KOMMISSAR MACIEJEWSKI. KINO VENUS

Auf die Losung: „Polnischer Retro-Krimi“ gab es jahrelang nur eine Antwort: Marek Krajewski. In der Tat, die Reihe über die Abenteuer des Breslauer Polizisten Eberhard Mock erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit – doch kürzlich machte sich ein gefährlicher Konkurrent Krajewskis bemerkbar: der Lubliner Schriftsteller Marcin Wroński. Jahrelang wechselte dieser Autor von einem Genre zum anderen, von postmoderner Prosa über Kinderliteratur bis hin zu Fantasy. Endlich veröffentlichte er 2007 den Retro-Krimi „Kommissar Maciejewski“, und ein Jahr später den nächsten Band des Zyklus: „Kommissar Maciejewski. Kino Venus.“ Und es stellte sich heraus, dass er - wie ich meine –sich als Krimi-Autor am besten macht.
Die Kriminalromane von Wroński spielen Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts im provinziellen Lublin. Ihr Protagonist ist Unterkommissar Zygmunt Maciejewski, genannt Zyga, von der Ermittlungs-Abteilung des hiesigen Reviers; der beste „Spürhund“ in der Stadt und in der (weitläufigen) Region. Der ehemalige, früher ziemlich erfolgreiche Boxer (daher die gebrochene Nase) ist schlampig, arrogant und mit einem ironischen, bissigen Humor gesegnet. Er ist ein Liebhaber von Kafkas Prosa, neigt zur Insubordination, ist gleichzeitig aber ein Polizist, der das gewisse Etwas besitzt, das jeder gute Bulle haben sollte: die Intuition, die ihn bei der Verfolgung von Verbrechern so erfolgreich macht.
Obwohl Wroński seine Romane zwischen den beiden Weltkriegen spielen lässt, sind die darin behandelten Probleme immer noch aktuell. Im ersten Teil der Reihe deckt Majewski – während er die Mörder des Chefredakteurs der Lubliner Tageszeitung jagt – eine Affäre auf, in die Politiker, Geschäftsleute und Journalisten verwickelt sind. Im zweiten Teil muss er sich in die düstere Welt der Frauenhändler und Pornoproduzenten hinein begeben.
Der Leser von Wrońskis Büchern wird darin alles finden, was in einem guten Krimi enthalten sein muss: eine präzise konstruierte Intrige, interessante Nebenhandlungsstränge (beispielsweise das Motiv mit Maciejewskis beruflichen und privaten Problemen im zweiten Teil), einen sympathischen Protagonisten, plastische Nebenfiguren (ich meine hier vor allem die Kollegen des Kommissars vom Revier, Zielny, Falniewicz und Kraft), und als Bonus: das Bild des Vorkriegs-Lublin, voller Details und Kuriositäten, sowie einen raffinierten Stil. Denn Wroński ist ein Stilist hohen Ranges, was im Falle der Krimi-Autoren nicht oft vorkommt.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Seit dem frühen Morgen war der Tag geradezu traumhaft schön – wie dafür geschaffen, mit dem Auto aus der Stadt heraus zu fahren, und nicht in einem stickigen Zugwaggon zu sitzen. Erst recht nicht in dem Zug, der um 9 Uhr 41 abfuhr, und sich dahin schleppte, um gegen Mittag in Dęblin anzukommen; und von dort aus waren es noch anderthalb Stunden in schlimmster Hitze. Abends ging doch der Eilzug – mit dem brauchte man nur drei Stunden in der angenehmen abendlichen Kühle, außerdem hielt er zentral am Warschauer Hauptbahnhof, und nicht am Ostbahnhof im Stadtteil Praga.
Nun war Lilli aber dickköpfig. Sie packte ein paar notwendige Dinge in ein kleines Köfferchen aus gelbem Leder, und hatte sogar beim Frühstück ihre Handtasche dabei, als ob sie in irgendein Reisefieber verfallen wäre, in eine obsessive Furcht, etwas zu vergessen.
Maciejewski war am Abend zuvor spät zurück gekommen und offenbar nicht in der Stimmung, romantisch wie in einem Melodrama die letzten Stunden bevor sie wegfuhr mit der Geliebten zu verbringen. Beinahe die ganze Nacht rumpelte er in dem dunklen Haus herum; schließlich hörte Fräulein Byoros im Halbschlaf, wie Gläser im Kredenzschrank klirrten.
„Ach, soll er doch trinken“, dachte sie und drehte sich auf die andere Seite.
Am Morgen war er ebenfalls nicht zu Gesprächen aufgelegt. Er aß kaum etwas, schenkte sich nur immer wieder Kaffee nach.
„Könnte es sein, dass du etwas vor mir verbirgst?“, presste er schließlich hervor.
Lilli schaute ihn aufmerksam an und lachte auf.
„Was?“, fragte er pikiert.
„Nichts. Nur dass du mich langsam an einen eifersüchtigen Biedermann erinnerst, Zyggie. Wie in deinem Lieblingsfilm `Die Büchse der Pandora`. Wenn ich Louise Brooks wäre, müsste ich dich erschießen.“
„Es war Doktor Schön, der Lulu erschießen wollte“, knurrte Maciejewski und begann, Streichhölzer zu suchen.
„Na, dann musst du dich beeilen.“ Lilli griff rasch nach ihrer Handtasche und dem Koffer, denn vor dem Haus ertönte gerade eine Autohupe. „Bis dann, Zyggie“ Sie küsste ihn auf die Wange.
„Ciao, Lea …“, murmelte er leise.
Sie erstarrte für einen Moment, doch als sie den Kopf zu ihm drehte, huschte lediglich ein unschuldiges Lächeln über ihr Gesicht.
„Was hast du gesagt?“
„Dass es an der Zeit ist, Lebewohl zu sagen, Lea.“
Er erhob sich und ging auf sie zu wie Doktor Schön aus dem Film von Pabst – hochgewachsen, beeindruckend. Man hätte meinen können, dass er in allem (abgesehen von der physischen Schönheit) seine zartgebaute Geliebte überragte. Doch Zyga war nicht wie Doktor Schön, weder betrübt noch verzweifelt entschlossen. Er sah aus, als ob der Kaffee endlich gewirkt hatte – er war aufgewacht.
Maciejewski holte ein altes, mehrmals gefaltetes Dokument hervor, zeigte es dem Fräulein Byoros und steckte es zurück in die Tasche der aufgeknöpften Uniform.
„Lea Birsz, geboren neunzehnhundertundsechs in Wiedźma, Kreis Baranowice.“
„Zyggie …“ Sie tat amüsiert und drohte ihm mit ihrer kleinen Handtasche.
„Weder bin ich Zyggie, noch du Lilli.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich will ja nichts sagen, wir hatten unseren Spaß. Leider wirst du nirgendwohin fahren.“ Er berührte Lillis Arm mit zwei Fingern. „Fräulein Birsz vel Byoros, im Namen des Gesetzes nehme ich Sie fest; ihnen wird Prostitution vorgeworfen. Sobald eine Polizeibeamtin anwesend ist, werden Sie durchsucht.“
Sie lachte ihm ins Gesicht:
„Hast du etwa Angst, mich zu befummeln?“
„Ich bedaure, das Gesetz verbietet es mir.“ Er breitete die Arme aus. „Warte im Salon. Willst du Kaffee? Es müsste noch welcher in der Kanne sein, bitte …“
Er beendete den Satz nicht, denn plötzlich spürte er unter der Rippe kalten Stahl. Das Handtäschchen fiel zu Boden und in Lillis Hand erschien eine kleine Browning.
„Eine Villa vor der Stadt hat noch einen Vorteil“, zischte sie, „Niemand wird den Schuss hören. Vor allem aus einer kleinkalibrigen Waffe. Halt die Hände höher!“
Die Hupe ertönte erneut.
„Ach ja, der Chauffeur!“, lächelte Fräulein Byoros. „Ruf ihn hierher. Los, sonst schieße ich!“
Maciejewski öffnete die Haustür und steckte den Kopf heraus.
„Herr Florczak! Wir haben hier ein Problem. Könnten Sie bitte mal reinkommen?“
Der Taxifahrer kam angerannt, in der Annahme er müsse einen Koffer tragen helfen. Und sie hatten ja nicht mehr viel Zeit, wenn die Dame den Warschauer Zug noch erreichen wollte.
„Oh, ver-damm-te Schei-ße!“ stieß Florczak Silbe für Silbe hervor, als er unter seiner Nase den Lauf der kleinen Pistole bemerkte. „Na, da haben Sie mich aber reingeritten!“
„Autoschlüssel!“, verlangte Lilli. „Und beide an die Wand.“
„`Das blutige Finale einer Skandal-Romanze`, so werden sie es sicher in den Zeitungen beschreiben.“, bemerkte Zyga ruhig. „Aber du musst dich nicht beeilen, du verzichtest ja eh auf Reisen mit der staatlichen Eisenbahn, oder? Wollen wir uns zum Schluss die Wahrheit beichten, damit es wirklich wie im Kino ist?“
„Ach!“ Lilli legte sich die Hand auf die Stirn, mit derselben Geste, wie es die Smosarska im Film „Die Lepra-Kranke“ tat, wenn sie vorhatte, ohnmächtig umzufallen. „Was für eine Mesalliance, was für ein Drama! Bis dass die Kugel uns scheidet …“ Sie lachte. „Ich wusste nicht, dass du ein Masochist bist. Interessiert es dich, wofür ich dich brauchte?“
„Nein, denn gerade das weiß ich sehr gut.“ Maciejewski lehnte sich lässig gegen die Wand.
Er ignorierte vollkommen den flehentlichen Blick des Taxifahrers. Herr Florczak las die Zeitschrift „Der geheime Detektiv“ und begriff sehr wohl, dass sie werden sterben müssen, wenn das Fräulein ihnen alles verrät. Warum sah Maciejewski das nicht ein?!

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz