TAKSIM

Stasiuk ignoriert die offiziellen Geschichtsversionen seit Jahren. An der Debatte, ob der Kommunismus von der Solidarność bezwungen wurde oder ob er unterging, weil er den ökonomischen Wettlauf mit dem Westen verlor, nimmt er daher nicht teil. Stasiuk interessieren diese Fragen nicht, weil der Wertmaßstab einer historischen Erzählung über Europa für ihn Europas Provinz ist.
Zu dieser Provinz zählt der Autor das große Gebiet im Südosten Europas, das Polen, die Ukraine, die Slowakei, Ungarn, Tschechien und Rumänien umfasst. Wer auf dieses Gebiet die erhabene Geschichte von der Geburt eines vereinten Europas anwenden wollte, würde vorgehen wie ein blinder Schmied, der an ein Bauernfuhrwerk einen Dieselmotor zu montieren versucht. Eben auf diese Art hat man – so Stasiuk – nach 1989 versucht, die zivilisatorischen Errungenschaften des Westens mit der Armut all der Käffer im Südosten zu verbinden. Doch vom Westen kam dort nur Billigkram an. Die riesigen Konsumbedürfnisse setzten eine Second-Hand-Zivilisation in Gang: die von jahrhundertelanger Armut gedemütigten Massen wollten das Beste haben, aber das Beste ist nicht für die Massen. Deshalb wurde Ost-Mitteleuropa zu einem Reich der Imitationen und Gebrauchtwaren.
In dem Roman Taksim erzählt Stasiuk die Geschichte von der nächsten Etappe des globalisierten Kapitalismus. Wir sehen, wie die beiden Helden Paweł und Władek – Händler, die durch die Basare der europäischen Provinz fahren – in der Auseinandersetzung mit einer neuen Kraft real und symbolisch scheitern. Bisher ging es immer noch. Sie beluden ihre schrottreifen Autos bis zum Dach mit Waren vierter Wahl, die sie in die Vororte von Bukarest, Budapest oder Prag brachten. Die Gesellschaft glich damals einem hungrigen Staubsauger, der alles einsaugte: Socken, Jacken, Schuhe, Taschen, Kosmetik, Autoteile... Und alles mit dem Aufkleber: Paris – London – New York.
Doch jetzt ist die nächste Phase gekommen – die Phase der Waren aus China, die fast nichts mehr kosten. Statt des bisherigen Krams, der ein, zwei Jahre hielt, kommt für jeden Geldbeutel erschwinglicher Ramsch für den einmaligen Gebrauch auf den Markt. Die gestrige Kultur der Kurzzeitbenutzung weicht der Wegwerfkultur. Asien überschwemmt Europa mit Imitaten von Imitaten, das heißt mit Waren, die die Chinesen von mitteleuropäischen Produkten kopiert haben, die wiederum Kopien westlicher Produkte sind. Hat der Westen das Niveau materieller Vollkommenheit erreicht, so nimmt die Nachahmung in Europas Provinz zunächst die Form der Parodie und danach die Form der Abhängigkeit an. Die Billigwaren gehen schließlich ganz schnell kaputt und müssen durch neue ersetzt werden.
Stasiuk interessiert hier weniger der „Sieg der gelben Rasse über die weiße“ als vielmehr das Bild der Verlierer, das heißt, der Bewohner der ärmsten, der „schlechteren“ Regionen Europas, die durch den Ort, an dem sie leben zu einem schlechteren Leben verurteilt sind. Diese Menschen kaufen schlechtere Ware und werden selbst – vor allem die Frauen – in Ware verwandelt. Westeuropa exportiert nach Osteuropa gebrauchte Dinge, Schrott, Müll – und importiert von dort männliche Körper für schlechtere Arbeiten und weibliche Körper für das Vergnügen. So führen die Macht des Geldes und die Schwäche der Provinz zu einer Auflösung der Idee Europas. Und da die von Geld angetriebene Geschichte keine Hemmschwelle kennt, ist es eine nicht aufzuhaltende Auflösung.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Eines Tages, als der Lieferwagen fast leer und ich damit beschäftigt war, Öl, Wasser, Licht und das Spiel von Lenkung und Federung zu prüfen, als ich überlegte, wann diese Klapperkiste wohl zusammenbrechen werde, fragte er:
„Kannst du dich noch erinnern, dass es früher nichts Gebrauchtes gab? Das heißt, man konnte kaum etwas Gebrauchtes kaufen.“
„Ja“, sagte ich, „ich weiß noch.“
„Eben. Alles funktionierte bis zum Schluss, oder man hat später etwas anderes daraus gemacht.“
„Aus einem alten Mantel machte man Lappen zum Bohnern.“
„In alten Karosserien wohnten Hühner.“
„Aus alten Reifen machte man Blumenkübel.“
„Die Busse haben sich die Leute als Lauben in die Gärten gestellt.“
„Die Kleider wurden von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben.“
So zählten wir auf. Die Hausfrauen sammelten die Zuckertüten und die Plastiktüten von der Milch. Die Dinge hielten bis zum Schluss, ohne den Besitzer zu wechseln, oder sie änderten ihre Bestimmung und begannen ein neues Leben.
„Aber das, was jetzt ist, wird auch zu Ende gehen“, sagte er. „Das ist ein Übergangszustand.“ Er trat gegen den Reifen des Ducato. „Die Zeit wird kommen, wo du mit so etwas nichts mehr anfangen kannst. Du wirst einfach von vorn herein wissen, wann, nach wieviel Kilometern, das Ding in tausend Fetzen fliegt. Du wirst das Datum und die Stunde kennen und nichts machen können, nur die Kilometer zählen. Nach hundert oder zweihundert Tausend fliegen die Reifen weg, der Motor ist im Arsch, und die Plane ist durchlöchert. Natürlich wird es teurere und billigere Varianten geben, für mehr und für weniger Kilometer, aber alle zum einmaligen Gebrauch. Wie dieser chinesische Scheiß, den du jetzt überall kaufen musst, weil du keine Wahl hast. Nach einer Woche oder einem Monat fliegt das Zeug auseinander, weil die Schlitzaugen Arbeit brauchen, eine Milliarde Schlitzaugen müssen ackern wie bescheuert, müssen irgendwie beschäftigt sein, damit sie nicht aufmucken.“

Er sagte das und schüttelte den Kopf, als überraschten ihn seine eigenen Gedanken. Vielleicht kam das wirklich von außen, aus der Ferne, vom Himmel, aus der Zukunft, und er sprach es nur aus und starrte auf die Vision, die da auf ihn ausgegossen wurde. Er lächelte ungläubig, als traute er seinen eigenen Worten nicht ganz. Um wieder in der Gegenwart anzukommen, griff er ins Handschuhfach und trank seinen Flachmann aus. Kurz darauf hatte er wieder Hoffnung, dass trotz allem die Apokalypse nicht heute oder morgen anbricht und wir es schaffen, neue Ware zu laden und loszufahren. Ich war mir sicher, dass er die Route immer vorher geplant hatte. Er fragte nur aus Prinzip, ob wir hierhin oder dorthin fahren sollten und ob ich nicht dächte, vielleicht besser anderswohin. Mein Gott, ich hatte das Gefühl, dass er schon durch den ganzen Kontinent östlich der Elbe gefahren war und alles im Kopf hatte. Eine Landkarte nahm er nie mit.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall