EINWEIHUNGEN

Tatsächlich ist es sehr schwer, Komars Buch auf der Landkarte der Schriftkunst exakt zu verorten, denn es handelt sich um ein Werk am Kreuzweg zwischen Roman, Essay, einem philosophischen Traktat und einem Kochbuch. Der Autor schafft hier flüssige Übergänge von den Beschreibungen verwickelter polnischer Schicksale der letzten Jahrhunderte bis zu detailierten Analysen von beispielsweise „Antigone“ des Sophokles oder „Die Handschriften von Saragossa“ von Jan Graf Potocki; von subtilen Betrachtungen über philosophische Begriffe bis hin zu Beschreibungen raffinierter Speisen und ihrer Zusammensetzungen.
Die Hauptfiguren der „Einweihungen“ sind Frau E. und ihr Diener – gleichsam der Erzähler der Geschichte. Die betagte Frau E., die aus einem ehrbaren Geschlecht mit jahrhundertealter Tradition stammt, ist eine belesene, intelligente Frau mit enormer Lebensweisheit, die ihren zahlreichen Erfahrungen entspringt. Der Diener kümmert sich im Hause (oder vielmehr: in den Häusern) der Frau E. praktisch um alles, obwohl er sich in erster Linie als Koch verwirklicht, Spezialist für Speisen, die man umsonst in den Menüs auch der besten Restaurants suchen würde, und Kenner der berühmtesten Spirituosen. Er ist außerdem das Objekt pädagogischer Leidenschaft seiner Arbeitgeberin, die der Meinung ist, dass es zu ihren Pflichten gehöre, die „niederen Schichten“ zu bilden.
Der Erzähler der „Einweihungen“ stellt die letzten Monate im Leben der Frau E. vor, konzentriert sich dabei vor allem auf Beschreibungen der Einladungen zu Frühstücken, Mittag- und Abendessen, während derer sie mit ihren Gästen (unter anderem einem beliebten Schauspieler und einem kaum gelesenen, aber sehr interessanten Schriftsteller) abschweifende, hin und her gehende Gespräche am reich gedeckten Tisch führt. Um es kurz zu sagen, sind es regelrechte Orgien des Intellektes und des Geschmacks.
Komar entschied sich in seinem neuen Buch für eine originelle Verbindung eines soliden intellektuellen Diskurses mit einer gewissen Kurzweil, die man unter anderem in den von Komik und Ironie geprägten Relationen zwischen Frau E. und ihrem Diener spürt. Dies führt dazu, dass die „Einweihungen“ den Leser zum einen zur Reflexion zwingen, zum anderen niemals ermüden. Komars Buch wurde komponiert wie ein perfektes Mahl (und hier ist der kulinarische Vergleich absolut passend): das durch den Reichtum an Geschmäckern verführt, das gleichzeitig satt macht und leichtverdaulich ist.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Frau E. erzählte mir einst, dass ihre jüngere Schwester, die bereits erwähnte Belle de Jour, während ihrer Pubertät Schnecken gegenüber einen Ekel, Hass geradezu, empfand. Sie soll auf sie uriniert, sie zertreten, mit Petroleum begossen und angezündet haben. Alles aus moralischen Gründen. Sie assoziierte Schnecken nämlich mit sündigen Mysterien des geschlechtlichen Lebens, vor dem sie der Priester Wincenty zu gerne warnte. Die Obsession hörte in dem Moment auf, als Belle de Jour zu begreifen begann, dass wenn es um das Durchdringen des Wesens der Sünde geht, der Ekel nicht der einzige Berater sein sollte. Ein wenig praktische Neugierde sei da schon von Vorteil.
Was mich angeht, so finde ich, dass Drosseln eine bemerkenswerte Speise sind, auch wenn es lästig ist, sie zu rupfen. Am einfachsten ist es, sie auf dünn geschnittenen Streifen Speck zu schmoren, mit Butter, Salz und Pfeffer, anschließend sollte man sie für einige Minuten in den Ofen tun, damit sie Farbe bekommen. Man kann es auch anders machen: das Brustfleisch zusammen mit dem Brustknochen abtrennen, den Rest des Fleisches zusammen mit Magen, Leber (man kann da auch zwei-drei Hühnerlebern hinzufügen) sowie mit Schalotten und Speck dünsten; dann sorgfältig kleinhacken, mit Butter, Salz, Pfeffer und zwei Eigelben verreiben, (auch mit Kräutern, nach Belieben, wenn auch ich von Wacholder abraten würde). Danach bestreicht man zwei runde Böden aus Blätterteig mit dieser Füllung, legt die Drosselbrüste drauf, bedeckt sie dicht mit Speckscheiben und schiebt das alles in den Ofen. Sobald der Speck braun wird, sollte man ihn wegwerfen, und die Brüstchen mit Butter bestreichen. Mir würde es gefallen – aus reinem Respekt vor der Ordnung der Natur – wenn der Vogel von panierten Schnecken, die in Butter gebraten wurden, umgeben wäre. Ich notiere dies, während mir bewusst ist, dass Drosseln unter Naturschutz stehen, mit Ausnahme der Wacholderdrossel und der Misteldrossel, die nur zeitweise in der Schonzeit sind; sie sind saftig, wenn man es richtig anpackt. Ganz verträumt würde ich zu den Vögelchen Hermitage oder St. Joseph reichen, die beide außer der dominierenden Syrah- Rebe auch ein wenig Marsanne und Roussanne aufweisen. Ein Barolo von Silvio Frasso würde auch gehen.
An dieser Stelle muss ich gestehen, dass die Tatsache, dass sich der Schriftsteller K. in Schweigen hüllte, keine Ausnahme war. Ich würde eher von einer Serie an Ereignissen sprechen. Zunächst fiel unser Gast in den am Kamin stehenden Sessel, und dann nahm sein Gesicht tief purpurrote Farbe an.
„Fehlt Ihnen etwas?“, fragte Frau E.
„Ich habe die Stimme des Herrn vernommen.“, erwiderte K. und schloss das linke Auge, während das rechte unbewegt Frau E. anstarrte, boshaft und herausfordernd, denn solchen Eindruck machen starre Blicke.
Daraufhin wandte Frau E. den Blick vom Auge des Herrn K. ab und sagte, das Gespräch über Sophokles fortsetzend:
„Wir erinnern uns, dass der Befehl, Polyneikes` Leiche den Hunden und den Geiern zum Fraß vorzuwerfen, zuallererst keinen eindeutigen Protest unter der thebanischen Öffentlichkeit hervorgerufen hat, die ja durch die alten Männer des Chors repräsentiert wurde. Reden wir eher von Akzeptanz. Von Akzeptanz, die frei von Verlegenheit ist. Denn der Befehl war anscheinend rechtmäßig, anscheinend gerecht, von einem Mann strenger Prinzipien ausgesprochen. Dieser Befehl bezog sich auf die Leiche eines Verräters, zur Ermahnung der Anderen, somit pädagogisch wertvoll, andererseits aber irgendwie übertrieben. Außerdem könnte Widerstand Kreon erzürnen, was bedeutende Konsequenzen für den Chor hätte, einschließlich der Todesstrafe. Wäre es das Risiko wert? Wer wäre so dumm, seinen Kopf zu riskieren. Man muss besonnen handeln. Somit gibt der Chorführer dem Herrscher zu verstehen, obwohl er ihm gleichzeitig das Recht gewährt, über das Vorgehen mit dem Kadaver des Verräters zu entscheiden, dass es ihm lieber wäre, sich von der ganzen Angelegenheit fern zu halten. Es ist ja nicht ausgeschlossen, meint er, dass Kreon sein Recht auf Lebende wie auf Tote anwenden darf, so dass die Leichen den Tieren zum Fraß vorgeworfen werden können; doch unter der Bedingung, dass der Chor aus der Sache herausgehalten wird. Die Jüngeren sollen sich darum kümmern!
Sophokles war ein aufmerksamer Mensch, so dass ihm aufgefallen war, dass die reine, naive Jugend dazu neigt, überstürzt zu handeln. Und dass überstürzte Handlungen zum Unglück führen. Das Alter wiederum kleidet sich in die Gewänder der Vernunft, um zu verbergen, dass ihm die Dummheit gut steht; was auch nicht gut ausgeht, denn: ist jemand glücklich, der sich mit seiner Dummheit wohl fühlt?“
An dieser Stelle öffnete der Schriftsteller K. das linke Auge und schloss das rechte.
„Ja, ja, Dummheit! Man sollte sich nichts vormachen!“, rief Frau E., „Erinnern Sie sich an den Augenblick, in dem der Wärter seinem Herrn Kreon die Nachricht überbringt, dass die Leiche von Polyneikes von einem Unbekannten vergraben wurde? Was macht der Chorführer an dieser Stelle? Mein lieber Herr K., der Chorführer beginnt zu kombinieren! Warum? Weil er sieht, dass – obwohl einem für die Zuwiderhandlung die Todesstrafe droht – sich jemand gefunden hat, der dieses tödliche Risiko auf sich genommen hat. Wer, um Gottes Willen? Wer kann so dumm sein? Oder im Gegenteil: gar nicht dumm. Vielleicht tut er nur dumm.
Das erste Gebot des Alters, das, was sie am Leben hält, ist das krampfhafte Festhalten an der irdischen Existenz. Um jeden Preis, und für die Bequemlichkeit. Die Altersvernunft, der es an jeder Erkenntnis mangelt, verleitet zu der Annahme, dass, wenn nun ein Mutiger aufgetaucht ist, der sich den Befehlen Kreons widersetzt, wohl eine Macht hinter ihm stehen müsse. Welche Macht? Machtvoll genug, um Kreon den Gehorsam zu verweigern. Also eine bedeutende Macht. Dass sie unbenannt ist? Die Menschen aus Theben haben schon andere Wunder gesehen! Wäre es denn nicht vernünftig, diese Macht, die von oben kommt, milde zu stimmen, ohne Kreon dabei zu erzürnen? Und daher beginnt der Chorführer, Kreon gegenüber irgendetwas zu schwafeln: über den Verstand, der ihm eingibt, dass bei dem Begräbnis Polyneikes` die Götter ihre Finger im Spiel gehabt haben müssen. Der Verstand? Es ist doch das Letzte, was man vom Chor erwarten würde. Kreon weiß das sehr wohl, denn er quittiert die Worte des Führers wie folgt: Hör auf, Unsinn zu reden, bevor erkennbar wird, dass du alt und dumm bist.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz