DIE PENSION

Die Handlung des Buches ist schnell erzählt: Ein Mann besucht eine in der Nähe von Warschau gelegene Ferienpension, in der er als Kind oft mit seiner Großmutter die Sommerferien verbrachte, und begegnet dort mehreren betagten Gästen, die ihn noch als Kind kannten. Das Haus ist jedoch keine gewöhnliche Pension, denn es wird von jüdischen Überlebenden des Holocaust bewohnt. Dadurch wirkt alles, was in ihm geschieht, wie ein Traum von der Vergangenheit, wie eine Geisterbeschwörung, bei der nicht nur Menschen, sondern auch längst vergangene Ereignisse, Diskussionen und ideologische Auseinandersetzungen wieder lebendig werden. Die Handlung ist somit nur scheinbar einfach: in Wirklichkeit spielt sie auf mehreren Zeitebenen und quillt über vor jüdischen Anekdoten und Gleichnissen – denn die Helden des Romans leben gleichzeitig in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Genau so, zum Greifen nah und gleichzeitig von Zwangsvorstellungen und Gedächtnislücken entstellt, wird die Vergangenheit von älteren Menschen – den letzten Zeitzeugen des jüdischen Lebens im Vorkriegspolen – wahrgenommen. Paziński, der 1973 geboren wurde und somit zur „dritten Generation nach dem Holocaust” gehört, zeigt, wie die jüdische Tradition in Polen bis heute fortlebt. Das Buch wird von einer eigentümlichen Stimmung voller Wärme und sanfter Ironie getragen. Der Autor zeichnet sinnlich erfahrbare Bilder und zeigt gleichzeitig die Vielfalt des jüdischen Erbes, das sich uns einerseits als ein Dialog unterschiedlicher Schicksale und andererseits als ein fortwährender Disput um die immer wiederkehrenden Fragen nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes und nach den Aufgaben des jüdischen Volkes darstellt. Dieser Disput durchtränkt die Alltagswelt und vermischt sich mit ihr auf eine amüsante Weise, doch er verleiht ihr auch dann einen Sinn, wenn diese Welt drastischen Veränderungen unterliegt und die meisten Beteiligten des Disputs bereits gestorben sind. An dieser Stelle führen die Überlebenden den Disput fort – gemeinsam mit den wieder ins Leben gerufenen Toten.

AUSZUG