GUTE-NACHT-MÄRCHEN FÜR MÄDCHEN

Jeder liest als Kind Märchen, und über sie definiert er im hohen Maße die Form der Welt und die darin regierenden Regeln – bis er erwachsen wird und erfährt, dass es sich „in Wirklichkeit“ ganz anders verhält. In dieser märchenhaften Welt wird den Mädchen eine besondere und völlig andere Rolle als den Jungen zugewiesen. Die Letzteren kämpfen gegen Drachen, erobern märchenhafte Königreiche und schöne Frauen, finden auch erfolgreich die sagenhafte Farnblüte und andere verzauberten Dinge.
Die Mädchen feiern darin seltener Erfolge, es sei denn, sie heiraten die Prinzen. Ihre Rolle ist eher der passiv. Oft resignieren sie, wenn sie von ihrem tragischen Schicksal erfahren (wie die Kleine Meerjungfrau oder das Mädchen mit den Schwefelhölzern bei Andersen). Daher lesen Mädchen Märchen ganz anders als Jungen, sie reflektieren mehr und wahrscheinlich überkommt sie sogar ein Gefühl der Rebellion dabei. Gerne würden sie etwas in dieser märchenhaften Welt verändern, die ihnen bestimmte Rollen vorschreibt, die sie zu erfüllen haben.
Daraus entwickelte sich die Idee, Märchen für Mädchen neu zu schreiben, ihre Geschichten in die moderne Realität einzuführen – durch erwachsene Frauen, die mit diesen Märchen aufgewachsen sind. Es ist ein Buch entstanden, das mal amüsant, mal provokativ ist, dann wiederum ergreifend. Die Autorinnen sind nicht notwendigerweise professionelle Schriftstellerinnen (obwohl unter ihnen auch Grażyna Plebanek und Agnieszka Drotkiewicz sind), sondern vielmehr Frauen, die als Literaturkritikerinnen, Lehrerinnen oder Künstlerinnen tätig sind und in ihrer Vielfalt die polnische Intelligenz weiblichen Geschlechts repräsentieren.
Der wichtigste Protagonist dieses Buches ist ohne Frage Hans Christian Andersen – nicht nur als der Klassiker der Märchenschreibung, sondern auch als Autor vieler Märchen, die Mädchen gewidmet sind. Diese Texte sind es, in denen sich die heutigen Autorinnen während ihrer Kindheit wiederfanden. Doch das Schicksal, das ihnen der Märchenschreiber zugedacht hat, ist nicht immer nach ihrem Gusto, es zwingt zu einer Auseinandersetzung, oder es erzwingt alternative Lösungen, neckischer oder ironischer Art. So nutzt die Kleine Meerjungfrau den aus den Wellen geretteten schwulen Prinzen sexuell aus und verschwindet danach im Meer. Gerda aus der Geschichte über die Eiskönigin wandert endlos auf der Suche nach Kai, der ein Hund ist, und wird ihn nie finden – stattdessen gerät sie unbemerkt in die Routine eines Lebens im Märchenland. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern wird zu einer in ihrer Ehe frustrierten Frau, die schließlich ihr Haus in Brand setzt. Am dramatischsten sind wohl diejenigen Fälle, in denen die modernen Frauen die Grausamkeiten der Plotauflösung der Andersen-Märchen (der seine Figuren ja nicht verschonte) auf Situationen anwenden, die uns heute passieren können – so wie in der Erzählung von Justyna Jaworska, die diese Anthologie eröffnet, in der Variation des Andersen-Märchens über die roten Schuhe.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Das letzte Paar (Die roten Schuhe)

Karen sah sie im Schaufenster. Rot, auf Schwindel erregend hohen Stöckelabsätzen, aus Ziegenleder, mit einer Aussparung für zwei Zehen, wie für zwei Bohnen, die sich aneinander kuscheln. Dazu unbedingt blutrot lackierte Nägel. Irgendwo hatte sie gehört, dass Manolo Blahnik diese Art von Schuhen liebt, und dass sie „peep-toe-shoes“ heißen, was für sie wie „peep-show“ – also auf jeden Fall anstößig - klang.
Sie stand vor der Scheibe und spürte einen massiven Anfall von Erregung – einer heftigen Erregung – bei der ihr Herz nach unten zu rutschen schien, um unter der sittsamen Baumwolle der Snoopy-Slips zu pochen. Sie blickte auf ihre … Turnschuhe? Nein, denn Turnschuhe wären zumindest das Zeichen von gesellschaftlicher Auflehnung. Derweil blickte sie auf ihre flachen, ökologischen Treter, die mit einem Riemen verschlossen wurden, ihre unverwüstlichen Schuhe Für Jede Gelegenheit, die sie vor ein paar Jahren auf einem Schuh-Markt aus einem Berg Kartons heraus gekramt hatte. Dann blickte sie wieder ins Schaufenster. Der Laden musste wirklich teuer sein, wenn in der ganzen Auslage nur dieses eine Paar stand: gelangweilt, überheblich, ohne Preis.
Wie jede Frau, die sich wie eine Süchtige ihre Nase an Schaufensterscheiben platt drückt, war Karen einst ein kleines Mädchen gewesen, vielleicht nicht gerade eine Waise, aber zumindest ein etwas vernachlässigtes Kind. Die elterliche Vernachlässigung musste der Grund dafür gewesen sein, dass man sie mit so einem Vornamen gestraft hatte. Wie zur Strafe musste sie auch die abgelegten Cordhosen ihrer Cousins tragen, und wie zur Strafe wurden ihr zu Hause die Haare mit einem originell gestuften Pony geschnitten. Die Pullis aus Synthetik-Faser kratzten und die Socken hatten entweder Löcher oder sie waren mit einem kontrastierenden Faden gestopft, und überhaupt: es waren die frühen Achtziger Jahre.
(…)
Und jetzt stand Karen vor einem Laden mit einem Paar karmesinroter Stöckelschuhe und spürte immer mehr, dass sie der Versuchung nachgeben würde. Sie konnte ja mit der Karte zahlen, vielleicht käme sie sogar drum herum, ihr Konto zu überziehen. Sie wusste nur nicht so genau zu was diese Schuhe passen sollten. Seit Jahren wählte sie Tarnfarben und besaß weder Kleider aus Taft noch halterlose Strümpfe, weder paillettenbesetzte Tunikas noch baumelnde Ohrringe. Sie hatte nichts in einem so gewagten Stil. Nur dass es jetzt keinerlei Rolle mehr spielte. Jetzt nicht mehr. Die Schuhe strahlten, zogen sie magnetisch an.
(…)
Die Verkäuferin schielte merkwürdig zur Begrüßung, weil sie nicht wusste, welchen Blick sie aufsetzen sollte: den nicht-sehenden (für die Mäuschen in Bio-Tretern, die immer nur schauten) oder den wachsamen (für die launischen Kundinnen). Karen sah aus wie eine Maus, aber eine sehr zielbewusste Maus.
„Haben Sie diese in 38?“
„Im Schaufenster. Das letzte Paar.“
Karen probierte sie an. Taumelte. Nicht nur, weil sie auf einmal so hoch oben stand. Sie stellte sich vor den Spiegel, der einem eine schmalere Silhouette vorgaukelte und fühlte, dass ihr Körper endlich ihr gehörte. Ihre Wade bog sich zu einer Kurve, wie ein umgedrehter Champagner-Kelch; die Muskeln waren sanft angeschnitten, das Knie schien scharf umrissen. Der Oberschenkel wurde schlanker, die Pobacken in dem Snoopy-Slip klebten fest aneinander wie eine harte Melone, der man einen groben Klaps gibt. Der Bauch wurde flacher, der Busen in dem ausgeleierten Push-up-BH schob sich scharf nach vorne, die Schultern dagegen nach hinten wie bei aufgedrehten Model-Puppen.
„Ich zahle mit Karte.“
Karen legte die Schuhe nicht in den Karton – darin landeten die Treter. Sie ging unsicheren Schrittes aus dem Laden, zog die Blicke auf sich. Wie eine Larve schlüpfte sie gerade in ihren roten Torpedos; sie schwebte über den Bürgersteig wie eine Parodie des Fashion TV, ein wenig wie im Rausch, wie von sich selbst getrennt.
Als sie sich schlafen legte, stellte sie die roten Schuhe neben das Bett. Am nächsten Tag trug sie sie seit dem frühen Morgen zu Hause, und abends ging sie in ihnen in den Club „Underscene“, den die Stammkundschaft „Andersen“ nannte.
Früher hielt sie sich von solchen Orten fern, mit ihren Stroboskopen, dem Gezappel, dem Lärm vom Mischpult, mit den verschwitzten Körpern beim Balztanz. Doch damals hatte sie ihre roten „Blahniks“ noch nicht, so nannte Karen sie zärtlich, obwohl sie auf der Sohle das Logo der ihr unbekannten Firma „ID“ trugen. Sie bereitete sich sorgfältig auf den Abend vor: Wodka mit Saft bevor es losging, ein Päckchen LM-Zigaretten und Gummis in die Handtasche, das Make-up etwas verzweifelt dick aufgetragen. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass es so einfach war. Sie betrat den Club wie unter Hypnose, bestellte sich an der Bar den ersten Manhattan und schwebte auf die Tanzfläche unter den Beschuss des Laserlichts. Die Stöckelschuhe trugen sie von alleine, die Hüften schwang, die Schulterblätter lockerten sich wie unter der sanften Berührung eines thailändischen Masseurs. Wieder spürte sie das Pulsieren, das aus der Gegend des Fußspannes kam, das die Waden kitzelte und höher stieg (dieses Mal war der Snoopy-Slip im Wäschekorb geblieben, zum ersten Mal traute sich Karen, einen getigerten String-Tanga zu tragen). Vor ihr flimmerten in Konvulsionen violettfarbene Gespenster, in der Luft verdichtete sich der Veilchen-Duft von Fahrenheit. Sie spürte die Hände von jemandem, hinten auf ihrer Hüfte. Doch sie drehte sich nicht um, sondern begann, mit dem Po zu rotieren. Die High-Heels rutschten von alleine auf der Tanzfläche, es kam ein Lied nach dem anderen, und die Hände auf ihrer Hüfte wurden immer begieriger. Und immer notwendiger. Es war unglaublich, wie lange sie ohne einen Mann ausgekommen war.
Karen schaute ihn erst im Taxi an, konnte aber nicht so viel sehen, weil es dunkel war. Eigentlich sah sie sein Gesicht erst in der Morgendämmerung. Er hatte Aknenarben, einen roten Nacken mit ausrasiertem Haar, und aufgeweichte Poren, die in dem scharfen Licht vom Fenster so unschuldig aussahen. Er atmete wie ein Kind, schnaufte ein bisschen. Die Junggesellenwohnung gehörte ihm, also sammelte sie schnell ihre Sachen ein, den String-Tanga (neben der Matratze), das Kleid (es hing vom Stuhl wie eine ausgeweidete Trophäe), und die Stöckelschuhe (die nonchalant auf dem Weg ins Bad da lagen, und so taten, als ob sie von nichts wüssten). Und noch die Handtasche. Karen zog sich an und flüchtete, wie eine richtige Dame.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz