TOXIMIE

Die junge Physiotherapie-Studentin Ada muss ihren depressiven Vater pflegen und entwickelt selbst Anzeichen einer Depression; die ebenso junge Studentin Anna wird unfreiwillig zum Objekt der Begierde eines betagten Veteranen des Warschauer Aufstands; Jan findet seine Berufung im Verfassen von Grabreden für Lebende; der Straßenbahnfahrer Longin kann sich nicht damit abfinden, dass seine Ehe nur noch auf Gewohnheit basiert; die Rentnerin Lucyna, eine leidenschaftliche Hörerin des Senders „Radia Maryja”, strebt nach persönlicher Heiligkeit. Was die Helden von Małgorzata Rejmers Debütroman miteinander verbindet, ist ihr Wohnort (in einem der älteren, ärmeren Stadtteile Warschaus) und ein gemeinsames Leiden. Ihre Unfähigkeit, normale zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, verurteilt sie zu einem Leben in extremer Einsamkeit. Gelegentliche Begegnungen zwischen den Figuren lassen ihre individuellen Leiden nur umso deutlicher hervortreten. Schließlich kommt es zu einem tragischen Unfall, der sämtliche Figuren des Romans zusammenführt.
Die junge Autorin schlägt sich eindeutig auf die dunkle Seite des Lebens. Die Welt ihres Romans wird bevölkert von abstoßenden, hässlichen und bösen Menschen, die gleichermaßen Abscheu und Mitleid erregen. Die besondere Kraft dieses Romans beruht auf Rejmers Fähigkeit, sich ihren Figuren so weit wie möglich anzunähern und ihre inneren Dämonen zu entlarven. Trotz all ihrer grotesken Charakterzüge und Angewohnheiten bleiben die Figuren des Romans zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig. Daneben überzeugt der Roman durch seinen Humor und seine poetische Sprache, die die eingenommene Perspektive ausgezeichnet wiedergibt. Die Autorin knüpft an die zuletzt vernachlässigte Tradition der Groteske und der Antiästhetik an, die in Polen eine bedeutende Tradition hat. Rejmer erneuert diese Tradition, indem sie sie auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Realität anwendet. Toximie ist eines der prägnantesten literarischen Debüts der letzten Jahre – und das Talent und die Reife dieser jungen Schriftstellerin lassen darauf schließen, dass es sich nicht um einen einmaligen Zufallstreffer handelt.

Marta Mizuro

AUSZUG