Aleja Niepodległości

Die „Aleja Niepodległości” ist die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen der Innenstadt und den südlichen Stadtteilen Warschaus. Sie verläuft durch Mokotów, einen Stadtteil, den der Held von Krzysztof Vargas neuestem Roman – Krystian Apostata – nur selten verlässt. Dort wurde er 1968 geboren und dort hat er seinen ständigen Wohnsitz. Er schließt Freundschaft mit einem Jungen aus der Nachbarschaft namens Jakub Fidelis, mit dem er gemeinsam das an der titelgebenden Straße gelegene katholische Augustinus-Gymnasium besucht. Die Geschichte handelt von der 25 Jahre dauernden Freundschaft zwischen diesen beiden – einander zunächst ähnlichen und später äußerst unterschiedlichen – Helden. Fidelis ist ein Erfolgsmensch – ein berühmter Tänzer, der die Klatschseiten der Illustrierten füllt. Apostata ist ein verhinderter Maler, ein Konzeptkünstler, der sein Talent vergeudet hat. Während der eine seine Popularität und den daraus resultierenden Wohlstand genießt, versinkt der andere in Lethargie; Krystians Leben beschränkt sich auf das Biertrinken und den Besuch von pornografischen Internetseiten.
Doch Vargas Roman ist mehr als nur ein einfaches Sittengemälde. Auch die metaphorischen Bedeutungen der „Aleja Niepodległości” („Unabhängigkeitsallee“) kommen zum Ausdruck. Der Autor erzählt vom Schicksal einer Generation, die ins Erwachsenenleben eintrat, als Polen seine Unabhängigkeit erlangte. Der Autor geht der Frage nach, wie diese Freiheit (vor allem auf individueller Ebene) genutzt wurde. Von noch größerer Bedeutung für den Roman erscheint jedoch das Patronat des berühmten Theologen aus Hippo: Obwohl die Geschichte aus der dritten Person erzählt wird, schwebt der Geist der Augustinischen Bekenntnisse über der „Aleja Niepodległości”. Die unterschiedlichen Lebenswege der Protagonisten Apostata und Fidelis führen – anders als beim heiligen Augustinus – nicht zu einem „neuen Leben“. Beide verunglücken im Alter von vierzig Jahren (Krystian bei einem Flugzeugunglück, Jakub in seinem Luxuswagen). Die sprechenden Namen der Protagonisten sowie einige Motive und erzählerische Mittel verleihen Vargas Roman den Charakter einer Allegorie über die Geheimnisse der menschlichen Existenz.

Dariusz Nowacki

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