DAS MÖGE KEIN TRAUM SEIN

Seit Erscheinen des vorangegangen Romans von Daniel Odija, „Das Sägewerk“, sind fünf Jahre verstrichen, und in dieser Zeit hat sich die Prosa des Autors wesentlich verändert. Jahrelang schrieb Odija vorwiegend eine düstere, sozial gefärbte Prosa, um die Folgen der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten in Polen zu beschreiben. Beim neuen Roman des aus Slupsk/Stolp stammenden Autors handelt es sich hingegen um eine kleine psychologische Erzählung über einen Mann, dessen Leben mit einem Krach in sich zusammenstürzt. Über Adam Nowak, Schriftsteller im vorangeschrittenen mittleren Alter, bricht ein Unglück nach dem anderen herein: sein psychisch kranker Bruder begeht Selbstmord, die Frau verlässt ihn für einen reicheren Mann, der noch dazu sein Kollege aus Schultagen ist, er verliert den Kontakt zu seinen Söhnen und zu allem Überfluss ist er nicht imstande, den Roman, an dem er seit Jahren arbeitet, zu vollenden. Gebrochen und verzweifelt, fährt er in ein Sommerhaus am Land, mit dem er die schönsten Erinnerungen verbindet. Odijas Erzählung entwickelt sich auf zwei Geleisen. Auf der einen Seite wird das Ringen Adams mit seinen Erinnerungen geschildert, wie er immer tiefer im Wirbel seiner Reminiszenzen versinkt (krankhaft geradezu, weil er am Ende bereits die Schemen seiner Nächsten sieht und die Realität mit den Erinnerungen vermischt), wobei er zu begreifen sucht, was den Bankrott seines Lebens herbeigeführt hat. Auf der anderen Seite zeichnet Odija Genrebilder vom Leben auf dem Land. In Anekdoten beschreibt er einfache aber auch außergewöhnliche Bekannte aus der Umgebung des Helden, die alles tun, um ihm Mut zu machen. Daniel Odija präsentiert hier eine traurig-humoristische Erzählung über das Wirken der Erinnerung, die Gewöhnung an das Unglück und die Kraft des Lebens. Am Ende kämpft sich Adam aus seinen Depressionen heraus und findet zu neuem Lebenswillen. Odija beschließt den Roman mit einem Happy End – ein wenig bitter zwar, aber dennoch happy.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Hat Ewa ihn geliebt? Vielleicht zu Beginn. Doch später? In den letzten Jahren der Ehe? Was war da wirklich zwischen ihnen? Zweifellos dominierte sie nicht nur im Bett über ihn, sondern überhaupt im Leben. Später dann nur mehr im Leben, weil sie sich ihm im Bett entzog. Entgegen ihrer feurigen Natur verwandelte sie sich in einen Eiszapfen. Anfangs kam dies Adam sogar gelegen. Er hatte kein Bedürfnis nach leidenschaftlichen Gefühlen, weil er zu sehr damit beschäftigt war, sich selber zu bemitleiden. Er schrieb an einem Werk, das er nicht fertig schreiben konnte. Und Ewa widmete sich, je mehr Adrian und Kamil heranwuchsen, immer mehr anderen Dingen. Es gab Zeiten, in denen sie ausschließlich von den Einkünften ihres kleinen Ladens mit Kinderkleidung, Kinderwagen und Windeln lebten. Ewa hatte einen guten Riecher fürs Geschäft, und wäre da nicht die Angestellte gewesen, der sie grenzenlos vertraute, während diese sie unablässig betrog, hätte man sagen können, das Geschäft werfe unerwartete Gewinne ab. So reichte es nur zu erwarteten Gewinnen. Ewa engagierte sich bei diversen emanzipatorischen Fraueninitiativen, besuchte – und leitete – Schulungen in Assertiveness und im Verfassen von Subventionsanträgen bei der EU für Kulturveranstaltungen für Frauen. Adam beobachtete ihre Unternehmungen mit heimlichem Stolz aber auch Eifersucht, weil er selber nicht imstande war, sich mehr Energie abzuringen als es zum Schreiben einer einzigen Seite einer eher fragwürdigen Erzählung täglich brauchte.
Ewa, ständig im Schwung und siegreich, begann ihn unter Druck zu setzen, sich einen besseren Job zu suchen als die unproduktiven Vorlesungen an der Akademie. Die Kinder werden bald zu studieren beginnen, damit wachsen die Ausgaben. Adam muss einen Job finden, am besten im Ausland, dort zahlen sie am meisten. Er soll irgendwas finden. Irgendwas? Irgendwas, Hauptsache, er ist tätig … Adam gab nach. Er fuhr nach Irland zur Arbeit. In einer Menge von Menschen, jünger als er, fühlte er sich wie ein blinder Führer, der schon am Anfang des Weges die Orientierung verlor. Wiesio, ein Kumpel von der Hochschule, besorgte ihm einen guten Job beim Innenausbau. Dort lernte er viel. Wie man eine Zwischenwand hochzieht, Fliesen legt, Terrakotta, Parkett, Treppen zimmert – kein Problem, es verlangt nur Anstrengung, Genauigkeit und ein wenig Geduld. Das kommt ihm jetzt beim Umbau des Hauses zugute.
So arbeitete er zwei Jahre, die Familie besuchte er nur zu den Feiertagen. Ewa war in jener Zeit ungewöhnlich nett zu ihm. Wenn er gewusst hätte, dass sie, während er dort mit dem Hammer, der Säge, mit Nägeln im Mund … auf Baran, unter Baran, mit Baran Zunge in Zunge …
Während er in Irland schuftete, begegneten sich Baran und Ewa in einem gemeinsamen Traum von einer politischen Karriere. Sie schafften den Sprung in den Stadtrat. In einem Ort wie Kostyn ist das nicht weiter schwierig. Es braucht nur ein wenig Popularität, die Ewa unter den emanzipierten Frauen genoss, ein paar Interviews in regionalen Zeitungen, Rundfunkanstalten oder im Fernsehen (die Journalisten sind schließlich alle Kumpel, Bekannte und Bekannte von Bekannten), und natürlich ein wenig Geld, um ein paar hundert Stimmen zu kaufen – und Geld überwies Adam eifrig aufs gemeinsame Konto. Und noch eine Kleinigkeit: Ewa genoss die Unterstützung einer Partei, deren regionaler Führer Baran war.
So wurde die harte und unbeugsame Ewa mit einemmal nachgiebig und weich. Adam beobachtete das peinlich berührt. Seine Frau, eine kühle Intellektuelle, eine analytischer Denkerin, die eventuelle Fehler voraussieht, um sie ohne zu zögern zu eliminieren, die ihren Söhnen beibrachte, bedingungslos um ihre Rechte zu kämpfen („meine lieben Jungen, in Zeiten wie diesen ist das Gewissen ein Relikt“), gab sich nun der Anziehung Barans hin, ordnete sich seiner Persönlichkeit unter, den Blick unverwandt auf ihren Herren und Gebieter gerichtet! Oder war sie einfach verliebt?
Während einer Gartenparty lachte sie über jede Anekdote ihres Verehrers. Gleichzeitig achtete sie aufmerksam auf jede Reaktion von Borusewicz, mit dem sie eindeutig flirtete. Baran war so dumpf, dass er nichts sah außer der eigenen Nasenspitze, doch wie jede Kreatur besaß er einen ausgezeichnet entwickelten Instinkt. Was auch immer geschehen mochte, er fühlte sich Ewas Emotionen überlegen. Und obwohl sich Ewa durch das Interesse, das ihr Borusewicz entgegenbrachte, geschmeichelt fühlte, spürte Baran, dass das nichts Ernstes war. Daher erzählte er seelenruhig die nächste Anekdote, diesmal vom Bergsteigen, während Borusewicz und Ewa sich ungehindert in der Sauce ihrer erotischen Phantasien suhlten. Ewa genoss es jedes Mal, wenn sich gebildete Männer für sie interessierten. Noch dazu solche, die sich auf dem Gipfel ihrer Karriere befanden und obendrein reich waren.
Adam war kotzübel. Am liebsten wäre er in Tränen ausgebrochen. Er versuchte den harten Knoten, den er in seiner Kehle spürte, mit Bier hinunterzuspülen. Es ist nicht leicht, den harten Kerl zu mimen, wenn sich Glück und Liebe, die wir bislang erfahren haben, mit einemmal als trügerisch erweisen. Und wenn sich herausstellt, dass sie nur in unserer Vorstellung existierten.
Adrian kam auf ihn zu. Er wollte ihm etwas sagen. Ihn vielleicht aufheitern, doch er war zu sehr von der Feier in Anspruch genommen, weshalb er den Vater bald wieder allein ließ. Adam war das nur Recht. Er beobachtete die Vorgänge scheinbar unbeteiligt, ohne in die Unterhaltung einzugreifen. Er sah bewegliche Exponate vor sich, deren Bewegungen man wie die Züge von Figuren auf einem Schachbrett betrachten konnte. Baran war wie der König, Borusewicz war die Dame und Ewa die Königin, das heißt das weibliche Pendant derselben Figur. Adrians Schwiegermutter pendelte zwischen ihnen mit den Bewegungen eines Springers hin und her, so wie die goldhaarige Schönheit zwischen den beiden Brüdern, den beiden Läufern gegnerischer Mannschaften, die einander offenbar immer mehr zu sagen hatten. Aus ihren verzerrten Mündern, den rot angelaufenen Gesichtern und den jähen Bewegungen ließ sich schließen, dass es sich nicht gerade um das Gespräch zweier Brüder handelte, die eigentlich Freunde sein sollten. Es hatte Feindseligkeiten zwischen ihnen gegeben, so weit Adam zurückdenken konnte. Er war dessen längst müde.
Daher flüchtete er in weit zurückliegende Zeiten. Am liebsten erinnerte er sich an seinen Bruder und sein Gitarrenspiel. Bevor Adam Ewa kennengelernt hatte, hatten sie eine zeitlang mit Sylwek in einer Band gespielt, so etwas wie einer Blues-Jazz-Band. Junge Burschen, begeistert für Musik. Adam versuchte sich am Bass, doch das wollte ihm nicht so recht gelingen. Hätte er nicht auch noch gesungen, dann hätte Sylwek ihm sicher einen Arschtritt verpasst. So aber blieb ihm die Erinnerung an Hunderte Probenabende und ein paar Dutzend Konzerte, die sie gegeben hatten! Die Gesichter der Mädchen, mit denen sie geschlafen hatten, verschwammen irgendwie. Ähnlich wie die Partys in der Wohnung der Eltern, die an jedem Wochenende ins Dorf fuhren.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack