WOLKENFERN

2009 veröffentlichte Joanna Bator ihren Roman "Sandberg" – eine ungewöhnliche Darstellung der Entstehung und des Verfalls der sozialistischen Gesellschaft und des ihm zugrunde liegenden Prinzips der Gleichheit. "Wolkenfern" führt diese Geschichte fort und erzählt von einer Welt, in der sich das Leben aufgrund von Unterschieden weiterentwickelt.
"Sandberg" endete mit einem Autounfall, bei dem die frisch gebackene Abiturientin Dominika Chmura schwer verunglückte. Dominika ist die personifizierte Andersartigkeit: Sie hat jüdische und russische Vorfahren, eine lesbische Freundin und dazu noch ein Verhältnis mit einem jungen Priester.
Nach dem Unfall verbringt Dominika mehrere Monate in einem deutschen Krankenhaus – zunächst im Koma und anschließend während ihrer Rehabilitation. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, beschließt sie, nicht nach Polen zurückzukehren. Getrieben von einer inneren Rastlosigkeit durchstreift Dominika die Welt: In Deutschland arbeitet sie in einer Obstfabrik, in den USA als Vorleserin für eine alte Dame, in England als Kellnerin in einem Restaurant. Ihre einfache und zugleich seltene Gabe, den Geschichten anderer Menschen zuzuhören, lässt sie überall schnell Bekanntschaften schließen. Wenn sie an einen neuen Ort kommt, erscheint sie den Menschen dort auf seltsame Weise bekannt. Wenn sie weiterreist, hinterlässt sie eine positive Sehnsucht.
Der Roman wird nicht chronologisch erzählt, sondern nach Art einer Saga – jedoch einer Saga, bei der das Erscheinen der Figuren nicht durch familiäre Bindungen, sondern durch zufällige Bekanntschaften motiviert ist. Der Roman hat die Struktur eines genealogischen Dickichts, das eher an ein Netz aus Gerüchten als an eine Chronik erinnert. Der Erzähler leiht seine Stimme – fast wie ein spirituelles Medium – den jeweiligen Figuren: Eine der Geschichten führt uns zurück zum Beginn des 19. Jahrhunderts, als Napoleon durch Polen marschierte und ein junges Mädchen aus Afrika in den Pariser Salons und Zirkusvorstellungen als „Schwarze Venus” präsentiert wurde; eine andere Figur erzählt von der polnischen Provinzstadt Kamieńsk, in der vor dem Zweiten Weltkrieg zwei seltsame alte Jungfern lebten, die von den Einwohnern nur als „Teetanten” bezeichnet wurden und die in ihrer Wohnung einen Nachttopf Kaiser Napoleons aufbewahrten; dann wieder lauschen wir den Klagen von Dominikas Mutter, einer Witwe, die langsam die Kraft findet, ihr Leben zu verändern. Wie Äste kreuzen sich all diese menschlichen Schicksale, um kurz darauf wieder auseinanderzulaufen und plötzlich zu verschwinden. Aus den Windungen dieses genealogischen Dickichts entsteht die Gewissheit, dass niemand für sich allein lebt, und dass niemand auf einen bestimmten Ort auf der Welt festgelegt ist.

Przemysław Czapliński

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