HAUS

Das fünfte Buch von Piotr Ibrahim Kalwas, dem einzigen polnisch-muslimischen Schriftsteller, unterscheidet sich deutlich von seinen Vorgängern. Salam, Zeit, Tür und Rasa mystica handelten vom Suchen, von Reisen nach Afrika und Indien, die gleichzeitig Reisen in das eigene Selbst waren. Haus hingegen erzählt vom Heimischwerden, vom Sich-Eingewöhnen. Vor fast zwei Jahren verließ Kalwas Warschau, um in die ägyptische Hafenstadt Alexandrien zu ziehen – und eben diese Stadt ist der Held seines neues Romans. Einer der Hauptgründe für Kalwas' Umzug war seine von Jahr zu Jahr wachsende Unzufriedenheit mit der polnischen Konsumgesellschaft und dem westlichen Materialismus. Kalwas hat sich zu diesem Thema mehr als einmal geäußert, und auch Haus enthält einige äußerst kritische Ausführungen zum Thema Europa und Polen, doch sie stehen nicht mehr so im Vordergrund, wie in seinen früheren Büchern. Haus erscheint mir als eine eigentümliche literarische Meditation über die Begegnung mit einer Stadt, über das Zusammenwachsen mit ihr. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Roman deutlich von der zuletzt in Polen so beliebten „Reiseliteratur”.
Was macht die Besonderheit von Kalwas' Werken aus? Der Autor selbst schreibt: „Das ist meine Arbeit. Gehen und Schauen”, doch dabei wendet er sich Dingen zu, die anderen verborgen bleiben. Er beobachtet eine Frau, die aus irgendeinem Grund Tag für Tag am Strand steht, Ameisen, die über die Wände einer Moschee wandern, und die Alltagsrituale seiner Nachbarn. Oder er versucht, hinter das Geheimnis der mysteriösen, fluoreszierenden Pfeile zu kommen, die an die Mauern der Stadt gemalt sind. Auf diese Weise schafft er sein eigenes, privates Alexandria, einen Ort, den er sich auserwählt und den er lieb gewonnen hat. Gleichzeitig nimmt Kalwas in Haus eine sehr spezifische Perspektive ein, die in großem Maße aus seiner eigenen paradoxen Situation resultiert: ein „Mensch von überall”, als den er sich selbst sieht, versucht an einem konkreten Ort heimisch zu werden. Dies führt dazu, dass er weniger das reale als vielmehr ein imaginäres Alexandrien beschreibt, denn seine Wanderungen durch die ägyptische Hafenstadt werden zu Reisen durch Zeit und Raum, in denen sich die Gegenwart mit Erinnerungen an das sozialistische Polen, mit literarischen Bezügen (unter anderem auf die Werke von Edmond Jabès) und philosophischen Abschweifungen verbindet. Es ist eine seltsame, doch in ihrer Seltsamkeit außergewöhnlich schöne Prosa.

Robert Ostaszewski

AUSZUG