MARGOT

Michał Witkowskis literarische tour de force war Lubiewo, ein Roman über den homosexuellen Untergrund im kommunistischen Polen und die Anfänge einer Schwulenkultur im heutigen Polen. In diesem und in seinem folgenden Buch zeigte sich Witkowski als glänzender Beobachter der Alltagssitten, begabt mit Humor und einem ausgezeichneten Gespür für die Sprache. Er besang die Epoche der großen Transformation als Chronist eines Zeitalters, in dem die Paradigmen und stabilen Identitäten ihre Gültigkeit verlieren und nichts mehr selbstverständlich ist. Die durch ihre abweichende sexuelle Orientierung bedingten Peripetien seiner Helden lassen sich auch als Metapher für Veränderungen interpretieren, die unterminieren, was früher für alle verlässlich und – sollte man meinen – universal schien. Nicht zufällig ist seinem neuesten Roman ein Motto aus Ovids Metamorphosen vorangestellt: „In neue Gestalt verwandelt will ich die Leiber besingen.“ Er erzählt von Polen, zugleich aber von einem Teil Europas, der in stürmischem Wandel begriffen ist: Glaube, Gewohnheiten, Urteilskriterien, Bedürfnisse und Vorlieben – alles verändert sich. Die Titelheldin Margot, eine unberechenbare Frau mit großem erotischem Appetit, übt einen sehr männlichen Beruf aus: Sie fährt einen großen Kühltransporter im internationalen Verkehr. Der zweite Held ist Waldek Mandarynka, ein Junge vom Land, der Karriere bei Big Brother macht und bald zum Fernseh- und Bühnenstar avanciert. Die beiden begegnen sich unerwartet im Pfarrhaus bei einem Priester, der als Businessmann ein Unterhaltungs- und Medien-Imperium aufgebaut hat. Dorthin hat sie zum Zwecke des Computer-Exorzismus Margots Bekannter aus dem Geldwäsche-Hotel eines großen Mafiosi geführt. Diese beiden und eine ganze Galerie von Nebenfiguren, Asia – die neue polnische Heilige und Radio-Moderatorin, Greta, der Lenker eines deutschen Lastwagens und Verkörperung des machismo, Träger eines weiblichen Vornamens, und Waldis Geliebte, sprich der Stilvoll Alternde Star, ein buntes Völkchen aus Fernsehen und Showbusiness, das für die neuen Eliten steht, füllen die Seiten dieses vorzüglichen Buches von Witkowski.

Marek Zaleski

AUSZUG

Wie fährst du, Mensch, du ungewaschener Schwanz?! Drängel nicht, du Ochse! Siehst du nicht, dass ich Gefahrgut transportiere? Gefahr für dein Leben! Ist dir die leibliche Mutter nicht lieb?! Willst du es krachen lassen? Ist ein Wetter, oder nicht? Na klar. Sind die Verkehrsverhältnisse so, und nicht anders?! Es suppt seit einer Woche. Bodenhaftung eher schmierig! Mit einem Wort, Mistwetter, Schmadderadatsch. Tief, heißt es im Radio, ein Tief über Skandinavien! Der Jahrhundert-Juli. Fahr mir am besten noch auf den Kopf! Mann o Mann! Hast du ein Rad ab? Leck mich mal, hier! Fuck you, motherfucker! Nicht kommen.

Ich strecke sogar den Kopf aus dem halb geöffneten Fenster, damit meine Geste seine leere Birne besser erreicht. Da hupt der auch noch und fährt auf den Randstreifen. Zieht unanständige Gesichter, deutet an, was er mit mir machen würde. Wenn du nur könntest, Alter! Verpiss dich, Opa. Schönen Tag auch. Dein Vergaser ist eine Nummer zu klein für mich, he, he! Der denkt sich, wenn da eine Alte fährt, muss er sich sofort einfädeln. Seine Ehre erlaubt es ihm nicht, hinter einer Frau herzufahren. Er überholt. Sogar vor einer Kreuzung. Dabei rase ich sowieso schon halsbrecherisch schnell, weil es mir zer... doch still. Und sofort kommt er auf schmutzige Gedanken. Weil er eine Frau sieht. Fernstraße ist Frauennot. Null Weiber auf hundert Kilometer. Und er sagt in sein CB:

„He, Margot!“ – Soviel kann er noch.
„He, Margot, fahr mal auf den Standstreifen, bisschen reden. Bye, bye. Kommen.“
„Träum davon auf Era. Hast du dir gedacht. Hols dir runter, Arsch. Nicht kommen. Ich wünsche dir niedrige Viadukte.“
„Gleichfalls.“
„Gleichfalls?! Mann, pass auf! Siehst du nicht, dass ich ein Kühlwagen bin? Und du bist ein PeKaEs, oder? Du solltest wissen, wo du hingehörst, du Rüpel. Und was sollen diese Lichtzeichen, willst du, dass die Bullen dich beißen? Hier lauern die Teddies mit dem Föhn! – Er hat „Kazek“ an der Frontscheibe stehen. So ein Pupser mit Schnauzer und Baseball-Mütze mit der Aufschrift „HBO“. – „Hau ab, Kazek, Freundchen, gleich kommt Nuttental, da nimmst du dir was bei der Schwarzen Grete. Eine Lahme nimmst du dir, ha ha! Und ich muss auf meine Mittellinie achten. Bye, bye, gute Fahrt!“
„Gut Haftung“.
„Gute Fahrt“.
„Gut Haftung.“
„Fahrt, sage ich, verdammt, ich weiß, dass Bodenhaftung wichtig ist. Aber es ist eine heilige Sitte, dass man gute Fahrt sagt, du kannst hier nicht plötzlich die Fernfahrerkultur ändern. Haftung okay, aber im Winter“.
„Wo geht’s denn hier zu diesem Hotel da? Wo die Metzen sind? Kommen.“
„Nach links, nach links und noch mal nach links,“ schreie ich und biege dann schnell nach rechts ab, nach rechts und noch mal nach rechts. Verloren, Mist, versenkt!“

[...]
„Was? Hören Sie, wofür? Was? Kein Fahrtenschreiber... Aber ich habe eine Pause eingelegt. Zitzie kann das bezeugen. Ich fahre erst seit einer Stunde. Die Scheiben sind mir ausgegangen, und ich muss das Fleisch anliefern, sondern wird’s sauer.“
Fragen Sie meine Chefin. Das ist sowieso eine Schrottkiste. Solche MANs werden heute gar nicht mehr gebaut. Aber ich mag ihn. Er ist so... na... so... so groß! Ich rede ihn an wie eine Frau, oder genauer ein Tier: „Kotzbrumme“. Kotzbrumme, so wie Wuchtbrumme – hässlich, faul, ungelenk, aber wenn richtig mit ihr umgeht, kann man ihr ganz schön was abmelken. Fünfzehntausend Geldstrafe? Ich bitte die Obrigkeit! Großes Auto, große Geldstrafe? Ha ha ha, alter Witz, schade nur, dass er nicht lustig ist. Na, toll, hier haben Sie die Firmenadresse, Spanier Mariola – Mariola Spedition GmbH, schicken Sie das meiner Chefin, Warschau, Radarstraße, fragen Sie dort nach, dort wird man Ihnen alles sagen. Und hier haben Sie ein Messer, geben Sie mir den Rest. Meine Chefin wird der Schlag treffen. Was jetzt noch? Zu wenig Druck? Habe ich nachgefüllt. Wie viel? Scheiß Bullen! Ein Typ und eine Alte, heutzutage sind die Weiber die Bullen. Ich soll auf den nächsten Parkplatz fahren? Bin schon weg! Auf Nimmerwiedersehen, Obrigkeit. Affenarsch, Krokodil, was für ein undankbarer Beruf, Bulle sein, die Polizei wird immer und überall gefickt sein usw.

Ich erreiche in aller Seelenruhe „Nevada Center“, trotz des angeblich zu niedrigen Reifendrucks. Amerika, nur ein bisschen sehr allein auf weiter Flur. Erst einmal pumpe ich diese verfluchten Reifen auf. So. Bin ganz außer Puste gekommen. Dann gieße ich Schmiere nach und bekomme zur Belohnung einen Essensbon im Wert von fünfzehn Zloty. Ich ziehe die Handschuhe aus, werfe sie auf den Sitz, schalte den Webasto ein, nehme meine Handtasche und ziehe mir die Lippen im tellergroßen Seitenspiegel nach, schließe das Führerhäuschen ab und gehe aufs Klo. Aufs Männerklo, ein anderes gibt es hier nicht. Hier ist kein Platz für Weiber. Ich ziehe meinen Filzer und schreibe an die Wand:

Ich war hier
ich stand hier
wie ein Schluck Bier
vergeht mein Leben

Denn manchmal packt es mich so richtig, dann muss ich meiner lyrischen Ader auf dem Männerklo freien Lauf lassen. Ich ziehe meinen eleganten goldenen Taschenspiegel und schminke mich. Ein bisschen Pariser Eleganz, nur verdorben durch den höllischen Gestank und die Geräusche aus der Nachbarkabine. Die fressen all diese Würste und Eisbeine, Bratlinge und fetttriefenden Hacksteaks, was hier verkauft wird, und am Ende kommt dann so was dabei raus. Noch eine satirische Zeichnung von Greta, gezeichnet „Herman-Transport“, das sollte auf sie wirken. Daneben hat schon jemand vor mir mit rosa Marker eine schöne Prinzessin mit Sternlein in den Augen gemalt, mit Zauberrute, Riesenballons und einem CB-Funkgerät am Ohr, Unterschrift: Die Heilige Asia der Fernfahrer. Was kratzt mich das! Ich fabrizierte auf der Stelle ein Selbstporträt neben das Gedicht, spitzte meine Silhouette eindrucksvoll ästhetisch mit einer dürren Haxe zu und hübschte meine Frisur auf, denn heute bin ich um fünf auf dem Parkplatz aufgestanden und seit zwei Tagen auf Tour.

Frisch gemacht, gehe ich zu McDonalds. Ich futtere am „besseren Russentisch“, denn ich bin Kühlwagen, das heißt Aristokratie. Beim Aquarium. Im „Nevada“ gilt nämlich eine strenge Hierarchie. Es gibt drei Kneipen, davon steht McDonalds ganz oben, und dort wiederum steht ein Aquarium, an dem nur die großen Fische sitzen dürfen, das heißt die Kühlwagen: Greta, Zbyszek, Ilaj usw., sowie die Russen in Pelzmützen, die sich die ganze Zeit streiten, wer in welcher Zeit von Amsterdam bis Moskau gefahren ist. Sie zählen sogar die Minuten. Das ist so ein Spiel. (Ja, du kommst nach Hause, rauf das Auto auf den Wagenheber, und die Räder drehen sich weiter !). Vor dem McDonalds hat der Parkplatz-Chef sogar einen kleinen Zwinger angelegt, dort stolzieren Pfauen umher, und Karnickel sitzen im Käfig.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl