DER SOMMERGAST AUS MIERZEJA

Die Erzählstruktur des Romans Der Sommergast aus Mierzeja stützt sich auf eine bereits bewährte Idee: Der langsam von seinem Leben Abschied nehmende Protagonist findet eine Schachtel mit alten Briefen. Zwei davon erinnern ihn an Ereignisse, die fünfzig Jahre zurückliegen, konkret daran, dass er seinerzeit die Nachricht, er sei Vater geworden, ignoriert hat. Der Protagonist will am Ende seiner Tage in Erfahrung bringen, was aus dem Kind und dessen Mutter geworden ist. Er macht sich auf den Weg an den Ort, an dem er sie anzutreffen erwartet, oder irgendwelche Informationen zu erlangen glaubt, die Ausgangspunkt für seine Privatrecherchen werden könnten. Seine Reise erfasst er minutiös in der Form eines Briefes an seinen Sohn. Jener ausführliche, im Umfang einem Roman gleich kommende Brief betrifft nicht nur die Jugendliebe und die nie angenommene Vaterschaft. In erster Linie ist er die große Beichte des siebzigjährigen Józef, die Bilanz eines misslungenen Lebens und der Versuch einer „Selbsterklärung”. Der Ort, an den Józef reist, heißt Krynica Morska – der größte Kurort im Gebiet der im Titel erwähnten Mierzeja Wislana (Weichselnehrung). Hier hatte der 17-jährige Józef, der Sommergast aus Warschau, das einfache, in dem Ort lebende Mädchen, Mirosława, kennen gelernt, mit der ihn eine leidenschaftliche Beziehung verband. Józef verbringt zwei Wochen in dem Ostseeort. Er führt seine eigenen Recherchen. Sie bleiben jedoch erfolglos. Mit leeren Händen kehrt er nach Warschau zurück. Mirosława lebt nicht mehr und ihre Tochter erfährt nicht die Wahrheit über ihre Herkunft. Der Sommergast aus Mierzeja ist eine einfache, karge Erzählung, sachlich im Stil, sparsam, von Melancholie und Nostalgie durchwebt. Józef weiß eigentlich, dass er die Angelegenheit von vor fünfzig Jahren nicht entwirren kann und nichts ändern oder in Ordnung bringen wird. Im Grunde reist er nach Mierzeja, um mit dem „Unmöglichen” in Kontakt zu treten; mit der Welt seiner Jugend, mit den lange zurückliegenden Augenblicken, als er wirklich glücklich war. Er baut darauf, dass in Krynica irgendwelche Spuren im Sand zurückgeblieben sind. Diese Illusionen nähren ihn, verbessern jedoch in keinster Weise sein Wohlbefinden. Die Vergangenheit ist abgeschlossen, es gibt kein Zurück. Es bleibt unklar, warum Józef so viel daran liegt, dass sein Sohn seine Erzählung kennen lernt. Dieser ist schließlich ein reifer Mann, unempfänglich für pädagogische Einflüsse. Um aus den Fehlern seines Vaters zu lernen, ist es entschieden zu spät. Vielleicht will der Protagonist des Romans Der Sommergast aus Mierzeja seinem Sohn bewusst machen, dass die Ehe mit dessen Mutter misslungen war. Vielleicht sucht er in den Augen seines Sohnes nach einer Rechtfertigung. Dem Ende des Romans entnimmt man, dass der Sohn den Brief seines Vaters bereits vor dessen Tod gelesen hat. Józefs Tod schließt endgültig das Kapitel um das ungewollte Kind und die im Stich gelassene Mutter.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Auf dem Weg erinnerte ich mich an vertraute Biegungen des Waldweges – die hinter und die vor mir. Bis zu der Stelle, and der das Haff hinter den Bäumen hindurchschimmerte. Ich war fast am Ziel. Zur Linken und zur Rechten tauchten die ersten Häuser auf. Ich fuhr ganz langsam und versuchte herauszufinden, wo das Haus der Lachowiczs war. Ich konnte mich erinnern, dass es auf einem Hügel gestanden hatte, in der Biegung eines Sandweges, der durchs Dorf führte (erst später wurde er asphaltiert – sicher in den sechziger Jahren). Ich erkannte nichts wieder – alles sah anders aus. Die Häuser waren anders – grau, wie Betonbunker mit flachen Dächern. Die, die ich vor Augen hatte – aus rotem Backstein und mit holländischen Dachpfannen – waren verschwunden. Ich erinnerte mich, dass in der Kurve, von wo aus ein Pfad den Hügel hinauf führte, damals eine alte Eiche wuchs. Die Eiche war nicht mehr da, doch ich entdeckte den Baumstumpf und einige Triebe – ein Bündel Zweige, vergilbte Eichenblätter. Höher, unter Kiefern, stand das Haus. Ich erblickte die grauen Mauern. In den Scheiben der Glasveranda spiegelte sich der Himmel.
Ich fuhr rechts ran und stieg aus dem Auto. Eine Weile stand ich da und atmete die kühle Luft ein. Es roch anders; die alten Gerüche, die ich aus jener Zeit erinnerte – nach Kiefern, Wiesen, Sand, Rauch aus dem Kamin – waren verschwunden. Einige zehn Meter weiter, auf der Kreuzung des asphaltierten Weges und des Waldweges, in Richtung Meer (täglich waren wird dort entlang zu den Fischerbooten am Strand gelaufen) – sah ich eine Tankstelle. Benzingeruch wehte herüber. Autos kamen auf der viel befahrenen Straße vorbei – es roch nach Staub und Abgasen.
Ich überquerte die asphaltierte Landstraße und ging langsam bergauf. Ich erinnerte mich, dass ich über einen schmalen gepflasterten Gehweg gelaufen war, an einem Maschendrahtzaun vorbei, hinter dem Beete lagen; etwas Gemüse, Blumen, Johannisbeer- und Stachelbeersträucher. Ich gelangte an ein geschlossenes Gartentor, an dem ein verrosteter Briefkasten hing. Ich blieb einen Augenblick lang stehen und blickte auf das veränderte Haus: Die Holzveranda war weg und auch die darüberliegende Terrasse, von der wir früher über die Wiesen und das Haff blickten. Stattdessen hatte man eine Veranda mit kleinen Fenstern gemauert. Betonstufen führten zum Podest vor der Veranda. Dahinter war eine Tür. Nur die Kiefern waren noch die gleichen. Sogar der verdörrte Ast eines der Bäume kam mit bekannt vor. Früher hatte eine Schaukel daran gehangen, auf die Mirka die Zwillinge setzte.
Ich drückte die Klingel. Aus dem Haus drang Hundegebell. Nach einer Weile wurde die Tür am Ende der Treppe geöffnet und der Hund – ein kleiner Mischling mit gekringeltem Schwanz – rannte kläffend hinaus. Reflexartig trat ich ein Stück zurück, denn er sprang jetzt auf der anderen Seite am Tor hoch – er bellte giftig. In der geöffneten Tür erblickte ich eine Frau. Sie hatte einen grauen Rock und einen grünen Pullover an. Auf dem Kopf trug sie ein Tuch – irgendetwas Buntes. Uns trennten nur wenige Schritte, doch ich konnte nicht hören, was sie sagte, denn der Hund bellte unentwegt. Die Frau stieg die Treppe herab und näherte sich dem Zaun. Ihre nackten Füße steckten in fersenlosen Schlappen - sie schlurfte, als sie über den Betonweg lief. Sie jagte den Hund fort.
„Guten Tag“, sagte ich. „Haben früher die Lachowiczs hier gewohnt? Jan und Barbara.“ Sie blickte mich eine Weile an, als hätte sie meine Frage überrascht. Sie wirkte alt und müde. Unter dem Kopftuch lugten graue Haarsträhnen hervor.
Mir fielen ihre Hände auf – die Haut war gerötet, wie erfroren. Lediglich die blauen Augen waren jung.
„Ja, das haben sie. Aber sie sind schon gestorben“, sagte sie.
Der Hund kläffte jetzt unter den Johannisbeersträuchern.
„Und Mirosława, die Tochter der Lachowiczs?”
„Meine Mutter lebt ebenfalls nicht mehr. Sie ist dieses Frühjahr gestorben.”
„Mein Gott”, sagte ich. Und eine Weile später wiederholte ich: „Mein Gott.”
Sie sah mich ohne ein Lächeln an. Ich dachte, sie hätte keine Lust mit mir zu reden. Sie würde das Tor nicht aufmachen, mich nicht hereinbitten. Es lohnte sich nicht zu warten. Drinnen war ein Radio laut gestellt.
„Als Junge verbrachte ich meine Ferien hier. Das ist schon sehr lange her. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Ich kannte Ihre Großeltern und Ihre Mutter”, sagte ich dann.
Jetzt erst lächelte sie, wurde jedoch sofort wieder ernst:
„Leider leben sie alle nicht mehr.”
Hinter ihrem Rücken tauchte ein Mädchen in der Verandatür auf – sie mochte zehn oder zwölf Jahre alt sein. Sie trug ein blaues Kleid. Die dünnen Beine steckten in großen Turnschuhen – wahrscheinlich von ihrem Vater oder ihrer Mutter. Auf dem Kopf ein blonder Haarschopf – beinahe eine Afro-Frisur.
„Mama, Onkel Krzysiek ist am Telefon!”
„Entschuldigen Sie”, sagte die Frau.
Sie drehte sich um und ging zum Haus zurück, und ihre Schlappen schlurften wie zuvor über den Betonweg. Ihre nackten Fersen blitzten auf. Ich wartete noch einen Augenblick hinter dem Tor. Die Tür blieb angelehnt. Der Hund bellte – er war wieder näher gekommen. Ich hatte den Eindruck, als würde mich das kleine Mädchen durch den Türspalt beobachten. Sie sah einen älteren Mann in Cordhosen, die an den Knien ausgebeult waren, in einer offenen Windjacke und einem Flanellhemd: Wer war ich, was wollte ich, wieso beunruhigte ich ihre Mutter? Ein grauer Kopf, eine Brille, eine große Nase. Ich legte meine Hand auf den Torpfosten (was den Hund noch giftiger machte) und wartete. Aber die Mutter des Mädchens kam nicht mehr zurück.
Nach zwei oder drei Minuten gab ich auf. Langsam ging ich den schmalen Weg wieder nach unten. Der Hund bellte die ganze Zeit. Er begleitete mich bis zur Straße.
Später, als ich neben meinem Wagen stand, blickte ich noch auf das Haff. Es war grau, wie die Wolken. In der Ferne, im Nebel, lag das andere Ufer. Ich stieg in den Wagen und fuhr langsam weg.

Zwei Stunden nach diesem Gespräch mietete ich ein Zimmer in einer Touristenanlage, am Ende des Ortes, weit weg von dem Haus der Lachowiczs. Ich war, so schien es, der einzige Gast. Ich wollte zwei, drei Tage dort bleiben – überlegen, nachdenken.
Mein lieber Jacek, erst hier, in der schäbigen Anlage – früher sicher einer Ferienanlage für Arbeiter – gegen zehn oder elf Uhr abends, als ich auf dem harten Klappsofa, auf einer muffig riechenden Decke lag – wurde mir bewusst, dass die Frau, mit der ich gesprochen hatte, vielleicht meine Tochter war! Verstehst Du? Und das Mädchen auf der Veranda – meine Enkelin. Ist das möglich?
Ich lag da und starrte in die helle Lampe – eine weiße Kugel. Ich schloss die Augen und sah dann einen roten Fleck. Ich öffnete die Augen – eine weiße Kugel. Ich schloss sie – ein roter Fleck. Schließlich nickte ich ein.

Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi