HINTERLAND

Die Mittzwanzigerin Klara Wiśniewska ist magersüchtig. Sie kennt alle ihre Körpermaße auswendig und kann den Kalorienwert sämtlicher Lebensmittel exakt bestimmen. Ihre Hauptnahrungsmittel sind grüne Bohnen, Karotten, Reis und Süßstoff, wobei sie von Zeit zu Zeit ihre Ernährungsweise ändert, um zu überprüfen, mit welcher Diät die besten Ergebnisse zu erzielen sind. Über ihre Beobachtungen von Veränderungen an Organismus und Haut könnte sie eine Doktorarbeit schreiben. Marta Syrwids Protagonistin ist sich nur selten bewusst, wie sehr das Hungern sich auf ihre geistige Leistungsfähigkeit auswirkt. Dennoch beschließt sie, etwas dagegen zu tun. Sie stellt sich also ihrer eigenen Person, oder besser: spaltet sich in zwei Personen auf – in die Klara, die an Magersucht leidet, und in die Klara, die das Stadium ihrer Krankheit bewertet und versucht, deren Auslöser zu finden. Den ganzen psychischen Ballast, den sie mit sich herumschleppt, auf die Wagschale zu legen. Eine Expedition ins Hinterland.

Das Krankheitsbild der Anorexie ist bereits hinreichend bekannt; die Schriftstellerin konzentriert sich lediglich auf diesen einen, konkreten, bis ins kleinste Detail analysierten Fall. So beschreibt sie genauestens Klaras Familiensituation. Es wird die Beziehung der Eltern beleuchtet, wobei die Autorin sich auf die Figur des Vaters konzentriert, eines Mannes, der nicht nur keine Liebe zeigen kann, sondern Klara – und später ihren kleinen Bruder – psychisch und physisch misshandelt. Die Kinder sind somit die Schwächeren und praktisch wehrlos. Nicht besser steht es um Wiśniewskis Verhältnis zur Ehefrau, die sich jedoch nicht unterdrücken lässt und ihm die Stirn bietet, was beinahe täglich zu hässlichen Szenen führt. Klara, die weder über Einfluss- noch Ausbruchsmöglichkeiten aus der heimischen Hölle verfügt, giert nach der Kontrolle über Dinge, die von ihr selbst abhängen: ihr Aussehen. Syrwids Diagnose ist hiermit eindeutig: die Krankheit des Mädchens ist eine Folge der vergifteten Familienatmosphäre, in der sie aufwuchs, und nicht der unkritischen Übernahme eines heutzutage lancierten Schönheitsideals.

Die psychologisch präzise, fest auf dem Grund der gesellschaftlich-ökonomischen Realien fußende Darstellung der Familie Wiśniekwski ist das originellste Element dieses Romans. Ebenso eindrucksvoll ist jedoch die Schilderung des täglichen Ringens mit dem Hunger. Das vor allem wegen des poetischen Stils, frei von jeglicher Exaltation, dessen sich die Autorin bedient. Die zuhöchst künstlerische Sprache und die ungewöhnliche, in der Narration konsequent durchgehaltene „Persönlichkeitsspaltung ” zeugen von der Reife der jungen Autorin. Syrwid hat bereits viel zu sagen und weiß, wie sie es sagen will.

Marta Mizuro

AUSZUG

Manchmal gibt es lang herbeigesehnte und wunderbare Tage. Wenn Vater nicht da ist. Ich esse die ungesunde gezuckerte Milch aus der Tube, Mama nimmt sich frei. Wir müssen nicht in den Kindergarten, nicht zur Schule. Ein paar Jahre später hat Mama Olek auf dem Schoß und spielt mit mir Monopoly. Wir essen Popcorn und gucken Märchen auf Video. Erst spät gehen wir schlafen. Wenn Vater zurückkommt, wird es still und schrecklich. Ich spüre die drückende Luft bei geschlossenem Mund. Als hätten wir uns alle vor einem Ungeheuer im Schrank versteckt. Und bemühten uns, nicht zu atmen, weil es uns sonst finden könnte.
Ich habe Angst vor meinem Vater, wenn ich mit ihm am Tisch sitze. Ich bin ein paar Jahre alt.
Jetzt nicht. Jetzt nicht, denn ich treffe ihn nicht. Seit langem sprechen wir nicht miteinander. Ich habe ihn über eine Woche nicht gesehen. Er wohnt im Zimmer nebenan. Er und ich, wir haben einen ungeschriebenen Vertrag. Wenn Vater hört, dass ich in der Küche oder im Vorzimmer bin, kommt er nicht aus seinem heraus. Um mich nicht zu treffen. Wenn das Telefon klingelt, ist es unangenehm. Vor dem Apparat treffen wir aufeinander.

Du fragst, ob ich will, dass du schlecht über ihn denkst? Dass ich ihn zu negativ darstelle. Dass ich meinen Ärger rauslasse. Du weißt, was ich dir sagen werde. Oder? Sprich leiser, Klara, Vater merkt, dass du nebenan am Tisch sitzt. Er schmeißt dich raus, und ich kriegs später zu hören, weil ich fremde Leute nach Hause einlade. Bei Gelegenheit. Soll ich dir was von draußen mitbringen? Du bist ja allein in dem Laden. Nicht?

Das Maggi knallt auf den Tisch. Er hat fertig gegessen.
„Na los, weiter, iss!” Spricht, als würde er schreien.
Ich kann Brühe nicht ausstehen. Mama weiß das. Aber sie hat meinen Teller gefüllt und auf den Tisch gestellt. Als Vater nur die Wohnung betrat. Brüllte.
„Na mach schon, Helka, trag die Suppe auf!”
Er wusch sich die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht, trocknete sich mit Mamas Handtuch ab. Sie streiten sich immer, weil Vater sich nicht merken kann, welches Handtuch sein ist.
Wenn Mama nur ihm Suppe gegeben und sich mit mir im Zimmer eingeschlossen hätte. Wir hätten Vaters Misstrauen geweckt. Er hätte begonnen, an unsere Tür zu klopfen. Zu drohen. Damit wir gestehen sollten. Was passiert ist?
Mama hätte beteuert, nichts sei passiert.
Er hätte ihr nicht geglaubt.
Beide wären explodiert.
Mama hätte geweint.

Deshalb habe ich Brühe bekommen und sitze vor meinem Teller, Vater gegenüber.
Er erhebt sich. Ragt vor mir auf. Legt die Hand auf meinen Kopf. Umfasst mit seiner Hand meine ganzen Haare. Streichelt mich nicht. Ich erschauere. Fühle, dass er mich ertappt hat. Dabei, dass ich mich vor ihm ekle. Mit meinem ganzen Dasein.
Ich blicke Vater an, von unten. Lege den Kopf nicht besonders weit in den Nacken. Warte.
Er bewegt die Lippen. Öffnet sie nicht. Schiebt die geschlossenen Lippen von links nach rechts. Beleckt sie. Dreht sich um. Geht.
Ich habe eine Gänsehaut von innen.

Genauso eine, wie wenn Vater mir aufträgt, die mit Spucke gelöschten Zigaretten ins Klo zu schmeißen. Aus dem gläsernen, schweren, tiefblauen Aschenbecher. Ich werde ihn auf ausgestreckter Hand tragen. Mich schütteln. Mich dabei bemühen, seine Ränder nicht zu berühren. Auf die letzte gelöschte Zigarette lässt er Spucke tropfen. Mama wird nicht in der Wohnung sein. Die Spucke beginnt auf dem erlöschenden Stummel zu knistern. Ich erbreche das Frühstück. Auf den Teppich. Kriege eins aufs Maul. Mit der Hand. Von der Seite. Auf den Kopf. Ich falle aufs Sofa. Kriege was auf den Hintern. Vollgekotzt, verheult. Es wird mir kalt sein, denn ich werde vorausahnen, dass er noch etwas tun wird. Er schlägt zu. Zerschlägt diesen Aschenbecher auf meinem Kopf. Aber verbietet mir nur zu weinen. Sagt, ich solle die Fresse halten. Stößt mich noch einmal.
„Und geh mir aus den Augen, du elender Drecksbalg. Wasch dir Hände und Gesicht und flenn hier nicht rum. Du altes Ferkel, guck, was du gemacht hast, alles vollgekotzt, das wischst du jetzt auf. Du putzt das weg, mit deiner eigenen Zunge leckst du das auf.”
Ich renne ins Bad, verriegele die Tür. Stecke die geballte Faust in den Mund. Ich werde draufbeißen, bis ich zu weinen aufhöre. So leise, wie ich kann. Ich höre den Bus, der am Fenster vorbeifährt. Und die Türklingel einige Jahre später, eine halbe Minute später, Mama, die sich verspätet hat. Vater wird mir nichts mehr antun können.
Ich lasse Mama ins Bad. Sie sieht mich zwischen Waschmaschine und Wäschekorb sitzen. Die Faust im Mund. Ich werde nach Kotze stinken. Mama streichelt mir über das Haar, leckt sich über die Lippen und beißt die Zähne zusammen.
„O Gott, mein Liebling.”
Sie kniet sich vor mich hin. Mit einer Hand nimmt sie mir die Faust aus dem Mund. Mit der anderen beginnt sie mich zu kämmen. Gibt mir einen Kuss auf die Stirn, als wollte sie prüfen, ob ich Fieber habe. Sie wird noch immer weiche und feuchte Lippen haben.
Ich esse die Brühe nicht. Stehe stumm vom Tisch auf. Renne zu Mama. Sie blickt mich durch die Glasscheiben von der dunklen Küche her an. Die ganze Zeit hat sie mich und Vater durch diese schmutzigen Vorhänge hindurch beobachtet. Ich drücke mich an ihre Beine. Sie riecht gut. Nach Wärme und Schweiß.
Vater hat gemerkt, dass ich ihn nicht ertragen kann. Zwischen uns brennt die Luft.

Und die Schere. Das ist die größte Errungenschaft aus meiner Kindheit. Eine weitere Tortenschicht.

Ich bin fast acht Jahre alt. Ich bin mit Vater in der Wohnung. Er tischt Suppe auf. Graupensuppe.
Ich kann Graupensuppe nicht ausstehen. Gekochtes Fleisch, Graupen, bräunlich, gelblich, scheußlich. Darin herumschwimmender Sellerie und Kartoffeln. Ich weiß, dass ich nicht kann. Es einfach nicht aufessen. Vater gibt mir Brot zur Suppe. Altes Brot.

„Hier, zum Eintunken.”

Er hat dieses Brot aus einer Baumwolltasche genommen. Mama sammelt in ihr Brotreste für die Schwäne. Aus dem Park neben unserem Haus. Ich esse die gekochten Kartoffeln aus der Suppe heraus. Mehr kann ich nicht.
Mama kehrt nicht zurück.
Vater kommt in die Küche nach Jahren des Beinebaumelns unter dem Tisch. Nach Stunden des Krümel-über-den-Tisch-Pustens, von links und von rechts. Das Brot unberührt. Die Suppe genauso, nur ohne Kartoffeln.

„Ich hab nur die Kartoffeln rausgegessen, denn diese Suppe kann ich einfach nicht essen.”

„Iss, aber sofort. Aufessen sollst du. Ich werd schon aufpassen, du rührst dich nicht vom Fleck. Solange das hier nicht aufgegessen ist!”

Nase, Augen, Ohren, Haare, alles an ihm ist wie seine Worte, ein gleichförmiger Ton. Alle Weichheit abgeschliffen.
Er setzt sich neben mich. Ich esse nicht. Ich weiß, dass die Stille ein Ende haben wird. Die Bombe wird platzen.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes