TREIBE DEINEN PFLUG ÜBER DIE KNOCHEN DER DER TOTEN

Olga Tokarczuks neuer Roman hat unter den polnischen Lesern für einige Konsternation gesorgt - und das aus mehreren Gründen. Erstens verblüffte die Autorin ihre Leserschaft mit ihrer plötzlichen Hinwendung zur Unterhaltungsliteratur, genauer gesagt zur Kriminalliteratur. Zweitens schuf sie mit der Erzählerin und Heldin des Romans eine Figur, die sich nur schwer als bloße Vermittlerin der Tokarczukschen Weltsicht verstehen lässt. Und drittens bezeichnete Tokarczuk selbst ihren Roman als "metaphysischen Thriller" und gab damit zu verstehen, dass es hier um mehr geht als nur einen gewöhnlichen Flirt mit der Populärliteratur.
„Treibe deinen Pflug über die Knochen der der Toten” erzählt die Geschichte von Janina Duszejko, einer pensionierten Ingenieurin, die ihre Rente mit Englischstunden aufbessert. Duszejko ist eine große Tierliebhaberin und eine noch größere Bewunderin der Werke Wiliam Blakes, dessen Wertmaßstäbe sie an die zeitgenössische Mentalität anzulegen versucht. Ihr Weltbild ist in hohem Maße von den Werken des englischen Lyrikers geprägt. Bis zu den Ohren in Blakes wohlgeordneter Welt der absoluten Werte versunken, ist sie nicht in der Lage, sich mit der angeschlagenen Moral des 21. Jahrhunderts abzufinden. Eine mysteriöse Mordserie im Glatzer Kessel (in dem auch der Roman spielt), interpretiert sie somit als eine gerechte Bestrafung von unmoralischen Menschen. Die am Tatort gefundenen Spuren weisen darauf hin, dass es sich um das Werk von Tieren handeln könnte, die sich für die an ihnen begangenen Grausamkeiten rächen. Sämtliche Opfer waren Jäger.
Olga Tokarczuk beschränkt sich selbstverständlich nicht darauf, einen Kriminalfall zu konstruieren und Hinweise zu seiner Lösung zu liefern. Die Kriminalhandlung ist eingebettet in eine ausgezeichnete Schilderung der polnischen Provinz. Bei ihrer Beschreibung der Einheimischen konfrontiert Tokarczuk die Alteingesessenen mit einer Gruppe von Outsidern (mit Duszejko an der Spitze), was zu zahlreichen komischen Szenen führt. Mit fortschreitender Handlung weicht die Komik der Tragik, vor allem als Folge einer zunehmenden Persönlichkeitsstörung der Heldin - einer Heldin, die trotz all ihrer Unkonventionalität der Tradition des Kriminalromans näher steht, als es der Anschein vermutet lässt. Dass der Roman die Grenzen des polnischen Unterhaltungsromans neu definiert, liegt somit nicht so sehr an seiner Hauptfigur als an seiner filigranen Sprache und seinem (nicht nur für polnische Maßstäbe) originellen ökologischen Subtext.

Marta Mizuro

AUSZUG