DAS RASIERMESSER

Wojciech Chmielewski porträtiert in seinen Erzählungen Menschen, die mit unterschiedlichen Lebensabschnitten vertraut sind. Eine seiner Heldinnen, eine junge Zigeunerin, steht am Beginn ihres Lebens, eine andere, eine ehemalige Malerin, will nach einem erlittenen Herzinfarkt einen würdigen Abschied von der Welt nehmen. Doch die meisten seiner Helden sind Menschen in ihren besten Jahren – und Chmielewski porträtiert sie an einem Wendepunkt ihres Lebens. Sie sind einsam, resigniert und ausgebrannt, betroffen vom Tod eines nahen Menschen, vom Verlust ihres Lebensziels oder Lebenssinns – und sie versuchen, dem Stillstand und der Depression zu entfliehen. Den meisten von ihnen gelingt diese Flucht. Ein abgespannter Manager kehrt an seinem Geburtstag an seinen Lieblingsort zurück, eine kleine Bar, die ihn an seine sorgenfreie, ungezwungene Jugend erinnert. Einen anderen Weg wählt die Heldin der Erzählung Klößchen, eine ehemalige oppositionelle Studentin, die ihren Frieden findet, indem sie sich in einer Kleinstadt niederlässt und dort die Freiheit genießt, für die sie einst gekämpft hat. Ein junger Witwer wiederum weiß, dass die Liebe zu seinem Sohn ihn über den erlittenen Verlust hinwegtrösten wird. Doch es gibt auch andere, die in verzweifelteren Gesten Linderung suchen, wie der Held der Titelerzählung Das Rasiermesser, ein dynamischer Schulungsexperte, der seinen Stress durch autoaggressive Handlungen abzubauen versucht. Der Verfasser der Aufzeichnungen, die in der Erzählung Die Kladde wiedergegeben werden, bricht sein Studium ab, nimmt die erstbeste Arbeit an und beginnt dort eine Affäre mit seiner wesentlich älteren Chefin. Bemerkenswert sind die Begleitumstände dieser Flucht vor dem Leben: Es ist 1989, das Jahr der politischen Wende, von der der zwanzigjährige, mit sich selbst beschäftigte Held kaum Notiz zu nehmen scheint.
Chmielewskis Porträts bilden keine homogene Einheit. Er verwendet unterschiedliche Erzählformen, Metaphoriken und Sprachstile sowie unterschiedliche Erzählspannen – von wenigen Augenblicken bis hin zu einem ganzen Leben, das vor einer schwer verletzten Frau vorüberzieht. Eine Art Fazit, eine Skizze über die Triebfedern und Hemmnisse des menschlichen Handelns (und gleichzeitig eine Kostprobe von Chmielewskis großem erzählerischem Können) stellt die Erzählung Die Sonne dar, in der sich die Figuren wie in einem Kaleidoskop verwandeln: Jede von ihnen reagiert unterschiedlich auf die drückende Hitze.
Wojciech Chmielewski erwischt das Leben auf frischer Tat. Er ist weniger ein Spezialist für spannende Intrigen als vielmehr ein aufmerksamer Beobachter der menschlichen Natur. Ihn interessiert das Innenleben seiner Figuren, sein Augenmerk gilt nicht der Handlung, sondern dem scheinbaren Stillstand, dem Augenblick der Schwebe, der unterschiedliche Ursachen haben kann. Chmielewski präsentiert seine Helden in sehr intimen Momenten und in Situationen, die dem unbeteiligten Beobachter banal erscheinen mögen. Diese Lektüre beweist, dass man keine vorschnellen Urteile fällen sollte.

Marta Mizuro

AUSZUG

Das verschüttete Dorf

Die Straße klettert den Berg empor. Sie ist stark befahren, Autos und Motorräder. Zu beiden Seiten Verkaufsstände und Imbissstuben. Der Geruch nach gebratenem Fisch, Abgasen, erhitzten Gehsteigen. Sie hat keine Kraft, weiter bergauf zu gehen, ihre Stirn ist schweißüberströmt. Sie setzt sich in ein Café, ohne auch nur zu überlegen, ob es sich um ein Selbstbedienungslokal handelt, oder ob jemand an ihren Tisch kommt.
Bernstein. Ein Aufblitzen ihres Ringes, der das grelle Sonnenlicht reflektiert. Ihr Blick verharrt auf dem Stein, der sie schon so lange begleitet. Sie trägt ihn seit ihrer Scheidung, anstelle ihres Eheringes, fast 30 Jahre. In seinem Inneren sind irgendwelche Krümel oder Schuppen eingeschlossen, kleine Teilchen, die Hunderttausende Jahre überdauert haben. Und dauern werden, wenn sie schon nicht mehr ist.
- Ja, bitte? – die freundliche Stimme der Kellnerin.
Sie hat sich ein Wasser mit Eis und Zitrone bestellt. Auf der Straße geht es zu wie auf der Warschauer Marszałkowska. Das gefällt ihr nicht. Sie bereut, dass sie gerade diesen Weg zum Strand genommen hat, aber es ist der kürzeste von ihrer Pension. Das erste Mal war sie mit ihrem kleinen Mikołaj hier gewesen, ein Jahr vor ihrer Scheidung. Er war vier Jahre alt. Schon damals hatte es ihr Ex-Mann vorgezogen, die Ferien allein zu verbringen, auch wenn sie noch daran geglaubt hatte, er würde zu ihr zurückkehren. Sie hatte sich Mühe gegeben, jeden Tag Sex mit ihm gehabt, ihn aber damit auch nicht umstimmen können. Eine armselige, fast völlig ausgeblichene Erinnerung, geradezu lächerlich. Als sie zum ersten Mal hier war, waren die Straßen ruhiger, ohne die vielen Warschauer. Lang ist's her. Jetzt herrscht Betrieb, die Menschen drängen sich auf den Gehsteigen, viele mit Kinderwagen.
Am liebsten rekelt sie sich schläfrig auf ihrem Handtuch und überlässt sich den Sonnenstrahlen. Sie muss sich keine Gedanken machen, nicht ihren weiteren Aufenthalt planen, sich nicht darum kümmern, ob morgen die Sonne scheinen würde. Eingecremt, in einem einteiligen Badeanzug, versteckt hinter ihrem Windschutz. Über ihr der Himmel, das Meer ist ruhig, sanfte Wellen. Sie hört das Rauschen. Man kann schwimmen gehen.
Die weißen Wände ihres Zimmers in der Pension, die von Steyler Missionaren geleitet wird. Die Zimmer, oder vielmehr Zellen, in denen die Missionare sich von ihren Reisen in die ganze Welt erholen. Neulich hatte einer von ihnen während der Predigt in der Kapelle von seinem Aufenthalt in Kolumbien erzählt. Von Drogenkartellen und linken Aufständischen in den Bergen. Priester ermordete man dort nur, wenn sie sich in die Politik einmischten. Aber die einfachen Leute, hatte der junge Mann in der Soutane gesagt, waren wunderbare, liebenswerte Menschen, voller Dankbarkeit für die freiwillige Arbeit von Todesmutigen wie ihm.
Nach ihrer Rückkehr vom Strand starrt sie an die Decke. Gestern kam eine große, schwarze Spinne hervorgekrochen. Sie hatte sie mit ihrem Hemd heruntergeschlagen. Stille. Vom Fenster hat sie einen Ausblick auf das Haff. An der Wand ein Kruzifix. Ihr Sohn Mikołaj arbeitet auch in einem fremden Land, baut Straßen in Jordanien. Drei Jahre sitzt er schon dort mit der ganzen Familie, er hat sie sogar eingeladen, dort Urlaub zu machen, aber sie wollte nicht. Zu weit, zu heiß, sie bedankte sich und kam lieber hierher. Fast zehn Jahre war sie nicht mehr an diesem Ort gewesen, hatte andere vorgezogen. Doch dann hatte sie etwas hierher gelockt, vielleicht das günstige Angebot der Steyler Missionare, die nette Umgebung, die Ruhe, die kultivierte Atmosphäre, ohne Geschrei im Nachbarzimmer, ohne Diskotheken. Und die Strände sind wunderschön, breit und sauber, ohne zerbrochene Bierflaschen und gebrauchte Präservative.
Besonders angetan hatte es ihr eine Stelle unmittelbar hinter dem Hafen, in einem auf natürliche Weise entstandenen Dünenbogen. Das Kreischen der umherfliegenden Möwen störte sie nicht, sie betrachtete ihren ungleichmäßigen Flug und prägte sich unbewusst die sich am Himmel abzeichnenden Linien ein. Seitdem sie ihr Atelier geschlossen und schließlich verkauft hatte, wollte sie nicht mehr malen, doch die Bilder bemächtigten sich auch so ihres Denkens, krochen zu unterschiedlichen Tageszeiten hervor und lockten sie. Die unter einer Sandschicht hervortretenden Wurzeln in den umliegenden Wäldern, in denen sie nach dem Mittagessen umherwanderte, die Wipfel der Bäume und das sich undeutlich abzeichnende jenseitige Ufer des Haffs, auf das sie morgens von ihrem Balkon blickte, die erste Zigarette rauchend, obwohl das Rauchen in der von Priestern geführten Pension verboten war.
Gestern war sie einem von ihnen begegnet. Er wohnt im Zimmer gegenüber. Ein langer, sauberer Korridor mit grauen Terrakottafliesen. An den Wänden gerahmte Landkarten afrikanischer, asiatischer und südamerikanischer Staaten, daneben Porträts von Missionaren, einige von ihnen waren selig- oder sogar heiliggesprochen. Der Mann mit dem erschöpften Gesicht und dem Dreitagebart, der ebenfalls auf ihrem Flur wohnt, denkt bestimmt auch an seine Heiligkeit. Im Alltag trägt Pater Darius, wie er sich ihr einmal im Esssaal vorgestellt hatte, Zivil, aufgeknöpftes Polohemd und Sonnenbrille, aber als sie ihm eines Morgens auf dem Flur begegnet war, hatte er eine Soutane mit einem breiten, schwarzen Gürtel angelegt. Er war auf dem Weg in die Kapelle gewesen, um dort die Messe abzuhalten. Im Mundwinkel wie immer ein leises Lächeln, das einen scharfen Kontrast zu seinen erschöpften, grauen Augen bildete.
Die Nehrung war äußerst hügelig. Die mit Mischwald bewachsenen Erhebungen bildeten richtige Schluchten, in denen man Fahrrad fahren, spazieren gehen oder sich ins warme Gras legen konnte, bevor man zum Strand ging, um sich abzukühlen. Hier verbrachte sie ihre Nachmittage, begegnete anderen Menschen, ganzen Familien, blieb jedoch immer für sich. Vor Jahren hatte sie mit Mikołaj einen Ausflug in den elf Kilometer entfernten Ort unternommen, den letzten vor der Grenze, die die enge Landzunge zwischen dem Meer und dem Haff durchschnitt. Sie hatten Fisch gegessen und gebadet, es gab dort einen breiten, sauberen Strand. Zurück waren sie per Anhalter gefahren. In welchem Jahr war das noch? Nichts ist im Gedächtnis geblieben. Zuhause hatte sie einige Schwarz-Weiß-Fotografien von jenem Urlaub aufbewahrt. Damals war es ihr nicht schlecht gegangen, sie hatte viele Bilder verkauft, vor allem Vasen mit Rosen, und sie hatte regelmäßig Alimente erhalten.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau