BALZAKIANA

In dem neuen Band von Jacek Dehnel ist alles zu finden, wodurch der Autor von „Lala“ bei seinen Lesern schon bekannt geworden ist: intertextuelle Spielereien postmoderner Provenienz, Vermischung der Stile und elegante Phrasen. Eleganz ist – wie mir scheint – das Schlüsselwort bei der Beschreibung von Dehnels Prosa, sie verleiht ihr Geschmack, selbst wenn der Autor, wie in den Balzakiana, im Grunde genommen „straight stories“ erzählt (die extravagante Anknüpfung an den Film von David Lynch ist durchaus nicht abwegig im Falle dieser Prosa, die reich an kulturgeschichtlichen Motiven und Bezügen ist). Der Band setzt sich aus vier längeren Erzählungen bzw. Kurzromanen zusammen. Sie handeln von der unglücklichen Ehe der Tochter eines reichen Textilhändlers mit einem erfolgreichen, im Warschauer Kulturbetrieb etablierten Maler („Fleisch Wurstwaren Bekleidung Stoffe“), von der Geschichte der (einstigen) Gutsbesitzerfamilie Zarębski, die im sozialistischen Polen und in der dritten Republik hart ums Überleben kämpfte („Tońcia Zarębska“), von einem jungen Mann, der aus der unfrohen Wirklichkeit in die vergangene Welt althergebrachter Formen flieht und davon lebt, Nachhilfestunden in gutem Benehmen und Stil zu erteilen („Die Liebe des Nachhilfelehrers“), und schließlich vom misslungenen Comeback einer drittklassigen Sängerin der Volksrepublik Polen („Glanz und Elend einer Bühnenkünstlerin im verdienten Ruhestand“). Inspiriert von Balzacs Menschlicher Komödie, versucht Dehnel, eine Art Querschnitt durch die heutige polnische Gesellschaft zu geben – wenn dies auch ein sehr untypischer Querschnitt ist. Bemerkenswert ist, das der Autor von „Lala“ zwar über die Gegenwart schreibt, der Vergangenheit aber sehr viel Platz einräumt, mehr noch – einige der Helden, wie beispielsweise Adrian Helsztyński aus „Die Liebe des Nachhilfelehrers“, sind fast vollkommen in ihr versunken und ignorieren den heutigen Lebensstil. Ob der Autor wohl auf diese – indirekte – Weise unser Hier und Jetzt bewertet? Möglicherweise. Doch zählt in den neuen Prosatexten von Jacek Dehnel, wie mir scheint, weniger die treffende Analyse der Wirklichkeit als vielmehr die stilistische Meisterschaft und Sensibilität für das Detail. Kurz gesagt: Prosa für Feinschmecker.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

„Sznurkowski, Frau Halinka, ich muss mit Ihnen sprechen.“
„Oh, guten Tag, ich wollte Sie gerade anrufen, wissen Sie, ich versteh ja, dass in Moskau die Zimmer knapp sind, aber dieses Hotel...“
„Frau Halinka, Frau Halinka, das Hotel ist noch das Geringste.“
„...ich muss kein Appartement im Kreml haben...“
„Moment, es gibt ein Problem.“
„Was für ein Problem?“
„Mit dem Auftritt. Es gibt ein Problem mit dem Auftritt.“
„Genau! Das ist ja schon bald! Haben sich die Karten nicht verkauft? Aber ich hab Sie gewarnt, ich bin nicht mehr..., ich war nie...“
Fast hätte sie gesagt: „Ich war nie eine Sängerin.“ Aber sie biss sich auf die Zunge.
„Die Sache sieht so aus. Wir haben Sie angestellt...“
„Angestellt? Ich habe von Ihnen immer gehört, das sei eine Einladung zur Zusammenarbeit.“
„Legen wir nicht jedes Wort auf die Goldwaage, Frau Halinka, okay? Wir haben zusammengearbeitet, weil Kołymski keine Termine frei hatte.“
„Kołymski?“
„Jarek Kołymski, sagt Ihnen das nichts? Das müssen Sie doch wissen, ein Homo, das heißt, ein Schwuler, Brille, so ein kleines Toupet, gekämmt, enge Hose, sein richtiger Name ist Żuk, Jarosław Żuk. Portugiiiiiesischer Tan-go! Portugiiiiiesischer Tan-go! Oben hängt ein Mango, unten liegt die Steppe!“
„Wollen Sie mir erzählen, wer Kołymski war? Den kenne ich, alle kennen ihn, er ist aufgetreten, als Sie.... was sag ich, als Ihre Eltern noch nicht auf der Welt waren. Aber was hat Kołymski damit zu tun? Was hat Kołymski mit mir in Moskau zu tun, im Hotel Proserpina, in dem die Toiletten verstopft sind und an der Wand eine Kakerlake sitzt, so groß wie ein Sperling?“
„Kołymski hatte keine Termine, klar? Er hatte keine. Er war auf einer Tournee durch verschiedene Sanatorien, hauptsächlich Ciechocinek, aber auch Kołobrzeg, Busko, Polanica Zdrój, überall, wo Rentner sind. Das wird ganz gut bezahlt, ich könnte Ihnen da fürs Frühjahr was organisieren...“
„Was hat Kołymski bitte mit mir zu tun? – frage ich Sie.“
„Na, er hat abgesagt. Da gab´s irgendeinen Streit um die Finanzen, er hat sich wohl in Szczawnica mit jemandem angelegt, ich weiß nicht, worum es ging, jedenfalls um Geld... Und die ganzen Direktorinnen, Leiterinnen, das ist alles derselbe Verein, er hat bei einer das Konzert abgesagt, und dann haben sie sich abgesprochen, eine Strafe für Vertragsbruch war ja nicht vorgesehen, tja, Pech gehabt, jetzt steht er im Regen. Und wissen Sie, in Russland ist er unglaublich populär, Kołymski, Kołymski, Plakate, die Leute rennen alle Türen ein.“
„Das sollten sie bei mir angeblich auch.“
„Aber nicht so, Frau Halinka, nicht so. An Kołymski verdienen wir sofort, auf der Stelle, ohne einen Finger zu rühren, ohne die Informationsmaschinerie anzuwerfen... Na gut. Jedenfalls waren wir bis zur letzten Minute nicht sicher, ob es klappt, deshalb haben wir Sie in Reserve gehabt. Wir machen das jetzt so: Sie bleiben noch ein bisschen hier, zwei Tage vielleicht, und ich versuche, für Sie etwas anderes zu organisieren, denn Ihren Termin geben wir Kołymski. Und jetzt muss ich los, auf Wiedersehen.“
Und er brach das Gespräch ab.
Sie war wütend und rief sofort zurück.
„In Reserve?“ schrie sie. „In Reserve? In Reserve hält man einen Unteroffizier, Herr Dariusz. Wir hatten ein Abkommen, Sie haben mich überhaupt zu der ganzen Sache überredet, sie haben das organisiert, haben gesagt, ich soll Unterricht nehmen, hierherkommen, in diesem Scheißhotel Proserpina wohnen, und jetzt sagen Sie mir, das sei in Reserve?“
„Aber bitte, regen Sie sich nicht auf...“
„Nicht aufregen? Was würden Sie denn an meiner Stelle tun? Haben wir ein Abkommen oder nicht?“
„Technisch gesehen haben wir keins. Wir haben nichts unterschrieben.“
„Aber wir haben doch alles festgelegt... Alles war abgesprochen. Sie hätten das ja nicht machen müssen, vor allem hätten Sie mich nicht überreden müssen...“
„Ja, aber die Situation war eben anders. Die russische Seite wollte jemanden in Reserve haben.“
„In Reserve! Da haben wir ja einen zweiten Kutusow. Ich will wissen, wann das Konzert ist, wann ich das Kleid für den Auftritt bekomme, und woher Sie die Pyrotechniker nehmen wollen, zum Geier!“
In diesem Augenblick zeigte sich auf dem Gesicht von Dariusz Sznurkowski, so stellte sie sich das vor, sein wahrer Charakter, das, was hinter der niedrigen Stirn, hinter den Pickeln und hinter den Wangen, die mit ihrem Bartwuchs an einen Kiwi erinnerten, versteckt war, die explosive phrenologische Bombe, das, was in zukünftigen Jahren – oh ja, das wünschte sie sich, und wie sie sich das wünschte! – ihn, seine eventuelle Frau und seine eventuellen Kinder vernichten würde, was ihre Abende in nicht enden wollende Streitereien, die Tochter in eine verzweifelte Drogensüchtige und den Sohn in eine Drag Queen oder Schlimmeres verwandeln würde.
„Hör mal her, Alte...“, sagte er, „ich war nett und freundlich, weil ich deine Enkelin gebumst hab, aber damit ist jetzt Schluss, jetzt geht´s offen und ehrlich zu. Hast du deine Chance gehabt? Das hast du. Auf eigene Verantwortung? Auf eigene Verantwortung. Jetzt ist Kołymski aufgetaucht, die Chance ist vorbei. Was glaubst du eigentlich? Dass wir uns hier den Arsch aufreißen, um eine alte Schachtel zu promoten, an die sich keiner erinnert, irgendwelche Ablagerungen der Gomułka- und Gierek-Ära, wie ein kluger Mann gesagt hat? Hallo, hier ist die Erde, die Realität! Rente, Pantoffeln, verdammt noch mal, und Kräutertee!“
Und dann war nur noch das Signal zu hören.
Und hier, vor der märchenhaften Basiliuskathedrale, die aussah wie ein buntes Zuckertörtchen auf Putins großem Tisch, hier begriff Halina Rotter, dass sie völlig Recht hatte, als sie den Künstleragenten Dariusz Sznurkowski am ersten Tag vor die Tür setzen wollte.
Sie war nicht etwa auf seinen Vorschlag eingegangen, weil sie gierig nach Ruhm gewesen wäre, weil sie noch einmal im Rampenlicht hätte stehen wollen, in Funkenbündeln, die von österreichischen Pyrotechnikern entworfen wurden, umgeben von geschmeidigen Tänzern aus Wladiwostok, die unter den enganliegenden Lederanzügen die Muskeln anspannten; natürlich liebte sie es, sich auf der Bühne zu verbeugen, Autogramme zu geben und die Menschen mit dem zu erfreuen, was sie – ihrer Meinung nach – am besten konnte, mit ihrem Gesang. Aber sie hatte gelernt, ohne das zu leben, sie wartete nicht mehr auf Tonnen von Briefen, wollte nicht auf Händen getragen werden, in Krimsekt baden, war nicht scharf auf Verleihungen von Goldenen Schallplatten, die (mit Pausen für Joghurtreklame) live übertragen wurden. Hinter all dem stand etwas anderes: ihr Leben, das man vielleicht noch korrigieren und in bessere Bahnen würde lenken können.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall