DIE KRÄHE

"Die Krähe" ist ein bizarres Märchen über die Zeit des Kriegszustands, voller Brutalität und Grausamkeit. Obwohl der Roman von den Erlebnissen eines kleinen Jungen erzählt und sich scheinbar an Jugendliche richtet, handelt es sich doch eher um ein Zaubermärchen für Erwachsene. Die Titelgestalt ist ein riesiger schwarzer Vogel, der mithilfe seiner Krähenkrieger die Familie des kleinen Adam entführt. Adam selbst wird von dem Nachbarn Herrn Beton gerettet. Mit ihm zusammen (und zeitweise auch allein) durchstreift er die finstere Stadt auf der Suche nach seiner Familie, zu Fuß oder mithilfe eines riesigen Flug-Blatts. Adams Geschichte ist eine düstere Phantasmagorie. Die Stadt wird von monströsen Eisenhunden, mechanischen siebenköpfigen Drachen und menschenfressenden Leviathanen beherrscht, hinter jeder Ecke lauern Agenten und Spitzel, und auf den Bäumen und Dächern sitzen abscheuliche Vögel, die Jagd auf Widerständler (die sogenannten "Positionellen") machen. Am Beginn des Dukajschen Märchens steht ein Zitat des Schriftstellers Lewis Carroll. Und tatsächlich erinnert das Werk stellenweise an "Alice im Wunderland". Wie auch Carrolls Roman zeichnet sich "Die Krähe" durch eine außergewöhnliche sprachliche (nicht nur wortschöpferische) Erfindungskraft aus. Immer wieder wird die Geschichte von lustigen Kinderreimen unterbrochen. Und ebenso wie Alice versucht Adam um jeden Preis, die geheimnisvolle Welt der Erwachsenen zu verstehen und die ihr innewohnenden Mechanismen aufzudecken. Die eigentliche Intention des Autors bleibt jedoch unklar. Dukajs Roman ist nicht nur ein weiterer Beitrag zu der nach wie vor andauernden Debatte um den Kriegszustand, sondern lässt sich auch als ein eigentümlicher künstlerischer Exzess verstehen. Das Buch kann als ein raffiniertes literarisches Spiel, eine kreative und stilistische Fingerübung gelesen werden, doch es lässt auch diverse politische Interpretationen zu. Ohne Zweifel ist "Die Krähe" ein beeindruckendes und bedeutendes Werk, nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten.

Dariusz Nowacki

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