämtlicher Dimensionen, an den ich die Menschheit führen will. Ein Punkt der Materie, denn außer der Materie in all ihren Ebenen gibt es nichts – nur die ultimative Dimension. Ich glaube an die Apokatastase: die allumfassende Erlösung. Ohne Hölle, ohne Schluchten und Abgründe. Mit diesem Glauben bin ich in der Minderheit. Zwei Drittel von mir fordern das Jüngste Gericht. Sie argumentieren, dass die Schöpfung gut ist und somit auch das gemeinste Wesen das Zeichen des Guten trägt. Es ist nicht leicht, gegen die Mehrheit zu argumentieren, vor allem wenn man allein ist.
Ich gebe zu, dass ich im Verlauf der letzten Jahrhunderte gezweifelt habe. An der Apokatastase und überhaupt an mir selbst, oder besser gesagt einem Drittel von mir. Nach der Party im Roten Meer war ich am absoluten Tiefpunkt angekommen. Nike hatte mir von Zeus' Plan erzählt, und der hatte mir nicht besonders gefallen. Später, als Nike bereits gegangen war und ich mit hängendem Kopf, verzweifelt und zerrissen dasaß, hatte ich eine Erleuchtung. Der Plan der Olympier lief meinen eigenen Plänen gar nicht zuwider, er begünstigte sie sogar. Ihr müsst wissen, ich war nie Anhänger der Idee eines einzigen Gottes: Ich wurde überstimmt, was ja bereits in sich paradox ist. Ich fand immer, dass es besser war, mit den anderen Göttern zusammenzuarbeiten, als sie zu bekämpfen. Mir scheint, dass der Plan der Griechen uns allen noch einmal eine Chance gibt. Diesmal wiederhole ich nicht die alten Fehler: Die Wiederauferstehung ist, wie schon gesagt, gestrichen; Himmel, Hölle und Fegefeuer – ebenfalls gestrichen; die Zehn Gebote – bis auf Weiteres verschoben. Ich brauche etwas Einfacheres. Ein Gebot reicht schon, vielleicht mit Anmerkungen, zum Beispiel: Jeder hat das Recht, glücklich zu sein, zu lachen, Fehler zu machen, zu lieben. Wir können das auslosen.
Diesmal wird es gelingen. Ich bin der Pantokrator, das Alpha und das Omega, die Allmacht und das ewige Licht. Ich bin das Tor und die Kirche. Ich weiß, ich sollte nicht so viel Wind darum machen, aber manchmal ist es gut, sich daran zu erinnern, wer man ist.
Hoffnung erfüllte mich. Die Hoffnung ist – so unglücklich will es das Schicksal – eine jener Plagen, die nicht der Büchse der Pandora entwichen sind. In Wirklichkeit war es übrigens ein Fass. Aber das nur nebenbei.
Ich machte mich frisch, zog mich um und eilte zu Nike. Ich erzählte ihr alles und bei dieser Gelegenheit lernte ich auch Aphrodite kennen. Sie ist noch schöner, als man sich erzählt. Nike gestand mir ihre Liebe. Wir werden gemeinsam vom Himmel herabsteigen. Gleich nach dem Fest zu Ehren Athenes und Osiris.
Osiris ist ein alter Kumpel von mir, noch aus der Zeit vor meiner Kreuzigung. Er war der erste Gott, der von den Toten wiederauferstanden ist. Nicht weit übrigens von Golgota, etwa eine Stunde mit dem Flugzeug, auf Engelsflügen etwas schneller.
Wir werden zur Erde hinabsteigen. Der himmlische Vorhang wird sich ein letztes Mal heben. Halleluja.
Ich werde gleich zum Juwelier laufen, ich will Nike um ihre Hand bitten. Ich brauche einen Ring, vielleicht einen aus Adamant?

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau