SANDBERG

Piaskowa Gόra (Sandberg) ist der Name einer großen Plattensiedlung in Wałbrzych / Waldenburg.
Anfang der Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zog der Bergmann Stefan Chmura mit seiner Frau Jadwiga in den größten Block der Siedlung. 1972 wurde ihre Tochter Dominika geboren.
Der Roman von Joanna Bator berichtet detailliert über die Schicksale der erwähnten Figuren sowie der Mütter von Stefan und Jadwiga (die Großmütter von Dominika), Halina und Zofia. Die frühesten Geschehnisse, die in dem Roman behandelt werden, streifen die Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, die jüngsten sind in der heutigen Zeit angesiedelt. Der Roman von Bator ist ein mehrdimensionales Werk, das mit seiner epischen Dynamik imponiert. Einerseits ist es ein Panorama-Roman, in dem erstaunlich glaubwürdig und gleichzeitig kritisch die sozial-gesellschaftliche Geschichte der Volksrepublik Polen rekonstruiert wird. Andererseits hat diese Erzählung Ähnlichkeit mit einer Familien-Saga, da sie singuläre, kleine Dramen einfacher Menschen darstellt. Und außerdem ist „Piaskowa Gόra“ auch noch ein äußerst frauenzentrierter Roman – nicht nur deshalb, weil die vier erwähnten Frauengestalten im Vordergrund stehen (Tochter, Mutter, die beiden Großmütter), aber auch weil sich die Autorin auf die Sehnsüchte, Wünsche und Nöte von Frauen aus drei Generationen konzentriert und so ihre Vorstellungen vom persönlichen Glück präsentiert. Diese Wunschvorstellungen konfrontiert sie wiederum mit der Brutalität und Trivialität des sogenannten „wirklichen Lebens“.
Am ergreifendsten ist die Geschichte von Dominika, die der Leser von ihrer Geburt an, über die Schuljahre bis hin zu ihrer Jugendromanze mit einem Priester begleitet. Diese Beziehung endet zwar in einer Katastrophe, doch auch so, dass die Protagonistin aus ihr gestärkt hervorgeht. Die anderen drei Frauen-Porträts werden ebenfalls genau skizziert. Sowohl die Wechselfälle des Lebens dieser Frauen - vor allem ihre komplizierten Beziehungen mit Männern wurden ideenreich beschrieben - als auch das, woraus sich ihr Innenleben zusammensetzt. Oder besser gesagt: ihr Leben voller Phantasmen, irrealer Träume und Beschwörungen.
Besonders hervorheben sollte man die ambivalente Haltung, die die Autorin gegenüber ihren Figuren einnimmt. Bator fühlt mit ihnen, verschont sie jedoch nicht; sie ist boshaft und kommentiert sarkastisch ihre unsinnigen Taten und kitschigen Vorstellungen von einem guten Leben. Der Roman ist in einem ironischen Stil gehalten und hat eine auffällige Sprache: es ist eine Mischung aus der naiven, schlichten Sprache einfacher Leute und dem Duktus einer eleganten, disziplinierten Narration. Die Aussagen der Figuren wurden mit der Stimme einer überaus bewussten und spöttisch eingestellten Erzählerin vereint. Das Ergebnis ist Distanz; als ob die Schriftstellerin für sich selbst einen Ort auf dem halben Weg zwischen Empathie und Hohn definieren wollte.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Jadzia Chmura hat es schwer in der Schwangerschaft. Sie erträgt sie schlecht, denn es ist schwer, etwas zu ertragen, was man die ganze Zeit tragen muss. Die ersten vier Monate ist ihr den halben Tag übel, sie muss sich übergeben, und die Übelkeit kann jederzeit wiederkommen, sobald Jadzia nur den Geruch von Verbranntem wahrnimmt. Ein unschuldiges Streichholz genügt, damit der in ihren Innereien schlummernde Vulkan entfacht wird, und schon schießt es Jadzia aus Mund und Nase. Was hilft - wenn auch nur kurz - ist der Geruch von Essig, Jadzia öffnet die Flasche, schnuppert, aber sobald sie sie wegstellt, muss sie wieder ins Bad rennen.
Man kann jedoch den Grund fürs Kotzen nicht auskotzen, also gibt Jadzia nach vier Monaten auf und beginnt zu essen; ihr Körper verschlingt alles mit derselben Hingabe, mit der er vorher alles zurückgab. Jadzia vertilgt Brötchen mit Erdbeer-Marmelade, die ihr ihre Mutter aus Zalesie schickt und Sardinen aus der Dose, aus der sie sogar das Öl trinkt, um sie anschließend wie eine Katze auszulecken und sich dabei die Zunge an den scharfen Kanten zu verletzen. Sie verschlingt Salzheringe und saure Gurken, Würfelzucker und Räucherspeck, Bonbons und Graupensuppe. Stefan isst und verdeckt dabei den Teller mit der Hand, aus Angst, Jadzia könnte ihm etwas stibitzen, und sie tapst nachts in die Küche und isst noch die Reste auf.
Sie taucht die Hand in den tönernen Topf mit Pflaumenmus, durchsticht die zarte Zuckerschicht, dringt in die feuchte, weiche Masse und leckt sich die Hand ab wobei sie jeden Finger säubert und jedes winzige Stückchen Süße unter den Nägeln hervorholt. Sie spürt, wie etwas in ihr immer mehr und mehr will, es ist ein Hunger, der nicht ihr Hunger ist, also kann sie ihn nicht beherrschen. Ihre riesigen Brüste werden ihr schwer, die Haut an den Pobacken und Oberschenkeln verliert langsam an Geschmeidigkeit und sieht jetzt aus wie ein uneben verarbeiteter Piqué-Stoff; in Jadzia ist mehr drin, als sie eigentlich aufnehmen kann. In dem Spiegel im Badezimmer sieht Jadzia, dass ihr Hintern einer Orangenschale ähnelt. Orangen hat sie bisher selten zu Gesicht bekommen, aber sie kann sich erinnern, wie sie aussehen. In Waldenburg hält noch niemand Orangenhaut am Hintern für eine Krankheit, das Wort „Cellulitis“ ist unbekannt. Jadzia hat zugenommen, meinen die Nachbarinnen, auch sie hatten schon mal zugenommen oder werden zunehmen. Als schwangere Frau in der Kategorie Schwergewicht wird ihr in Warteschlangen und Bussen besondere Behandlung zuteil; die Leute lassen sie durch, erheben sich von ihrem Platz, obwohl Jadzia kaum auf den ihr angebotenen Sitz passt und Angst hat, sich für immer darin zu verkeilen.
Ihre Bekannten aus Szczawienko, die die Schwangerschaft überstanden haben, erzählen ihr - dem Neuling - von ihren Entbindungen, bei denen sie jede Minute sterben oder in zwei Hälften gerissen werden konnten, und dass sie nur durch großes Glück oder besondere Willenskraft am Leben blieben. Jede Erzählung ist voller Schmerz, Angst und Blut, wie sie nicht einmal die Kriegsveteranen kennen, die ja über Schützengräben und Bajonetten verfügten, und schließlich die Möglichkeit hatten, zu desertieren. Sie stechen sich gegenseitig bei diesen Geburtsgeschichten aus, indem sie das letzte Angebot noch übertrumpfen, mit noch schlimmeren Schmerzen und noch größeren Dammrissen. Der nicht angeschnittene Damm platzt entweder quer auf (das ist noch halb so schlimm) oder längs, als ob man die Frau mit Pferden auseinander reißen würde; vom Nabel bis zum Steißbein klafft da eine Wunde, in die dann bei lebendigem Leibe eimerweise Jod-Flüssigkeit geschüttet wird. Jadzia hört zu und spürt, wie sich das Loch zwischen ihren Beinen schließt und in einen Knoten verwandelt; jetzt hat sie zwei Nabel.
Sie schläft alleine auf dem Sofa und verscheucht Stefan, der sich mit deutschen Porno-Heften tröstet, die er unter der Badewanne versteckt. Jadzia zählt die Tage bis zu dem von Doktor Lipka berechneten Termin und denkt sich, dass, falls es ein Mädchen wird, sie es Dominika oder Paulina nennen wird. Das sind die schönsten Namen im Kalender und sie kann sich nicht entscheiden, welcher ihr besser gefällt. Sie wird es endgültig beim Geburtstermin im Januar festlegen. An einen Jungennamen denkt Jadzia nicht, sie kann es sich einfach nicht vorstellen, einen Menschen eines anderen Geschlechts in sich drin zu haben. Egal was es wird, sagt Stefan, Hauptsache gesund.
Der Geburtstermin, der von Doktor Lipka auf den siebzehnten Januar festgelegt wurde, kommt viel früher und völlig unpassend, als Jadzia beim Weihnachtsessen gerade aufsteht, um sich Hering in saurer Soße nachzulegen. Im Haus hat niemand ein Telefon, der Weg von Szczawienko zum Krankenhaus ist weit, und überall Schnee bis zur Hüfte. Jadzia wird vom ersten Schmerzes k.o. geschlagen: sie fällt um. Doch das ist erst der Anfang dessen, was eine Frau guter Hoffnung erwarten kann, bevor sie diese Hoffnung in die Welt drückt und sie verliert. Zu dritt machen sie sich auf den Weg zur Telefonzelle, denn niemand will alleine zu Hause bleiben, Jadzia am allerwenigsten. Ihre Füße sind dermaßen geschwollen, dass sie die sechs Nummern zu große Schneestiefel von Stefan tragen muss, über ihrem geschwollenen Bauch kann sie nur seinen alten Mantel zuknöpfen. Schwiegermutter Halina drückt ihr noch eine Mütze aus künstlichem Leoparden-Fell auf den Kopf, und dann geht es los. Jadzia rutscht auf dem im Schnee ausgetretenen Pfad voran, unter einem Himmel, der so hart ist wie Eis und gegen den in diesem Winter die Vögel prallen und ihre Herzen platzen dabei. Jadzia platzen die Hämorrhoiden und die Blasen an den Füßen auf. In der Schneeverwehung, in die sie zuerst mit dem Gesicht gefallen ist, bleibt der Stiefel von Stefan bis zum Frühling stecken. Auf beiden Seiten des Weges Mietshäuser mit geschlossenen Türen, zugehängten Fenstern, nur die Lichter der Weihnachtsbäume blinken lustig hindurch. Jadzia hockt sich hin und heult vor Schmerz auf, auf den Schnee kullern ein paar Tröpfchen rosa Blut und zwei Tränen. Halina schlägt mit der Faust gegen die Tür von Heißmangel-Besitzer Zenon Kowalski, der einen Wagen Marke Warszawa besitzt; aber es ist nichts da; kein Benzin und der Mann ist besoffen. Er würde ja helfen, nur die Umstände sind so, als hätte sich alles gegen die Frauen verschworen. Ein Schlitten! Ein alter Holzschlitten steht an eine Hauswand gelehnt, vielleicht können ihn gute Menschen mal ausleihen, damit sie darauf Jadwigas halbbarfüßigen, schwangeren Körper ziehen können. Halina klopft gegen das Fenster im Erdgeschoß, aber die guten Menschen am Tisch können es wahrscheinlich nicht hören, sie sind so in ihre Weihnachtslieder vertieft, man kann es ihnen ja nicht vorwerfen, weiß Gott nicht. So wechselt der Schlitten illegal den Besitzer. Stefan und Halina spannen sich ein, ziehen, Jadzia sitzt breitbeinig darauf. So trecken sie durch Szczawienko, werden immer schneller, Funken sprühen unter den Kufen,, stieben in die Höhe, lösen die Eiszapfen von den Dächern, fliegen über den Stromleitungen, die vor Kälte wie Hunde knurren.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz