Rosa Straußenfedern

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das neue Buch von Hanna Krall hätten andere geschrieben. Ihre Verwandten und Bekannten, die im Laufe von fünfzig Jahren an die Schriftstellerin Briefe, Postkarten oder Zettel richteten, wie man sie an der Tür hinterlässt, wenn der Hausherr nicht anwesend ist. Diesen Aufzeichnungen hat die Autorin schriftliche Berichte ihrer Schutzengel hinzugefügt, das heißt, Auszüge aus den Archiven des Sicherheitsdienstes oder Korrespondenz mit Verlegern, die sich dafür rechtfertigen, dass sie ihre Bücher nicht publizieren können.
Auf den zweiten Blick entdeckt man jedoch, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was ihr geschickt wurde, und dem, was die Autorin selbst gehört und festgehalten hat. Selbst wenn der Verlag für die Zitate nicht die Kursive benutzt hätte, damit man die zwei Arten von Texten unterscheiden kann – der Ton der aus dem Gedächtnis rekonstruierten Geschichten ist unverwechselbar. So klingt Hanna Kralls charakteristischer Erzählstil.
Die Reporterin hat mehr als einmal erwähnt, dass sie auf Lesungen ihre Zuhörer bittet, ihr etwas zu erzählen. Zweifellos hat sie mehr als einmal fremde Geschichten benutzt, aber erst in diesem Buch legt sie deren „rohe“ Version offen. Es sind keine abgeschlossenen Geschichten, sondern Keimzellen, potentielle Themen, die man entwickeln könnte. Indem sie uns diesen Abriss vorstellt, provoziert Hanna Krall den Leser zu vielen Fragen. Warum hat die Autorin diese Motive nicht ausgeführt? Kann man sie ausbauen und fortsetzen? Und schließlich: Sollte man von manchen Geschichten nicht einfach die Finger lassen?
Antworten auf diese Fragen finden wir zum Teil in diesem Buch. Aus Postkarten der kleinen Tochter oder Zetteln des Ehemanns ist schwer etwas zu machen. Andererseits entsteht daraus, wenn man sie chronologisch anordnet, plötzlich eine kraftvolle Erzählung. Eine auf historischem Hintergrund verankerte Familiengeschichte. Eben dieser Skizzierung der Szenerie dient die Ordnung nach dem Datum. Die Idee der Komposition ist klar, aber wieder bleibt ein Gefühl des Unbefriedigtseins. Spiegeln ein paar Notizen (in manchen Jahren sogar nur eine) wirklich den Zeitgeist wider? Oder hat die Schriftstellerin nur soviel aus einer bestimmten Zeit in Erinnerung, beziehungsweise hält nur soviel für wert, angeführt zu werden? Wenn man es so betrachtet, ist Rosa Straußenfedern ein Buch voller Rätsel. Doch man kann sie alle auf eine Frage zurückführen: Wo beginnt Literatur?

Marta Mizuro

AUSZUG

1975

FRANCISZKA S., Rentnerin
Über moderne Kunst

...Sie brachten ihn auf den Bau. Der Bau gefiel ihm, er ging hinein, bat um eine Leiter und nahm einen schwarzen Stift aus seiner Tasche. Er zeichnete eine Sirene. An die Wand. Alle freuten sich sehr, bedankten sich und fuhren weg, und die Sirene blieb.
Die Wohnung wurde einem Eisenbahner zugeteilt. Er sah sie sich an, sagte, erstens sei sie mangelhaft, zweitens habe er kleine Kinder, und die Frau da habe eine nackte Brust; er nahm die Wohnung nicht, und sie riefen mich an. Ich hatte keine Kinder, und ich hatte keine Punkte – sie hätten mir höchstens Punkte für die Aktivität bei „Społem“ geben können, aber ich war nicht einmal Mitglied, als sie daher sagten, es gebe eine Wohnung, eilte ich wie auf Flügeln.
Sie sagten, ich solle mich setzen. – Sehen Sie, sagte der Vorsitzende, das ist keine gewöhnliche Wohnung, das ist eine mit Sirene. – In Ordnung – ich war einverstanden. – Und sehen Sie, in dieser Wohnung muß es sauber sein, denn es können Gäste kommen. – Es wird sauber sein, versicherte ich, bekam die Schlüssel und öffnete die Tür...
Meine Liebe, was soll ich Ihnen sagen.
Das war Picasso.
Das war groß, Jesus, wie groß das war. Eine Brust hatte sie wie zwei Ballons, die Augen dreieckig, in der langen, seltsam langen Hand hielt sie den Hammer, und der Schwanz war kurz und ganz dünn am Ende.
Wir hatten nur eine Liege und einen Tisch. Der Tisch kam in die Mitte, die Liege an die Wand, der Hammer hing uns über den Köpfen, und wenn wir aufwachten, sahen wir ihre Augen, die noch seltsamer waren als die Hand und der Schwanz.
Zuerst kam eine Reisegruppe aus China – sie besuchte die Siedlungen der polnischen Arbeiterklasse. Nach den Chinesen kamen Bergleute – feierlich, mit Federbüschen. Danach Textilarbeiter – Bestarbeiter. Ich war höflich, ich wusste, dass ich unsere Hauptstadt repräsentiere, aber in mir kochte es. Vor allem, wenn ich ihre Schuhe betrachtete und mir ausrechnete, wieviel Müll ich an diesem Tag wegbringen müsste.
Der Präsident des Sejms kam zu uns – und Sie, Genossen, fürchten Sie sich nicht so ganz allein mit ihr? – fragte er in der Diele. Bierut kam, schaute – und nichts, kein Wort. Herren vom Ministerium kamen, maßen ab und tauschten Meinungen aus. Vielleicht zusammen mit dem Putz abnehmen? Ach nein, der ist zu dünn. Verglasen? Ach nein, das würde der Rahmen nicht aushalten...
Sie nervten uns. Wir holten den Maler. Der Maler nahm einen Eimer mit Seife.
Erst als er gestorben war und sie den Streit zwischen seinen Kindern beschrieben, dachten wir: Vielleicht war das nicht richtig...? Wir wurden vom gesellschaftlichen Interesse bestimmt, denn die Sirene war staatlich, und wir hätten sowieso nichts von ihr gehabt, wie wir auch keinen Groschen für den zerfetzten Teppich bekommen haben.
Wieder kamen sie vom Ministerium. Brachten Apparate, durchleuchteten die Wand. Ich sagte, meine Herren, machen Sie sich keine Mühe, das war ein guter Fachmann, einer von vor dem Krieg, und gute Kernseife.

1976

JERZY SZ.
Über zeitweilige Schwierigkeiten
(Zettel auf dem Tisch)

Mein liebes Frauchen, laß dich nicht unterkriegen, wir haben schon ganz andere Dinge überstanden, wir haben die Schwindsucht überstanden, die Wawel-Straße und den Verlust unserer Tulpenzwiebeln. Das Buch wird irgendwann herauskommen, das verspreche ich Dir. Vorläufig gehe ich die Pferde fürs Kind bezahlen und den dritten Band der Enzyklopädie kaufen. Nun ja, dein Buch ist ferner, aber die Familie ist näher, vielleicht ist das gar nicht so schlecht.

KATARZYNA SZ.
Aus den Ferien

Sie ist in Krakau, schläft auf dem Campingplatz. Krzyś und Skucio, Bekannte aus der Hala Gąsienicowa, hatten Examen an der Jagellonen-Universität. Krzyś hat Mathe gemacht, er bekam eine Eins und hat ihnen in der Jama Michalikowa ein Eis spendiert. Abends waren sie in Iwona...

JAN C., ehemaliger Landbesitzer
Über zwei oder drei Tage

...Den Gutshof haben sie uns in der Agrarreform weggenommen, aber die Gegenstände aus Silber konnten wir vergraben. Sie waren „Gutsvermögen“ und gehörten der Staatskasse, aber ich wusste, wo sich das Vermögen befand, das nicht mir gehörte, und der aktuelle Besitzer – die Staatskasse – hatte davon keinen blassen Schimmer.
Ich ging zum Rechtsanwalt, sagte: Ich zeige den Ort, wenn ein Teil für mich ist und der Rest für das Schloß. Der Rechtsanwalt ging zum Kulturministerium. Einige Wochen danach fuhren von Warschau aus drei Nysa-Busse los – mit Herren vom Ministerium, Miliz, Arbeitern, Schaufeln, Hacken und einer großen Kiste. Sie hielten vor dem Gutshof (gegenwärtig ein Komplex von Berufsschulen), die Herren vom Ministerium sagten: Corazzi-Stil; ich sagte: Man muß die Stelle markieren, wo sich zwei Linien schneiden, eine läuft vom Kellerfenster aus, die andere von dem Bogen über dem Gewölbe. Sie markierten den Schnittpunkt. Begannen zu graben.
Alles wurde ins Museum und auf Tische gelegt. Historiker nahmen die Vasen in die Hand, die Schüsseln, Kerzenständer, Krüge, Besteck, Tabletts... Sie sagten – später Radke. Oder – früher Werner. Oder – Quadratfuß, neunzehn mal neunzehn. Ich ging nicht zu ihnen. Ich lehnte an der Wand und versuchte mich zu erinnern, wo welcher Leuchter gestanden und wann ich zum letzten Mal mit diesem Besteck gegessen hatte. Ich war ein bisschen unruhig, weil durch diese Reise, durch die Sache mit dem Museum, in der Werkstatt vieles liegen bleibt. Ich mache Glaskugeln für den Christbaum und Schmuck für Damen – Medaillons mit Bildern von Niemen und Inspector Columbo, Halsketten aus gestanztem Blech und Kreuze mit tschechischen Strasssteinen, Brillanten-Imitationen.
Frühere Bekannte interessieren sich sehr für diese Geschichte. Sie besuchen mich, fragen nach dem Rechtsanwalt. Jemand fragte, wie sich meine Bauern nach der Agrarreform verhalten haben. Normal haben sie sich verhalten: Sie sind gekommen, wollten wissen, warum sie schlechtere Ernten haben als ich sie hatte. Ich erklärte ihnen – tiefer pflügen, Leute, die Pferde nicht schonen, diese Erde will tief gepflügt werden; sie fuhren nach Hause, pflügten tiefer und schrieben – danke, es ist mehr geworden. Wir sprachen über die Jagd. Jemand erzählte von Rebhühnern, ich wunderte mich – Sie benutzen jetzt Schrot, mein Herr? Und sofort erinnerte ich mich an die letzte Jagd, 1938, in Polesie. Ich habe einen Luchs geschossen, hinter Ihnen hängt sein Fell. Das Aquarell neben dem Fell ist unser Gutshof.
Noch zwei, vielleicht drei Tage. Ich werde noch das Silber unter den Kindern verteilen, und das war´s dann. Ich kehre zu meinen Christbaumkugeln zurück, zu dem Damenschmuck, zu meinem wirklichen Leben, nur noch zwei oder drei Tage.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall