DIE FÜNFTE HIMMELSRICHTUNG

Kazimierz Kutz ist ein Mensch mit vielen Talenten und Interessen. Bislang wurde er vor allem als Filmemacher geschätzt, doch zuletzt machte er auch als ein äußerst interessanter Schriftsteller von sich reden. Die Handlung seines Debütromans spielt in Schlesien – was nicht verwundert, da dem in Schlesien geborenen Autor die Probleme dieser Region schon immer am Herzen lagen. Das Buch kann – ohne allzu großen interpretatorischen Aufwand – als eine verkappte Autobiografie des Schriftstellers verstanden werden. Sowohl der Erzähler des Romans – einer der Brüder Basista – als auch die weiteren Protagonisten wurden – ebenso wie der Autor – gegen Ende der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts im heutigen Kattowitzer Stadtteil Szopienice geboren. Basista, der nach einem schweren Unfall gelähmt ist, kehrt zu seiner Mutter nach Schlesien zurück. Dort erfährt er, dass seine beiden besten Freunde Selbstmord begangen haben. Diese Erlebnisse veranlassen ihn, eine Expedition in seine eigene Vergangenheit zu unternehmen. Akribisch rekonstruiert der Erzähler seine eigene Lebensgeschichte und die seiner Bekannten und Freunde, mit denen er während des Krieges eine Art Lerngruppe gebildet hatte: Gemeinsam hatten sie versucht zu verstehen, warum ihre Schicksale so und nicht anders verliefen und welche Bedeutung den von ihnen getroffenen Entscheidungen zukam. Innerhalb der weitschweifigen und verschlungenen Erzählung lassen sich drei Hauptstränge unterscheiden: Die Lebensgeschichten des Erzählers und seiner Freunde stehen neben bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichenden, mit viel Lokalkolorit ausgestatteten Anekdoten aus dem Leben von Schlesiern sowie Reflexionen zum Thema der schlesischen Geschichte und zum Phänomen des Schlesiertums. Leichtfüßig wechselt Kutz zwischen biografischen Details, die die unterschiedlichen Menschenschläge und die Lebensstrategien seiner Landsleute illustrieren, und generellen Aussagen, in denen diese Erfahrungen zusammengeführt werden. Dabei kommt der Autor zu einer traurigen Feststellung. Kutz' Schlesien liegt in der “fünften Himmelsrichtung”, an einem ein Ort, der gleichzeitig existiert und nicht existiert. Im Verlauf der letzten hundert Jahre gehörte diese Region ständig wechselnden Staatsgebilden an. In dieser Zeit wurde sie nie vollständig kolonialisiert, erlangte jedoch auch keine wirkliche Autonomie. Ein ums andere Mal wurde Schlesien zum Spielball einer “von der Kette gelassenen Geschichte”, die das Leben der Menschen dort erschwerte. "Die fünfte Himmelsrichtung" erzählt nicht zuletzt davon, wie schwer es ist, Schlesier zu sein. Kutz' Roman ist jedoch nicht nur eine wahre Fundgrube zum Thema Schlesien, sondern auch eine universelle Geschichte über den Umgang mit dem eigenen Anderssein.

Robert Ostaszewski

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