WELPEN

Immer mehr junge polnische Schriftsteller wenden sich literarischen Programmen wie dem Turpismus oder Surrealismus zu, die ihre Blüte vor etwa einem halben Jahrhundert erlebten. Es ist nicht auszuschließen, dass sich in der Wahl einer Ausdrucksform, die auf der Deformierung der Wirklichkeit beruht, eine gewisse Enttäuschung über das konkrete „Hier und Jetzt“ und eine Distanzierung von den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen andeutet. Auch die Erzählungen von Sylwia Siedlecka spielen nicht in einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Raum. Zwar lassen sich einige der Erzählungen aufgrund bestimmter Requisiten dem 21. Jahrhundert zuordnen, doch daneben enthält die Sammlung auch Texte, die nicht in diese Welt passen (z. B. die ungewöhnliche Erzählung „Kinder“).
Auch wenn viele der beschriebenen Figuren und Situationen surreale Züge tragen und die Handlung einer Logik des Traums folgt, weisen andere Erzählungen nur wenige und unauffällige surreale Elemente auf. Was die Erzählungen miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass die meisten der Protagonisten krank sind, physisch oder psychisch deformiert, sie sind Randexistenzen der Gesellschaft – und der Literatur. Siedlecka beschreibt die Welt dieser Menschen und ergreift Partei für sie. Das wird vor allem in jenen Erzählungen sichtbar, in deren Mittelpunkt einfühlsame junge Frauen stehen, die versuchen, ihre Umwelt zu verändern und den von der Gesellschaft Vergessenen ihre Menschenwürde zurückzugeben („Gips“, „Last minute“, „Hotel Barcelona“). Auch wenn die Bemühungen dieser selbsternannten „Barmherzigen Schwestern“ irrational erscheinen, ist doch die Motivation für sie nachvollziehbar: als Ausdruck eines tiefen Mitgefühls. Verrückt erscheinen sie nur deshalb, weil sie sich so grell von der allgemeinen Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend abheben.
Welpen ist ein außergewöhnlich kohärenter Erzählband. Diese Kohärenz verdankt er seiner philosophischen Grundhaltung, seiner surrealen Sicht der Wirklichkeit und seiner faszinierenden, lyrischen Sprache. Die suggestiven Sequenzen, die Siedlecka in ihren Texten entwirft, fesseln den Leser, lassen ihn nicht mehr los und zwingen ihn zu einer Korrektur seines Weltbilds. Dieses Buch lässt sich nicht ignorieren, ebenso wenig wie seine Autorin, die bereits mit ihrem Debüt als ausgeprägte Persönlichkeit hervorsticht.

Marta Mizuro

AUSZUG