IDZIS INSTALLATION

"Idzis Installation" ist ein psychologischer Gegenwartsroman mit einer großen Bandbreite an Problematiken. Dieses Buch verfügt über die Vorzüge eines Ideen-Romans, man könnte es ebenfalls einen katholischen Roman nennen – in dem Sinne, dass er die Nöte der heutigen Katholiken vorstellt und eine Beurteilung der Kondition des polnischen Katholizismus vom Anfang des 21. Jahrhunderts enthält.
Die Handlung spielt in Warschau der Gegenwart, vor allem im Journalisten-Milieu. Die Intrige, um die herum der Plot aufgebaut wurde, ist schlicht: der Protagonist, ein erfahrener Journalist mittleren Alters, erfährt unerwartet, dass er einen erwachsenen Sohn habe – den titelgebenden Idzi. Idzis Mutter bittet ihn um eine Intervention, denn ihr Sohn ist in absonderliche Schwierigkeiten gekommen. Er verfiel in eine religiöse Manie und wurde zu einer Art selbsternannten Propheten. Was ist Idzi zugestoßen, und warum? Ist er überhaupt der Sohn des Protagonisten? Jedoch nicht die Suche nach Antworten auf diese und sich daraus ergebende Fragen scheint hier wesentlich: im erkenntnistheoretischen und ideellen Sinne wichtiger ist dies, was sich im Hintergrund des Romans abspielt. Denn gerade im Hintergrund läuft ein multidimensionaler, lebhafter und enorm spannender "Kampf der Ideale" ab. Es kommt zu Konfrontationen verschiedener ethischer Einstellungen, zu Gewissenskonflikten. Die zentrale Frage ist dabei, um es so zu formulieren, die Mühe, ein Katholik zu sein – vor allem, wenn man eine gebildete Person aus der Mittelschicht ist, die in der postmodernen Welt funktioniert.
Die Dilemmas und Antinomien des heutigen katholischen Selbstverständnisses wurden von Sosnowski auf eine durchdringende Weise erfasst, man ist geneigt zu sagen: mit großer Kenntnis des Problems. Die Konfliktfelder erstrecken sich sehr weit: die inneren Konflikte wegen der katholischen Sexualethik, die Frage nach dem Platz für "gläubige Freidenker", die Spannungen auf der Linie Konservatismus – Liberalismus in der Kirche.
"Idzis Installation" ist ein intellektuell wertvoller Roman, inspirierend und mit großem Gespür verfasst.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Das ganze Lokal erinnerte Waldek an ein Aquarium, in das man Monster gesteckt hatte:
Tore mit Glupschaugen, dümmlich grinsende Spötter, Heuchler mit angeklatschten Haaren, chronische Fremdgeherinnen in Masken aus Foundation und Lippenstift. Und hinter seinem Rücken, in den Autos im Kanal der Łazienkowska-Strecke, fuhren hin und her inmitten ihrer obskuren Machenschaften Schufte, die unrühmlich zu Geld gekommen waren, Verleumder, die einander verfolgten, Spekulanten, die sich miese Intrigen ausdachten. Sowie Perverse, massenweise Perverse, die von dem Gedanken besessen waren, mit Leichen, Tieren, Kindern zu verkehren. Und mittendrin unter ihnen: er – aus der Perspektive der Absoluten Gerechtigkeit, an die er hin und wieder glaubte, machte er auch keinen besseren Eindruck – der auf ein Treffen mit seiner jahrelang verschollenen Jugendliebe wartete.
Waldek checkte seinen email-Briefkasten zwei Mal am Tag, nach dem Frühstück und abends, vor allem zu dem Zweck, den Spam zu löschen, der ihn regelmäßig überflutete, und außerdem um zu überprüfen, welche Probleme es der Herausgeberin von „Sztuka-teria“ diesmal unmöglich machten, die geplanten Gäste in die Sendung einzuladen (Wie viele von ihnen stahlen? Wie viele belästigten Kinder?). Jene email hätte er vorgestern beinahe gelöscht, nur verklickte er sich und landete mit dem Cursor am Icon mit dem Papierkorb vorbei. Und da er bei der Arbeit ein paar abergläubische Ideen aufgeschnappt hatte, nahm er es als Omen und öffnete gehorsam die Nachricht:
„Waldek, ich erlaube mir, Dich zu duzen, da ich darauf hoffe, dass Du Dich an mich erinnerst. Die nette Dame in der Redaktion wollte Deine Telefonnummer nicht heraus geben, weswegen ich natürlich keine Vorwürfe erhebe, vor allem, da Du angeblich meine email ohnehin innerhalb von 24 Stunden lesen wirst.
Vor 20 Jahren standen wir einander nahe, verzeih, dass ich es erwähne – aber ich erinnere mich an Dich als an einen großartigen Kerl, und ich hoffe, dass Du meine Bitte nicht abwehren wirst. Denn diese Bitte hat damit zu tun, was damals passiert war. ICH BRAUCHE DEINE HILFE! Ich habe Dich die ganzen Jahre nicht belästigt, aber jetzt sehe ich wirklich keinen Ausweg. Bitte, rufe mich an, so bald wie möglich. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie wichtig es ist. Ich werde warten …
Meine Handy-Nummer: 0 699 996 999. Enttäusche mich nicht, ich flehe Dich an.
Jola Janik.“
Jola Janik. Ha, Jola Janik! Sie haben sich ganz am Anfang des Studiums kennen gelernt, in der Hitze nach dem August, bei der Versammlung des Studentenrates. Die ein Jahr ältere Vertreterin der Fakultät Ökonomie und Management entzückte ihn mit der Anmut, mit der sie allen um sie herum ihre Meinung aufdrängte. Sie machte den Eindruck eines Mädchens, das sehr wohl wusste, was es wollte. Bald waren sie unzertrennlich. Doch gleichzeig gab es in ihrer Beziehung von Anfang an einen toxischen Aspekt. Wenn sie in Gesellschaft brillierte, empfand er Stolz und gleichzeitig Eifersucht, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass sie eines Tages nicht mit einem Anderen die Veranstaltung verlassen würde. Es beruhigte ihn nicht einmal, als er die Tatsache entdeckte, dass Jola unter den Kommilitonen eher als guter Kumpel angesehen wurde, mitnichten als eine Schönheit, auf die alle scharf waren.
Wenn er ihr bei unterschiedlichen Gelegenheiten nachgab (und so war es meistens), ärgerte es ihn, dass er von der Macht der Eltern direkt unter die Fuchtel von jemandem geraten war, der alles permanent besser wusste. In jener lange zurück liegenden Zeit war das eine Jahr Altersunterschied bedeutend und machte Jola in seinen Augen wesentlich älter und viel erfahrener.
Und da war noch seine katholische Erziehung, die Ursache nicht enden wollender Probleme. Jola konnte Waldeks Verstrickungen nicht begreifen; seine Meinung, dass man doch, wenn man wirklich liebte, bis zur Ehe warten sollte, dass man den anderen Menschen nicht zu diesen Zwecken instrumentalisieren sollte, und dass ein Kuss nur dann keine Sünde ist, wenn man seine Gedanken unter Kontrolle hat. Waldek diente seit der achten Klasse als Messdiener beim Gottesdienst, und er hatte öfters gehört, wie die Jungs von ihren Freundinnen die „Liebesbeweise“ erzwangen – und nichts hat ihn auf die umgekehrte Situation vorbereitet, da er erklären musste, warum er in einem Zwei-Personen-Zimmer, das sie zufällig bei einem Ausflug des studentischen Touristik-Verbandes zusammen zugeteilt bekamen, auf seinem Bett lag wie ein Brett, anstatt sich zu ihr auf das Nachbarbett zu legen. Nie wieder hörte er, dass jemand so lachte: gesund und dennoch verhöhnend (wie es ihm vorkam).
Bald darauf begann er, die Grenzen dessen, was ihm erlaubt war, zu verschieben, zwar unter Druck, aber dennoch gerne; und er verrannte sich in mehrstöckige Labyrinthe aus Rechtfertigungen und Begründungen. Diese perfektionierte er immer mehr, dennoch waren sie in dem Moment nutzlos, wenn er sonntags in die Kirche ging und sich dessen nicht würdig fühlte, die Heilige Kommunion zu empfangen. Das Sonderbarste daran war für ihn, dass Jola sich als Katholikin deklarierte (wie übrigens die meisten seiner Bekannten in der Zeit der Solidarność und des Kriegsrechts).
Schließlich, als er das immer schnellere Hin und Her zwischen Himmel und Hölle nicht mehr aushielt, zwischen Erlaubnis und Verdammung, entschied er – unter dem Einfluss der Lektüre des Heiligen Augustinus – alles hinzuschmeißen und Priester zu werden. Jola und er weilten damals im Riesengebirge. Waldeks Eltern machten ihm mittlerweile keine Szenen mehr wegen dieser Ausflüge zu zweit, sie sandten ihm nur einen langen Blick, wenn er sich eilig den Rucksack überwarf und die Wohnung verließ. Jola merkte, dass mit ihm etwas los war, einmal brach er vor ihr sogar in Tränen aus, wie ein Kind; schließlich vertraute er ihr an, dass er etwas Anderes wollte, dass er über sich selbst nachdenken müsse – das Wort „Priesterseminar“ kam ihm nicht über die Lippen.
Sie kam von alleine darauf und beschimpfte ihn als einen „verrotzten kleinen Scheißer“, wünschte ihm „viel Spaß im Kreise der Eunuchen“ (an den Wortlaut erinnerte er sich bis heute), packte noch am selben Tag ihre Sachen und ging zur Bushaltestelle. Als er ihr vorschlug, sie dahin zu bringen, meinte sie nur knapp, er solle sich verpissen. Er hat sie nie wieder gesehen.
Er hörte mal, dass sie an der Uni ein Freisemester genommen hatte, dann, dass sie irgendwohin in die Nähe von Warschau gezogen war.
Und so erschien es ihm ziemlich verdächtig, im Kontext dieser Erinnerungen, dass sie ihn in ihrem Brief als einen „großartigen Kerl“ etikettierte.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz