TIBERIUS CAESAR

Der Tiberius-Roman bildet den Abschluss von Jacek Bocheńskis römischer Trilogie. Ihre beiden ersten Teile "Göttlicher Julius. Aufzeichnungen eines Antiquars" (1961) und "Der Täter heißt Ovid" (1967) wurden als Beispiele einer „äsopischen Prosa” interpretiert, die sich einer anspielungsreichen Sprache und der Metapher des historischen Kostüms bedient, um heikle Inhalte vor der Zensur zu verschleiern. In der Figur des Julius Caesar erkannte man Josef Stalin, der Ovid-Roman schien vom Schicksal des zu Zwangsarbeit verurteilten Schriftstellers Joseph Brodsky zu erzählen. Der Roman "Tiberius Caesar" zwingt zu einer erneuten Auseinandersetzung mit den ersten beiden Teilen der Trilogie. Bocheński schildert die Geschichte eines großen Herrschers, eines Menschen, der die Welt verändern wollte, und der das Pech hatte, die Chronisten gegen sich zu haben. Er erzählt von den ewigen menschlichen Leidenschaften, Ängsten und Sehnsüchten, von Feigheit und Mut, vom Wesen der Macht sowie von der Rolle des Unvermeidlichen und des Zufalls in unserem Leben. Er stellt die Frage nach der historischen Wahrheit, nach dem Wesen von Grausamkeit und Erotik, und er versucht zu verstehen, was es heißt, man selbst zu sein. Dieser Roman vermittelt (wie bereits seine Vorläufer) die Einsicht, dass die menschliche Natur unveränderlich ist. Doch aus diesem Gedanken folgt, dass der 1970 begonnene und lange Jahre zur Seite gelegte Tiberius-Roman (sogar Freunde des Autors hielten die Schilderungen der römischen Dekadenz für zu drastisch und gewagt) auch von unserer Gegenwart handelt. Bocheński erzählt die Geschichte Tiberius' aus der Sicht eines Reiseleiters (in "Göttlicher Julius" war es ein Antiquar, in "Der Täter heißt" Ovid ein Conférencier und Ermittler). Gegenwart und Vergangenheit gehen ineinander über, die Stimmen der antiken Chronisten überlagern sich mit denen der Romanfiguren und schließlich mit denen der Reisegesellschaft. Der Erzähler polemisiert gegen die alten und neuen italienischen Marxisten, die als geistige Lehrer der Roten Brigaden endeten (Bocheński schrieb auch ein ausgezeichnetes Buch über den italienischen Terrorismus mit dem Titel "Blutige Spezialitäten"). Die Reise in das antike Rom und seine Provinzen ist auch eine Reise in die Seele eines heute lebenden Erben und Altersgenossen Tiberius'.

Marek Zaleski

AUSZUG

Tempo, Tempo! Der beschleunigte Rhythmus der Welt. Die neue Komödie des Lebens. Aber sicher doch, Applaus ist unentbehrlich. Schon jetzt, gleich zu Anfang. Sie wohnen nun einer Senatssitzung im alten Rom bei. Unruhe unter den etwas über zweitausend Zuschauern, also Ihnen selbst. Ort der Verhandlung: die Kurie, ein historisches Gebäude auf dem Forum, zuletzt von Julius Cäsar restauriert, von Augustus gewissenhaft fertiggestellt. Bitte folgen Sie mir ins Innere, die hohen Mauern, das rechteckige Langschiff, in der Mitte zu beiden Seiten die parallelen Sitzreihen. Bitte nehmen Sie Platz. Eine hervorragende Akustik. Die Tagesordnung sieht nur einen einzigen Punkt vor, nun gut, zwei Punkte: ein Exposé des Ersten Bürgers mit anschließender Diskussion. Welcher Erste Bürger? Wer hat ihn ernannt? Mit welchem Recht? Unruhe in den Reihen der Opposition. Mystifikation! Manipulation! Provokation! Wer hat Tiberius zum Ersten Bürger ernannt? Tiberius wurde noch in Noli, unmittelbar nach dem Tode Augustus, zum Herrscher ausgerufen. Applaus. Hat ihn etwa Livia ernannt? Unruhe, Applaus. Er ist eben ihr Sohn, Punktum! Aber das gibt ihr nicht das Recht, ihn zum Prinzeps zu ernennen. Gut, ich, Ihr Reiseleiter … Rechtsgrundlage, Rechtsgrundlage! Applaus. Wer applaudiert? Die Mehrheit applaudiert. In welcher Sache? Die Mehrheit applaudiert Tiberius bereits im Voraus. Gut, ich, Ihr Reiseleiter … Applaus … bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Ich bin zu der Erklärung ermächtigt … Ermächtigt von wem? Von Tacitus, Annales, erstes Buch, siebter Abschnitt. Pfiffe, Applaus. Ich bin zu der Erklärung ermächtigt, dass Tiberius zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht als Erster Bürger fungiert. Pfiffe. Noch nicht? Er hat diese Ratssitzung nicht in seiner Funktion als Erster Bürger einberufen. Illegal! Illegal! Tumult in den Reihen der Opposition. Er hat diese Sitzung legal, kraft der ihm zustehenden Tribunatsgewalt einberufen, und lediglich … Caesar! Caesar! Ovationen … und lediglich … Caesar! Caesar! Meine Worte gehen im Tumult unter. Plötzlich eine einzelne Stimme: Wer hat Agrippa Postumus getötet? Ich bitte um Ordnung … Postumus! Postumus! Postumus! Agrippa Postumus! Wo ist Agrippa Postumus? Dieser Punkt steht nicht auf der Tagesordnung. Wer hat ihn getötet? Ich bitte um Ruhe. Die Tagesordnung sieht ein Exposé des Sohns zur Frage der Ehrung seines verstorbenen Vaters vor. Mit anschließender Diskussion. Mit anschließender Diskussion.
Ich bitte noch einmal ausdrücklich um Ruhe. Ich verlese nun die amtlichen Mitteilungen. Die Konsuln der laufenden Amtszeit haben dem Prinzeps den Treueeid geleistet. Welchem Prinzeps? Der Prinzeps ist verstorben! Nun gut, dem Sohn des Verstorbenen. Der Verstorbene hat diesen Sohn niemals gewollt. Usurpation! Jemand: Aber er hat ihn adoptiert! Ein anderer: Weil er musste! Ich verlese nun die zweite amtliche Mitteilung. Applaus. Die vereidigten Konsuln haben ihrerseits die nachfolgenden Eide abgenommen … Tacitus: Als bestünde noch immer die alte republikanische Ordnung. Der Präfekt der Prätorianergarde Seius Strabo wurde vereidigt (zur Information für Eingeweihte: Seius ist der Vater von Seianus, des künftigen Gardepräfekten, von dessen endgültigem Schicksal dereinst Leuchtsignale in Richtung Capri künden werden). Die öffentliche Sicherheit … Applaus … ist gewährleistet. Applaus. Der Chef des Verpflegungsprogramms wurde vereidigt … Applaus. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln … Jemand: Wer hat Agrippa getötet?
Verehrte Herrschaften, ich bin zu der Erklärung ermächtigt, dass der geistig verwirrte und kraft eines Senatsbeschlusses in die Verbannung geschickte Agrippa Postumus, in der Tat vor wenigen Tagen hingerichtet wurde. Von wem? Von einem Zenturio, der möglicherweise unter Missbrauch seiner … Auf wessen Befehl? Verehrte Herrschaften, ich bin zu der Erklärung ermächtigt, dass der Prinzeps, Verzeihung, der Sohn des verstorbenen Kaisers Augustus, Tiberius Caesar, diesen Befehl nicht erteilt hat und nicht beabsichtigt, ihn zu kommentieren. Aufregung unter den Herrschaften. Tacitus: Simulabat iussa patris. Er tat, als sei es ein Befehl seines Vaters. Die ehernen Worte des Tacitus.
Aber dieser Punkt steht nicht auf der Tagesordnung. In den Wandelgängen erzählt man sich, es habe einen Beschluss Tiberius' gegeben, nach dem der besagte Zenturio eine Aussage vor dem Senat machen sollte, doch der Punkt wurde von der Tagesordnung genommen, nachdem Sallustius Crispus bei Livia interveniert hatte. Wer ist Sallustius Crispus? Der Chef des politischen Kabinetts. Wovon bitte? Ein Kabinett? Davon haben wir noch nie etwas gehört. Was soll das für ein Kabinett sein? Ein geheimes. Sicher, aber wem untersteht es? Dem Prinzeps. Welchem? Dem alten oder dem neuen? Es besteht unverändert. Aha, aha. Und dieser Chef, dieser wie hieß er gleich … Sallustius Crispus, der hat bei Livia interveniert und nicht bei Tiberius? Man sagt, er gehöre zu ihren Leuten. Mit seiner Intervention wollte er verhindern, dass Tiberius all diese Vorgänge dem Senat vorträgt, wie er es offensichtlich vorhatte. Es gebe gewisse Angelegenheiten, Staatsgeheimnisse, vertrauliche Hinweise von Beratern, geheimdienstliche Operationen, die der Kontrolle eines Einzelnen unterliegen müssten, dies sei eine Grundlage verantwortungsvollen Herrschens. So hat sich Sallustius Crispus ausgedrückt. Tacitus: Vor Angst, man könnte ihn selbst zur Verantwortung ziehen.
Darf ich Sie dennoch in den Saal bitten? In wenigen Augenblicken wird der Prinzeps, der Sohn des Göttlichen Augustus, eintreffen, um zu den versammelten ehrwürdigen Senatoren zu sprechen. Bitte respektieren Sie die Würde des Augenblicks. Vom Forum her ertönen bereits Ovationen. Der Sohn erscheint, umgeben von einer Militäreskorte und in Begleitung seines eigenen Sohnes Drusus. Er ist tief betrübt und niedergeschlagen, in Trauer um den Göttlichen, von dessen Bahre er sich während der vergangenen Tage nicht einen Schritt entfernt hat, wie er es in seinem Edikt zur Einberufung des Senats formulierte. Jetzt wiederholt er diese Worte.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau