DIE TOCHTER DES GRABRÄUBERS

Im vielfältigen und umfangreichen Gesamtwerk Jacek Dukajs lassen sich zwei Hauptströmungen unterscheiden: die Parahistorie, innerhalb der der Autor alternative Geschichtsverläufe entwirft (wie in dem viel beachteten Roman Eis), und die Futurologie. Die längere Erzählung Die Tochter des Grabräubers gehört zur zweiten Kategorie. Dukaj lässt die Handlung in einer nur wenige Jahrzehnte entfernten Zukunft spielen, doch er entwirft eine Welt, die sich von der unseren grundlegend unterscheidet. Auch die Stadt Krakau, in der die Handlung der Erzählung beginnt, hat nichts mehr mit dem heutigen Krakau gemein. Infolge eines technologischen Sprungs können gigantische Gebäude in kürzester Zeit errichtet werden, die Gentechnik erlaubt es den Menschen, ihre Körper nach Belieben zu gestalten, und mithilfe einer Art virtueller Computerwelt (die zu kompliziert ist, um sie in wenigen Worten zu beschreiben) kann das menschliche Bewusstsein sowohl vor der Geburt als auch nach dem Tode existieren. Und das ist längst nicht alles, denn Dukaj hat mit der für ihn typischen Akribie eine komplette zukünftige Welt erschaffen.
Die Heldin der Erzählung ist die achtzehnjährige Zuzanna Klajn, die ein ruhiges und bequemes Leben führt, bis sie eines Tages eine „Lieferung aus dem Jenseits” erhält, die Erbschaft ihres vor langer Zeit verstorbenen Vaters. Auf diese Weise erfährt sie, dass ihr Vater gar nicht tot, sondern lediglich verschwunden ist, und dass sein Verschwinden mit einem Geheimprojekt des wissenschaftlichen Instituts zusammenhängt, für das er gearbeitet hat. Beim Versuch, das geheimnisvolle Verschwinden ihres Vaters aufzuklären, entdeckt Zuzanna, dass das Institut auf eine Begräbnisstätte früherer, kosmischer Zivilisationen gestoßen und auf diese Weise in den Besitz der neuen Technologien gelangt ist. Unter Einsatz ihres Lebens erreicht Zuzanna diesen Ort ...
In Die Tochter des Grabräubers setzt Dukaj andere Akzente als in den meisten seiner früheren Texte. Die Handlung ist arm an Ereignissen (man gewinnt fast den Eindruck, der Autor spiele lediglich mit den Konventionen des Thrillers und der Science-Fiction), im Mittelpunkt steht die Reflexion über die weitere Entwicklung unserer Zivilisation. Kann ein plötzlicher zivilisatorischer Sprung zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen? Ist ein Mensch, der sein Bewusstsein in eine virtuelle Realität „kopiert”, noch ein Mensch? Dies sind einige der Fragen, die Dukajs Erzählung aufwirft.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Es gibt keine originalen Menschen, jeder hat einen Vater und eine Mutter – und doch war er original. Er hatte sich nicht nur seinen Vor- und Nachnamen ausgedacht – Weltlieb Undeutlich – sondern auch seinen Phänotyp, Genotyp, den Tag und Ort seiner Geburt sowie seine Bestimmung. Er hatte vor seiner Empfängnis viele alte Filme gesehen und beschlossen, Privatdetektiv zu werden, respektive zu sein. Sobald er mit zehn Jahren volljährig geworden war, hatte er das Detektivbüro Homunkulus gegründet und war auf dem Gebiet der EU tätig geworden. Weil er sich selbst im Hinblick auf eben jene Tätigkeit entworfen hatte, bis hin zu seinen verborgenen Komplexen und kleinen Manierismen, liebte er seinen Job und kam einigermaßen über die Runden, auch wenn er selbstverständlich keinerlei Konkurrenz für die vieltausendköpfigen privaten Polizeieinheiten darstellte – die ihm mit schöner Regelmäßigkeit gut bezahlte Stellungen anboten. Doch er hatte sich beim Entwurf seiner selbst auch einen krankhaften Individualismus verliehen und somit kam jedwede Unterordnung unter die Belange eines Teams für ihn nicht infrage. Raymond Chandler erfreute sich großer Beliebtheit in der Unterwelt-Realität.
Also war auch Weltlieb nicht wirklich original, wo er sich doch sozusagen aus Chandler heraus plagiatiert hatte; doch zumindest war dies eine außergewöhnliche Unoriginalität. Die Gesetzeslücke, durch die sein Zur-Welt-Kommen überhaupt ermöglicht worden war, hatte nur drei Monate lang existiert, dann hatte auch der letzte Staat die Konvention zur Präexistenz unterzeichnet und die Lücke war geschlossen. Der Trick hatte auf dem Umstand beruht, dass man voll entwickelten präkonzeptionellen Simulationen eine bedingte Fähigkeit zu juristischen Handlungen zugestand. Konkret bedeutete dies, dass Vorgebürtigen Eigentumsrechte eingeräumt wurden. Ergo konnte Weltlieb infolge des Ablebens seiner ursprünglichen Besitzer und der komplizierten Besitzverhältnisse an ihrem nicht unbeträchtlichen Vermögen, in den Besitz seiner selbst gelangen, inklusive des Startcodes für den Kristallisationsprozess, der Urheberrechte und der Pacht für die chtonische Maschine. Im ersten Moment hatte er überhaupt nicht an Chandler gedacht – er wollte nur frei sein. Also hatte er zunächst einmal seine neurale Struktur randomisiert und sich systematisch mit weißem Rauschen überschrieben. Erst nachdem er auf diese Weise einen kompletten Neustart seiner Persönlichkeit durchgeführt hatte (jedoch nicht seines Gedächtnisses, von dem er zuvor eine separate Kopie angefertigt hatte), begann er sich Gedanken über seine Zukunft in der körperlichen Welt zu machen. In diesem Moment hatte Marlowe an seine Tür geklopft, und so kam eines zum anderen, Upgrade für Upgrade, bis nur noch ein Detektiv einen noch obsessiveren Detektiv entwarf – und er schließlich endlich geboren wurde.
Allerdings hielt er es für albern und unprofessionell, sich nach seiner Geburt noch weiter in Richtung Marlowe zu alterieren und als er seine Klienten in ihren Gesichten aufsuchte, tat er dies als genau der Weltlieb Undeutlich, den er im Spiegel sah: ein sommersprossiger Zwölfjähriger mit einem Büschel roter Haare über einem schmalen Gesicht (sobald sich sein Körper vollständig entwickelt haben würde, sollte ihm diese Physiognomie die Gesichtszüge einer "vornehmen Strenge" garantieren) spindeldürren Gliedmaßen und übermäßig großen Händen und Füßen. Einige seiner Klienten, die älteren, die Väter und Großväter der Generation T, brachten ihm aufgrund dieses Auftretens weniger Vertrauen entgegen, und diese Form der Altersdiskriminierung kostete ihn einige potenzielle Aufträge; doch sein Tagessatz war niedrig genug, dass es ihm auch so nicht an Arbeit mangelte.
Im Augenblick sah er keine Probleme: Er hatte nachgeforscht, und seine Auftraggeberin war selbst jung genug, um zur Generation T zu gehören.
Sie hatten sich während ihrer Mittagspause getroffen und waren in ein kleines Café auf dem Dach der "Licz GmbH" gegangen.
– Selbstverständlich lasse ich dir sämtliche Materialien zukommen – ein Moment, ich schicke sie eben los – aber kurz gesagt will ich einfach wissen, was mit meinem Vater passiert ist. Er war Archäologe, vor einigen Jahren ist er bei irgendwelchen Ausgrabungen spurlos verschwunden, wenigstens behauptet dies das Werner-Institut, für das er gearbeitet hat. Keine leiblichen Überreste, keine Ermittlungsprotokolle, völlig paranoide Sicherheitsmaßnahmen, ohne jeden Grund. Ein Non-Disclosure-Agreement, das die NASA vor Neid erblassen ließe. Juristisch gibt es keine Möglichkeit an das Institut heranzukommen. Man müsste sich die Informationen irgendwie inoffiziell beschaffen. Ob mein Vater wirklich tot ist. Und wie er verschwunden ist. Und überhaupt ... na, du weißt schon.
– Klar. Nach dem, was du sagst, geht das ein wenig in Richtung Industriespionage.
– Herrgott noch mal, es geht um ein archäologisches Institut. Was sollten die zu bewachen haben?
– Etwas bewachen sie. Na egal, ich melde mich bei dir. Bis dann.
Er meldete sich nach zwei Tagen. Er hatte sie im Kraftraum des Wasser-Turms erwischt, sie stieg gerade aus der Maschine, schweißüberströmt in ihrem hautengen Stimu-Dress. Einen Moment lang betrachtete er das Zucken ihrer Muskeln unter dem schwarzen Stoff.
– Nun mach schon – keuchte sie und lehnte sich an die hohe Umrandung – Pornogesichte gibt es ein Stockwerk tiefer. Was hast du rausbekommen?
– Bekomm ich jetzt einen Klaps? – grinste er.
–Weltlieb!
– Also gut. Mit dem Institut stimmt wirklich etwas nicht. Es herrscht eine strikte Trennung in externes Personal und Eingeweihte, die einen haben keine Ahnung von nichts und die anderen rufen gleich den Sicherheitsdienst. Hast du gewusst, dass das Werner-Institut unter dem Schutz des wissenschaftlichen Abschirmdienstes der EU steht? Sie machen das nirgendwo publik. Aber sie machen auch keinen Hehl daraus, ich habe ein paar alte Protokolle von öffentlichen Sitzungen der Unterkommission gefunden. Theoretisch finanziert sich das Institut aus privaten Quellen, sie können also nicht zur Offenlegung ihrer Bilanzen gezwungen werden, auch wenn keiner der Förderer öffentlich in Erscheinung tritt. Überhaupt vermeiden sie jegliche Publizität, sind nie groß in den Schlagzeilen gewesen.
– Sag doch gleich, dass du nichts erreicht hast.
– Nun mal langsam. Eine Methode funktioniert immer: Ehemalige Mitarbeiter, vor allem die unzufriedenen.
– Und?
– Es gibt keine.
Sie warf ein Handtuch nach ihm. Es flog durch das Gesicht hindurch und klatschte hinter Undeutlich an die Wand.
– Wozu die Aufregung? Immer langsam, nach so vielen Jahren kommt es auf ein paar Tage auch nicht mehr an. Oder vielleicht doch?

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau