DZIDZIA

Sylwia Chutnik hat in mehreren Interviews klargemacht, dass sie keinen Wohlfühlroman schreiben wollte. Bereits die Titelfigur des Romans – ein Mädchen, das ohne Gliedmaßen geboren wurde, einen Wasserkopf hat und an allen möglichen Krankheiten leidet – macht deutlich, dass uns die Freude an der Entwicklung eines normalen Kindes versagt bleibt. Dzidzia ist kein normales Kind, sondern ein Symbol, eine Strafe für die Kriegssünden ihrer Großeltern, die nach dem Ende des Warschauer Aufstands polnische Widerstandskämpferinnen an die Deutschen auslieferten. Die Strafe trifft jedoch nicht die Großeltern, sondern deren Tochter, die ein kleines Monster zur Welt bringt und alles Leid der Armen, Einsamen und Ausgestoßenen auf sich nimmt. Ausgestoßen und unschuldig leidend sind in diesem Roman die Frauen. Sie sind die Opfer einer von Männern geschaffenen Geschichte, die von sinnlosen Massakern wie dem Warschauer Aufstand und dem gesamten Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Einer Geschichte, die patriotische Symbole produziert, die Qualen und Opfer predigt und Blutvergießen heiligt. Die Heldin des Romans, Dzidzias Mutter Danuta, hält diesen Symbolen gewissermaßen ihr eigenes Symbol entgegen, ihre monströse Tochter, die ein Symbol weiblicher Enttäuschungen und Leiden ist. Gegen Ende des Romans hält sie eine flammende Rede, ihre eigene Version der Großen Improvisation aus Totenfeier, dem berühmtesten Drama des polnischen Romantikers Adam Mickiewicz. Mickiewiczs Stück drückte den Protest seines Helden gegen einen schweigenden und die Unfreiheit Polens duldenden Gott aus – Danuta richtet ihre Anklage gegen eine von Männern beherrschte Welt und deren Institutionen. Sicher ist das naiv und vielleicht sogar lächerlich (Danuta hält ihre Brandrede vor den Türen des Gerichtsgebäudes, das wegen eines Feiertags geschlossen ist). Doch die Proteste ausgestoßener Frauen erreichen nie die zuständigen Stellen, denn gerade sie sind es, denen die Mittel zur Teilnahme am „öffentlichen Diskurs” versagt bleiben. Und wenn sie es doch einmal wagen, dann protestieren sie nicht so, wie es sich gehört, und nicht dort, wo es angebracht ist. Am Schluss des Romans, als das Dzidzia-Symbol von einem Zug überfahren wird und ihr abgetrennter Kopf über die Gleise rollt, mit den Zähnen knischend und Funken sprühend wie in einem Horrorfilm, kehrt der verblüffte und erschrockene Bahnwärter in sein Häuschen zurück und stellt den Fernseher lauter.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG