DER LETZTE BERICHT

Der Protagonist des letzten Romans von Zbigniew Kruszyński ist ein Virtuose der Sprache und der Beschreibung der Welt. Zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen bietet er sich dem polnischen Staatssicherheitsdienst an, dem er – gegen einen Reisepass und gewisse Erleichterungen – über sein Leben und seine Treffen mit Anderen berichtet. Der Einstieg in diese Zusammenarbeit geschieht recht zynisch seitens des Protagonisten, mit der Zeit engagiert er sich jedoch immer mehr bei der Opposition und wird zum ‚Doppelagenten’ mit unklarer Identität. Während des Kriegszustands reist er in die Schweiz, wo er Gelder für die sich jetzt im Untergrund befindende Solidarność organisiert. Als oppositioneller Held kehrt er nach Polen zurück und versteckt sich. Von der sich in die Länge ziehenden Konspiration müde, denunziert er bei der Staatssicherheit einen anderen Oppositionellen im Untergrund, wird jedoch selbst das Opfer einer Denunziation. Man verhaftet ihn und er sitzt eine mehrjährige Strafe ab. Nach den Veränderungen von 1989 bemüht er sich nicht um einen höheren Posten, sondern geht lediglich als Diplomat nach Stockholm. Abgesehen davon bleibt er ein Outsider.
Die demaskierende Spitze des Romans trifft im Grunde den Protagonisten nicht, trotz seines Zynismus und seiner moralischen Laxheit. Denn es lässt sich nicht klar sagen, wer er ist: ein Verräter oder ein Kämpfer für die gerechte Sache. Er ist nämlich weder der Typ eines Feiglings noch der eines Verräters - eher ein Narziss und Hedonist. Wenn er mit etwas abschreckt, dann ist es die arrogante Selbstzufriedenheit oder die Neigung, Frauen auszunutzen, mit denen er Liebesaffären hat. Bei den Affären favorisiert er das Model des ‚Dreiecks’, ähnlich dem Dreieck in seinen Beziehungen zur Staatssicherheit und zur Opposition. Somit sucht sich bei Kruszyński jedes Engagement gleich eine Antithese.
Der Protagonist, das ist vor allem der Autor, also derjenige, der die Geschehnisse festhält. Das spezifische dandyhafte Ritual begleitet bei ihm den Prozess des Schreibens selbst. Mehr noch; Kruszyński unterstreicht, dass Stil gleich Mensch ist, d.h. dass sich sein Held hauptsächlich in der Sprache und in seiner Fähigkeit, die Welt zu beschreiben, verwirklicht. Und in seinem Stil ist es unmöglich, Kruszyński selbst nicht zu erkennen. Sagt also der Autor einfach: „Auch ich hätte so sein können, wenn meine Lebensgeschichte anders verlaufen wäre“? Oder anders: „Es existiert eine besondere Grausamkeit und moralische Doppeldeutigkeit allein in dem Prozess des Niederschreibens des Lebens“? Oder einfacher: „Die Aufzeichnung der Geschehnisse ist immer Literatur, in der man umsonst nach der objektiven Wahrheit sucht“?

- Jerzy Jarzębski

AUSZUG

„Sie haben die Gabe des Beobachtens“. Mit diesem Satz fing alles an.
Ich habe die Gabe des Beobachtens, also beschreiben wir den Sonnenuntergang, mit Einzelheiten: Wenn sich die Sonne hinter dem mit Bieberschwanz-Ziegeln gedeckten Dach bei den Jesuiten versteckt, nimmt das Leuchten auf dem Spitzdach des früheren Piaristenkollegiums kein Ende.
„Sie haben die Gabe des Beobachtens, also beobachten Sie.“ Der Offizier legte den Pass hin, ein dunkelblaues Büchlein, gültig für alle Länder; der Stempel war etwas verfrüht, denn du kannst nirgendwohin fahren ohne die grüne Karte zur Grenzüberschreitung, ein Stückchen Karton, das der Offizier immer noch in seinen Händen hielt und mit dem er wie mit einem As oder König spielte. „Wir wollen nicht viel“, sagte er. Ich solle nur die Augen offen halten. Es würde sowieso schwer sein, sie zu schließen und einzuschlafen. Eine Reise in den Westen – man kann es nicht leugnen – bringt einen visuellen Schock mit sich. Wir werden von allem hingerissen sein, von den Geschäften, vom Müll. Man kann alles anfassen und an allem riechen.
Unsere Verwunderung, dass in Bierdosen das auf ihnen beschriebene Bier ist und keine Luft. Die Shampooflaschen sind voller Shampoo, die Weinflaschen voller Wein. Der Wodka - genauso stark und fünf Mal teurer. Wir werden die geschmuggelten Flaschen herumtragen und versuchen, sie den geizigen Gastwirten unterzujubeln. In den Parfümerien werden wir uns den Gerüchen der Parfümproben hingeben und neue Kombinationen mit slawischem Schweiß kreieren. Wir werden hungrig und durstig sein. Tütensuppen im kalten Leitungswasser auflösen, weil man irgendwo kochen können muss, um kochendes Wasser zu haben. Wir werden zum subventionierten Baguette die bereits ranzige Krakauer kauen, ein Leckerbissen, der eine bessere Behandlung verdient.
Wir bekämen Pässe mit dem grünen Karton. Der Offizier warf ihn schließlich auf den Schreibtisch. „Wir?“, wunderte ich mich und schielte zur Seite. Ja, oder habe ich etwa vor, auf meine Freundin zu verzichten? Hatte ich nicht. Wir bekämen auch Devisen zugeteilt, hundertdreißig Dollar – wir würden sehen, wie lange es reiche, was der Markt und dieser wahnsinnige, entfesselte Preiswettlauf bedeuteten. Es sei nicht schwer, in einem höllischen Tempo Ware zu produzieren und sie dann mit einem ungerechtfertigten Gewinn zu verkaufen. Innerhalb von mehreren Stunden für ein Durchschnittseinkommen. Um wie viel schwieriger ist es, Maß zu halten, das Warenangebot zu gestalten, den Appetit zu planen.
Sie erwarten nicht viel, lose Beobachtungen. Wer im Louvre aufmerksam die Meisterwerke studiere. Wer den dritten Monat Pfannkuchen verkaufe und am Ende des Arbeitstages sich ein paar Gläschen Grand Marnier genehmige. Mit wem die Stipendiatin schlafe, deren Stipendium schon längst abgelaufen sei. Warum ein alter Professor, der seine Verpflegung im Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie in der rue Lauriston sicher habe, ständig zwischen den Studenten in der Mensa in Maubillon, in Dunstschwaden schlechten Weins auftauche und das plebejische Recht auf das kostenlose supplement pommes frittes missbrauche. Ob das schwere, billige Öl die zwar ‚eingeschlafenen’, aber immer noch beweglichen Gallensteine nicht zum neuen Leben erwecke? Denn worauf warten die, auf eine Losung? Und ob man tatsächlich auf einem der Bögen über der trüben Seine eine strategische Position einnehmen könne, um zu sehen, wie sich in der Abenddämmerung ein orangefarbener Ballon auf den Eiffelturm aufspießt, aber nicht platzt.
Ich rannte aus dem Polizeipräsidium und spürte wie mir der Pass ein Viereck in die Brust brannte. Es war später Frühling und im Park über dem Festungsgraben veränderte sich zusehends das Leben; es umhüllte sich mit einer Art Schleppe oder Schleier. Aus langem Winterschlaf herausgerissene Typen soffen Fusel noch vom Herbst. Omas nahmen ihre Kopftücher ab und die erdfarbene, runzlige Haut beneidete die glatte und gebräunte. Ein Paar Stare kreuzte sich mit einem Paar Stockenten auf einem wackeligen Rauten-Schachbrett über dem Wasser. Ein Paar schläfrige Polizisten ruhten sich auf einer kaputten Bank aus und ihre auf beiden Seiten liegenden Mützen sahen aus wie die Huldigung der im Dienst Umgekommenen, es fehlten nur Sarg und Leichentuch.
Die Welt, die am Morgen noch unerträglich durcheinander geraten schien - eine stumpfe Rasierklinge hinterließ eine zentimeterdicke Schwellung, das Gas im Haus stank, der Müllsack platzte gleich im Zwischengeschoss, und der Briefträger, der mir die Ladung zum Polizeipräsidium daließ, musterte mich mitleidig; interessant, interessant, scannten mich die Pupillen unter dem Schirm seiner Mütze hervor – die ein Chaos der zu erledigenden Dinge war: die wieder einmal zu stark gestärkte Wäsche von der Reinigung abholen, als ob man auf einer Tischdecke schlafen würde; in der Apotheke Kalzium mit Vitaminen kaufen, wenn welches da ist; beim Schuster, der „Butapren“ schnüffelt, Schuhe vorbeibringen; im Lebensmittelladen am Kreisel die Liste der Einkäufe abarbeiten, möglichst passend zum vorher in der Bäckerei gekauften Brot; im Hotel, in dem man nicht wohnen muss um sich betrinken zu können, für Gutscheine Alkohol mit Orangensaft kaufen; in der Buchhandlung fragen, ob der Roman des Autors von „Ausläufer“ weiterhin nicht da sei, weil wir zu zweifeln begännen, ob er ihn je geschrieben hat; an der Unibibliothek den Leihzettel für ein verbotenes Buch – mit einem Vermerk der entsprechenden Abteilung, dass es ausgeliehen werden darf – abgeben und dann das Buch Seite für Seite unter der Aufsicht der Bibliothekarin – einer Wasserstoffblondine mit wie Lettern bleiernem Blick – lesen und mir den Kopf darüber zerbrechen, was erlaubt sei, denn Beschreibungen des Sonnenaufgangs in Radom dürften wohl kaum verboten sein; Mutter anrufen, aus einer Telefonzelle unter den Arkaden, deren Zähler klemmt und nicht zur Eile mahnt, sie beruhigen, alles sei gut, in Ordnung, sie ernährt sich und verdaut, bitte, keine Päckchen, es fehlt an nichts, außer vielleicht an Sinn, doch den nehmen sie bei der Post nicht entgegen, am Schalter mit Blick auf die Stahlwaage.
All das, das noch vor ein paar Stunden auseinander zu fallen schien, sich im Kosmos zu zerstreuen und trotz höherer Dosen an Stärke und „Butapren“ unmöglich miteinander zu verbinden war, gewann plötzlich, beim Hinaustreten vors Präsidium auf die sonnendurchflutete Granittreppe über dem geschlossenen Ring des Festungsgrabens – was soll’s, dass das Wasser darin faulte und mit feiner Wasserlinse bedeckt war – an Einheit und Glanz.
Ich wollte durch die Straßen rennen, ich wollte mich vereinigen. Von überall her umzingelten mich Beobachtungen, schon nach ein paar Metern habe ich mir den Pass und so manches Dokument verdient. In einem von der Welt abgetrennten Winkel der Schleuse entdeckte ich ein junges Liebespaar; fester, fester forderten ihre roten Fingernägel, umsonst, weil er schon längst gekommen war und der Wasserspiegel unverändert blieb, die Wasserlinse zuckte nicht. Etwas weiter, auf dem Weg zwischen Parkplatz und dem hinteren Teil der Oper stieß ich auf einen Kollegen aus meiner Gruppe – alle auf ‚K’, der Fluch der übervölkerten Richtungen – wie er Bier unter Beimischung anderer Flüssigkeiten aus sich herauspisste. Kaum hatte er in der Blase ein wenig Platz gemacht, schlug er ein nächstes vor. Ich lehnte nicht ab, wir gingen zum Zelt auf dem Theaterplatz, von dort aus hatte ich das ganze Panorama, und drum herum die Kakophonie der Stimmen.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc