DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE

"Die Kehrseite der Medaille", die den Untertitel "Filmnovelle" führt, ist eine literarische, völlig eigenständige Bearbeitung des Drehbuchs, auf dem der gleichnamige Spielfilm in der Regie von Borys Lankosz basiert. Die einsträngige Erzählung ist trügerisch schlicht. Im Prinzip spielt die Handlung in den Jahren 1952 und 1953 in Warschau, mehrere Szenen spielen in der Jetztzeit. Sabina, eine knapp dreißigjährige Lektorin des Lyrikressorts eines großen Verlagshauses, lebt mit ihrer Großmutter und Mutter in einer engen, mit Andenken an die einstige, die Vorkriegsherrlichkeit vollgestopften Wohnung. In Volkspolen geriet Sabinas Familie an den Rand der Wirklichkeit. Die Repräsentanten – wie man in der Epoche des Stalinismus zu sagen pflegte – der alten Bourgeoisie waren zu untergeordneten Posten verurteilt, zu bitterer Armut und anderen Schikanen. Mancher – hier der jüngere Bruder der Protagonistin, ein sozrealistischer Maler und Konformist – versuchte, in der kommunistischen Welt Fuß zu fassen, andere – wie Sabinas Mutter – ließen sich vollkommen einschüchtern und beherrschen. Sabinas Vorstellung, wie sie die ärgsten Nachkriegsjahre überstehen würde, war am einfachsten: Sie wollte ihre Würde bewahren und sich anständig verhalten. Doch nicht die Politik oder öffentliche Belange stehen im Vordergrund. Das Hauptproblem der Hauptfigur ist ein völlig privates Mißgeschick – ihre Altjungfernschaft. Deshalb erscheinen in Sabinas Zuhause ständig neue Verehrer, doch der, für den sich die Heldin selbst entscheidet, erweist sich – in der am besten geschriebenen Schlüsselszene "Der Kehrseite der Medaille" – als elender Schuft. Die Sache ist nicht einmal die, dass er Geheimdienstspitzel ist und Sabina die Ehe um den Preis des Aushorchens ihres Chefs vorschlägt, den sie verehrt und für den edelsten Menschen auf Erden hält. Er ist eine Kreatur, die Liebe heuchelt, von weiblicher Hingabe und Sensibilität schmarotzt. Er muss sterben – zur Begeisterung der beiden anderen Frauen und mit dem Segen des Bruders. Jenes Verbrechen muss man wie eigentlich alles in "Die Kehrseite" der Medaille als symbolisches Ereignis verstehen. Es ist Barts Ehrgeiz, eine in poetologischer wie auch ideell-moralischer Hinsicht andere Geschichte über die schlimmsten, von Terror und Verbrechen gezeichneten Jahre Volkspolens zu erzählen. Es geht dem Schriftsteller jedoch nicht um die Außerkraftsetzung der traditionellen martyrologischen Inhalte, die sich an die Epoche des Stalinismus knüpfen. Er stellt vielmehr die Frage, was wir heute als Gemeinschaft mit diesen Inhalten anfangen, wie wir sie nutzen und umgestalten.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Sabina kann vor Aufregung die halbe Nacht nicht schlafen. Das ist immer so, wenn ihr ein Gespräch mit Direktor Barski bevorsteht.
Sie geht den langen Korridor zum Arbeitszimmer des Chefs entlang und spürt ihre Knie beben. Vom medizinischen Standpunkt aus könnte es verblüffen, dass sie trotz des Bebens rascher geht als gewöhnlich. Im Sekretariat verrät Pani Krystyna ihr das Geheimnis des Strickens. Der vor einem Monat bestellte Pullover aus beigefarbener Wolle ist schon fertig. Der Kragen und die Manschetten dunkelbraun. Zu der Farbzusammenstellung riet Großmama, die einen ähnlichen Pullover besaß, als im Pensionat war, und den hatte auch eine Frau namens Krystyna angefertigt.
(…) In der Tür des Arbeitszimmers erscheint Lidia. Sie ist eines der schönsten Mädchen in Warschau, und bei ihrem Anblick versetzt es Sabina immer einen kleinen Stich der Eifersucht. Wenn sie jedoch zu wählen hätte, zöge sie es vor, anstelle ihrer Schönheit einen ebensolchen Mut zu haben. Lidia fürchtet nichts und niemanden und kann in der Gegenwart des Direktors sogar laut lachen.
„Er telefoniert, du kannst aber schon reingehen. Er hat heute gute Laune.” Sie lässt Sabina passieren und schließt die Tür. „Die Farbe Beige passt zu ihr wie angegossen. Nur Grau wäre noch besser...”, sagt sie über den Pullover, den Pani Krystyna in Papier einwickelt.
„Denk du lieber mal über deine grellen Lippenstifte nach” möchte Pani Krystyna antworten, schweigt aber.
Das Arbeitszimmer ist groß und der Weg zum Schreibtisch lang. Sabina war als kleines Mädchen mit ihrem Vater hier. Sie hat längst vergessen, in welcher Angelegenheit und warum Vater sie zu seinem Freund mitgenommen hatte, dem Direktor der Landwirtschaftsbank. Von jenem Aufenthalt hier war ihr nur der Geschmack einer Schokoladentrüffel und der Duft des Cognacs, den die Männer tranken, in Erinnerung. Bei den späteren Besuchen erinnert sie sich nicht nur an jedes Wort Barskis, sondern an jedes Heben der Augenbrauen.
Der Schreibtisch steht an derselben Stelle wie vor dem Krieg, das Sofa und die Sessel sind näher ans Fenster gerückt. Mit Sicherheit mehr Bücher, andere Portraits an den Wänden. Das Piłsudski-Portrait, das sie im Gedächtnis hat, war nicht gelungen, denn der Marschall sah darauf sehr furchteinflößend aus, und so war er doch nicht. Über die Portraits, die jetzt dort hängen, möchte sie lieber nicht nachdenken. Ein neues Möbelstück im Arbeitszimmer ist der Konferenztisch. Im Juli hatte er hier mit Sicherheit noch nicht gestanden.
„Es wäre mir lieber, wenn Sie mich nicht enttäuschen würden, werter Genosse. Wir brauchen kein Flugzeug, um die Möbel zu transportieren...” Barski telefoniert. Bei Sabinas Anblick lächelt er und deutet auf einen der Sessel.
Sabina setzt sich und betrachtet die Schreibtischlampe. Eine kaum bekleidete Frau aus Bronze hält den Glasschirm empor. Hinter ihr ist der Mensch gut zu sehen, der, auch wenn er geflüstert hätte, immer zu hören gewesen wäre.
„Das ist eine politische Frage, und zwar nicht nur eine kulturpolitische. Verstehen Sie, woran ich denke? Ja, ich warte auf die Bestätigung... Holzkopf!” Das letzte Wort sagt er bereits, als er den Hörer auf die Gabel gefeuert hat. Erst jetzt blickt er sie an und lächelt so, wie nur er es kann. „In welcher Angelegenheit kommen Sie zu mir, Frau Redakteur?”
Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch und setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Er war nicht groß, aber er gehörte zu den Menschen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So stellte sie sich Napoleon Bonaparte vor, nur dass Barski keine bedeutenden Mienen schnitt und die Hand nicht auf die Brust legte. In seinem zerknitterten Sakko und Hemd mit dem angeknöpften Kragen sah er heute aus wie der Schriftsteller Somerset Maugham, dessen Bild auf ihrem Schreibtisch stand.
„In keiner wichtigen. Die Kaderchefin hat beschlossen, dass wir bei der nächsten Parade Sportbekleidung tragen sollen...”
„Das ist eher eine Direktive von oben. In einem gesunden Geist ein gesunder Körper oder vielleicht auch umgedreht. Wir, die wir die Bildung ins Land tragen, sollen unsere Bereitschaft zur physischen Anstrengung zeigen. Eigentlich lustig, aber in der Norm, meinen Sie nicht?”
„Nur dass wir im Lyrikressort als Eiskunstläuferinnen auftreten sollen...”
„Das war mein eigener Vorschlag. Was ist die Poesie, wenn nicht ein über die Wolken Gleiten? Ich dachte, ich mache Ihnen damit eine Freude. Sie sind jung, wohlgeformt, in einem kurzen Röckchen könnten sie schön aufblühen...”
„Herr Direktor, aber ich kann nicht Schlittschuh laufen...” Sabina fühlt sich erröten, und ihre Ahnung trügt sie nicht. Zu allem Überdruss weiß sie, dass sie das Gespräch falsch angefangen hat, denn schließlich ist sie nicht in dieser Sache hier.
„Und wenn schon? Schließlich werden die Schlittschuhe um ihren Hals hängen.”
„Ich habe ein bisschen Dauerlauf gemacht, vielleicht reichen Nagelschuhe?”
Barski erhebt sich aus dem Sessel und streicht ihr etwas ungläubig über die Wange
„Mein Kind, wenn wir in allem so ehrlich sein könnten... Wer wüsste mit Metaphern besser Bescheid als Sie? Alle Demonstrationen und Paraden sind in gewisser Weise Theater...” Er stockte nach diesen Worten, und Sabina stellte fest, dass ihm auch dieses Stocken gut stand. „Natürlich im Dienste der richtigen Sache inszeniert. Sie spielen ganz einfach die Rolle eines sportlichen Mädchens, und ich verspreche auf der Tribüne einen Weisen vorzutäuschen. Sehe ich denn aus wie ein Weiser?”
„Ja. Und Sie sind einer.” Lange war sie von ihrer Sache nicht so überzeugt gewesen.
„Gut, dass ich es wenigstens in Ihren Augen bin.” Barski steht auf und läuft im Arbeitszimmer umher. Sie wusste nicht woher, aber sie wusste, dass er sie jetzt nach dem fragen würde, weswegen sie wirklich gekommen war. „Und was ist mit unserem großen Dichter? Weiß er bereits, dass wir ihn nicht verlegen können, wenn er sich nicht für die kleine Umredaktion entscheidet? Bitte bleiben Sie sitzen, ich laufe gerne umher. Eine Angewohnheit aus der Zelle.”
„Morgen soll er kommen, um zu erfahren, wie Sie entschieden haben.”
„Fräulein Sabina, wenn ich über alles zu entscheiden hätte, dann würde ich es als unseren größten Erfolg betrachten, einen solchen Dichter für unser Haus zu gewinnen... Die internationale Lage ist jedoch so und nicht anders, überall lauern Feinde...” Er sagt das ohne Überzeugung, ist aber auch so überzeugend.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier