RAUSKA

Wir schreiben das Jahr 1940. Die sechsköpfige, zu Zwangsarbeit verurteilte Familie der Przyczyńskis gelangt nach Deutschland. Sie hat ziemliches Glück, denn sie alle, die Eltern und die Töchter – vom Kleinkind- bis zum Teenageralter – werden von wohlhabenden Landwirten ausgewählt, die ihre Zwangsarbeiter recht anständig behandeln. So zumindest nimmt es die Erzählerin des Romans wahr, die 10-jährige Alusia. Das Mädchen ist von der neuen Situation begeistert – seit langem wollte sie der Kleinstadt entfliehen, um eine andere Welt kennen zu lernen. Ihr Traum wird wahr, auf dem Gut Rauska lernt sie moderne Geräte kennen, trifft auf Ausländer (ebenfalls zu Zwangsarbiet verurteilte Franzosen, Schweizer und Ukrainer) mit ihrer andersartigen Kultur. Als Einzige also verspürt sie kein Heimweh und gewöhnt sich recht schnell daran, dass sie wie eine Erwachsene auf den Feldern arbeiten muss. Wahre Bewunderung bringt sie auch der Hausherrin entgegen – einer wunderschönen und klugen Frau, die sich auzgezeichnet darauf versteht, die Menschen und das Gut allein zu verwalten. Die „Chefin” bemerkt den Eifer, die Ehrlichkeit und die Aufnahmefähigkeit des Kindes. Sie überträgt Ala Arbeiten im Haus, führt sie in hauswirtschaftliche Pflichten ein, und zugleich bringt sie dem Mädchen ungeheuchelte Sympathie entgegen. Zum Kummer der Eltern, denen die „Arbeitgeberin” überdies sehr hilft, bindet sich die Kleine immer enger an Hanna Langer und denkt nicht mehr an eine Rückkehr in die Heimat.
Die Erzählerin lernt nicht nur die deutsche Ordnung kennen, sondern auch die sonderbaren Gesetze, die in der Erwachsenenwelt herrschen. Obgleich sie sich bewusst ist, dass man ihr die Kindheit genommen hat, bleibt sie naiv und unschuldig, sogar in entsetzlichen Situationen, deren Zeugin sie wird; mit der kindlichen Reinheit gepaart, rühren diese noch mehr an. Die große Stärke des Romans ist die Wiedergabe der Mentalität der Protagonisten: die hervorragende Nachahmung kindlicher Sprache oder die Darstellung der zumeist lustigen Versuche, sich - eigentlich unbegreifliche - Dinge zu erklären. Die Erzählung klingt wohl auch deshalb nicht einen Augenblick lang unauthentisch, weil die späte Debütantin Teresa Oleś-Owczarkowa sich auf die Erinnerungen ihrer eigenen Mutter stützt.
Rauska ist eine aus einer originellen Perspektive dargestellte Niederschrift der Erfahrungen polnischer Zwangsarbeiter, in der – und dies ist wichtig – das Bild der Deutschen weit entfernt ist von dem Stereotyp, das in den Berichten vom II. Weltkrieg vorherrscht. Es ist ebenfalls eine ungewöhnliche Erzählung von der Kraft der kindlichen Phantasie und des Frohsinns. Davon, dass man auch in Unfreiheit frei sein kann.

Marta Mizuro

AUSZUG

Beim nächsten Halt erblickte ich die Berge. Viel größer als unser Schlossberg, und mit so blauen Gipfeln. Die Zugfahrt war vorbei. In dem LKW war es eng. Die Menschen saßen schweigend und mürrisch da.
Zum ersten Mal sah ich sogar bei Papa Verunsicherung. Und dabei ist Papa nicht nur sehr mutig, sondern er weiß auch immer, was zu tun ist.
Jetzt hatte ich Angst, dass uns etwas Schlimmes zustoßen könnte. Vielleicht das gleiche wie diesen Leuten aus der Stadt, im September? Sie wurden auch mit solchen Autos gebracht… Vielleicht waren meine Gedanken ja doch verkehrt? Vielleicht erwartet uns ja wirklich ein ungewisses Schicksal, wie meine Tanten gesagt haben?
Ich sah um mich. Aber aus dem, was ich sah, schloss ich wieder, dass uns doch nichts drohte. Was für eine „Blüte der Intelligenz“ waren wir denn schon? Nichts als Armut. Die meisten Frauen in karierten warmen Tüchern um die Schultern. Nur eine im Mantel. Wir, die Kinder, keinen Deut besser. Und unsere Marysia wollte doch überhaupt nicht lernen; da war also auch nichts mit Intelligenz.
Bei mir sah es schon schlechter aus, denn ich hatte in der zweiten Klasse lauter Einsen, und der Lehrer hat zu Papa gesagt, dass ich sehr intelligent bin. Ich tröstete mich, dass ich in den paar Monaten seit Kriegsbeginn fast nichts gelernt habe, also müsste die Intelligenz doch schon weniger geworden sein.
Ich verwarf die Angst. Ich konnte mich genau erinnern, dass die Intelligenz ganz anders aussah. Nein, wir erinnerten ganz gewiss nicht an die Leute, die im September zur Erschießung zu uns nach Podzamcze gebracht wurden!
Man konnte sie nicht mit uns verwechseln.

Inzwischen sind wir in Striegau angekommen. In den LKWs eingepfercht sehen wir auf einen Riesenplatz, auf dem ein aus frischen Brettern gezimmertes Podest gelb schimmert. Drumherum Autos, Pferdegespanne und Menschengewirr. Da sind auch deutsche Soldaten, aber sie sehen anders aus als die, die damals die Leute zum Erschießen nach Podzamcze gebracht haben. Sie sehen auch anders aus als die, die zu Kriegsbeginn nach Podzamcze gekommen waren. So viele verschiedene Deutsche, wer soll sich da zurechtfinden? Denn bei uns, in Podzamcze, da waren die Deutschen sehr schön gekleidet. Sie haben die ganzen Sommerhäuser eingenommen.
Zum ersten Mal im Leben habe ich sie gesehen, als sie sich auf dem Markt an einer Feldküche, so einer auf Rädern, Essen in ihre Henkelmänner gossen. Ich betrachtete sie neugierig, und da ich immer einen guten Appetit hatte, wollte ich unbedingt wissen, was sie denn da aßen. Mein Cousin Antek, der bei mir war, zog mich da weg, aber er konnte mich nicht halten. Als mich einer der Deutschen zu sich rief, ging ich mutig auf ihn zu und nahm gern einen Henkelmann mit Gulasch entgegen. Wieso nicht? Die großen Fleischstücke waren lecker und es war viel davon da. Der Deutsche sah mir zu, wie ich mit Appetit aß und lächelte. Dann gab er mir eine Feldflasche und fragte mich mit einer Handbewegung, ob ich trinken wollte.
Ich nickte. Ich war satt und trank gern von dem unbekannten, süßen und brennenden Getränk. Danach wurde ich heiter. Antek und ich brauchten lange für den Nachhauseweg, denn ich war sehr geschwächt. Ich lachte und mir war schwindelig.
Die ganze Familie saß auf der Veranda, als Antek mich endlich auf den Hof führte. Ich setzte mich am Gartentor hin und wollte mich nicht vom Fleck rühren.
„Ich glaube, dass dieser Deutsche Ala vergiftet hat“, sagte Antek zu Papa.
„Heiligste Mutter Gottes! Sie haben mir mein Kind vergiftet!“ stöhnte Mama und drückte mich an sich, aber ich stellte gleich richtig.
„Oh, das ist nicht wahr! Solche schönen Soldaten können mich nicht vergiftet haben.“
Darauf äußerte Antek eine andere Vermutung:
„Wenn nicht vergiftet, dann hat er sie vielleicht betrunken gemacht?“
„Waaas?“
Ich war müde und ich hatte keine Kraft, mit ihnen zu diskutieren.
Papa ließ sich von Antek alles erzählen und nach einer Weile begriff er. Ich war betrunken.
Am wenigsten kam Papa damit klar, dass mir die Deutschen gefielen.
„Denn du musst wissen, mein Töchterchen, dass nur die polnischen Soldaten schön und sehr tapfer sind“, sagte er ernst.
Doch ich, obwohl ich meinem Vater wie immer brav zugehört hatte, fragte ihn, über soviel Mut bei mir erstaunt:
„Ist es denn nicht wahr, dass Papa wegen den polnischen Soldaten nur noch ein einziges Paar Hosen hat, und zwar das, das er anhat? Denn Mama hat zur Tante gesagt, dass das alles die Schuld der polnischen Soldaten ist!“
Ohne ein Wort wies Papa mir den Weg mit dem Finger: Ab ins Bett! Ich musste auch noch bittere Kräuter trinken. So für alle Fälle.

Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi