HONIG UND WACHS

"Honig und Wachs" von Krzysztof Lipowski gehört zur – wie man sie heute gerne nennt – Erinnerungsliteratur nach der Erinnerungsliteratur: Die Generation der Kinder der Opfer von Holocaust, Zweitem Weltkrieg, Konzentrations- und Internierungslagern, Deportation und Vertreibung kehrt zu den traumatischen Erlebnissen zurück, mit denen sie von der Generation ihrer Eltern und Großeltern gezeichnet wurde. Das Buch "Honig und Wachs" enthält vier Erzählungen. Sie alle sind mit der in der Danziger Bucht gelegenen Heimatstadt des Autors, Puck (dt: Putzig) verbunden. Sie erzählen die dramatischen Schicksale der deutsch-polnischen Bürger dieses Hafenstädtchens, über das die Dampfwalze der Geschichte hinwegrollte. Die Erzählung „Vaters weißes Hemd”, der der Titel des Erzählbandes entlehnt ist, berichtet vom Ende der polnischen Welt in Puck mit dem Ausbruch des Kriegs im September 1939. „Das Erlöschen” ist die Geschichte Pauls, eines Putziger Bürgers und Tübinger Theologiestudenten, der kurz vor Kriegsausbruch eingezogen wird und an der Ostfront fällt. „Zu Bronze erstarrt” porträtiert Lisa, die als junges Mädchen eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus in ihrer Vaterstadt Putzig war und nach dem Krieg in Berlin ihr Leben in Verbitterung und Einsamkeit fristet. Die abschließende Geschichte „Der Aschesammler” erzählt von einer für den Protagonisten selbst rätselhaften Rückkehr in die kleine Stadt und in das Land seiner Kindheit nach vielen Jahren. Das scheint auch für den Autor eine mutmaßliche Schicksalsvariante gewesen zu sein, wenn seine Familiengeschichte anders verlaufen wäre, das Urteil der Geschichte anders gelautet und ihn zum Deutschen erklärt hätte. Lipowskis bis ins kleinste historische Detail ausgefeilte, literarisch brillante Prosa bleibt frei von Hass und Vorurteilen, voreiligen Parteinahmen und Moralaposteltum. Sie gewährt einen Blick auf das Ende einer Welt von Nachbarn, bisweilen sogar deutsch-polnischer Familien, porträtiert Menschen, die von einem Tag auf den anderen – manchmal unfreiwillig durch Loyalitäten, die sich als falsch und tödlich erwiesen – zu Feinden wurden und ihr Leben zerstörten. Die Erinnerung an die Wunden und Traumata wird für die einen zur kaum zu schulternden Last, für die anderen zur treibenden Kraft, die es ihnen erlaubt, sich neue Identitäten zu schaffen.

Marek Zaleski

AUSZUG

Lisa lag im Bett, dachte an das Plakat, mit dem alles angefangen hatte. Zum ersten Mal hatte sie es im Wartesaal unseres Bahnhofs gesehen. Die Wände des Bahnhofsgebäudes waren grau und schäbig, und auf ihrem Hintergrund erstrahlte das Plakat wie eine große Schachtel süßer Pralinen der besten Firma auf dem Markt. Ein junges, schwarz gekleidetes Mädchen mit blauen Augen und blondem Haar schaute sehr selbstsicher herab. In diesem Blick spiegelte sich Charakter, der mit starkem Willen einherging. Die Hand des Mädchens auf dem Plakat war zum Siegeszeichen erhoben. Lisa ging oft auf den Bahnhof, um das bunte Plakat in sich aufzusaugen, das ein neues Leben verhieß und zur Teilnahme an den Versammlungen in der schönsten Villa an der Bucht einlud.
Wie groß war ihre Verblüffung, als sie feststellte, dass sie dasselbe Profil besaß wie das Mädchen auf dem Plakat. Wenn sie ihr Haar zurückkämmte, war die zarte Zeichnung ihrer Nase genauso markant. Wieder einmal sah sie im Kino einen Schwarz-Weiß-Film mit Marika Rökk und wusste längst, dass gerade sie die Frauengestalt auf dem Plakat darstellte. Ja, das war Marika Rökk! Sie rief dazu auf, sich den Reihen des Bund deutscher Mädel anzuschließen!
Ewig stand ihr der Abend vor Augen, an dem sich alle Mädchen am Ufer der Bucht versammelt hatten. In weißen Blusen und knielangen, blauen Röcken knieten sie vor der Fahne mit dem Hakenkreuz nieder. Sie hoben den rechten Arm, mit den Fingerspitzen berührten sie das flatternde Tuch. Über die Gesichter der Stehenden zuckte der Widerschein von Fackeln, die Flaggen, die an hohen Masten befestigt waren, schlugen laut im Wind. Auf das Zeichen der Führerin sprachen sie die heilige Eidesformel, die in einem donnernden Schrei endete, und sie sangen BDM-Lieder. Die Führerin überreichte jeder in einer rituellen Geste einen Gegenstand, der von der Form her an eine Brosche erinnerte – auf dunklem Grund erstrahlte ein helles Kreuz, das sich aus vier gedrehten griechischen Buchstaben Tau zusammenfügte. An diesem Abend entdeckte Lisa eine Freude am Singen neuer nationaler Lieder in sich und trug die Texte mehrerer davon in ihr privates Tagebuch ein.
Jetzt konnte sie schon in ihrer weißblauen Uniform die Hauptstraße unserer Stadt entlanggehen. Sie kaufte besseres Brot und mehr Seidenstrümpfe. In den Kaffeehausgärten bestellte sie heißes Wasser, mit dem sie ihren eigenen, echten Kaffee aufgoss. In ihn tunkte sie die von Zuhause stiebitzten Plätzchen, die Cecylia jeden Donnerstag buk. Sie nahm sie so behutsam fort, dass auf dem Tisch nicht ein einziges winziges Zuckerkriställchen zurückblieb.
Ungeduldig harrte sie der Fahrt ins Sommerlager nach Ostpreußen, inzwischen nahm sie an Kursen für sparsames Haushalten und Haushaltskunde teil. Die Treffen fanden jeden Nachmittag statt, im ehemaligen jüdischen Gebetshaus. In der Ecke ihres Zimmers hegte sie sorgsam eine Nische mit dem Porträt des Führers, der eingerahmt von Blumen und Kerzen jeden Morgen und Abend auf sie herabblickte. Sie wusste sich geborgen und vom Volk gebraucht und dass sie sich nicht mehr den einstigen eitlen Neigungen hingeben durfte. Sogar eine verringerte Schokoladenzuteilung für das wahrhaft germanische Weihnachtsfest verdross sie nicht sehr. Sie spürte, dass ihrem Leben jetzt eine höhere Ordnung verliehen war.
Am Sonntagvormittag ging sie wie früher von ihrem Zuhause in die Kirche. Im Sonntagsstaat machte sie hinter der Hausecke eine scharfe Kehrtwende nach rechts und verbarg sich vor Mutters Blicken. Durch die Küchentür ging sie in ihr Zimmer mit dem Führerporträt zurück.
Im Alltag kleidete sie sich so schlicht wie möglich in einer herben, schneidigen Manier. Sie benutzte die einst so geliebten Parfums nicht mehr, nicht einmal die billigsten, französischen, von denen es seit einiger Zeit viele in unseren Läden gab. Die Schwarz-Weiß-Filme mit Marika Rökk, die in dem kleinen Saal des Lichtspielhauses vorgeführt wurden, mochte sie immer noch. Vor der Vorführung konnte man im Foyer Schokoladenpralinés kaufen. Seitdem der Besitzers des Kinos von Horst Wahrsieg einen Flügel erhalten hatte (genau der, der einst im prächtigsten Saal des Kurhauses gestanden hatte), musste sie nicht mehr Schlange stehen, um eine Eintrittskarte zu erhalten. Sie betrat den Saal mit den Wehrmachtsoldaten, die seit kurzem oft auf Urlaub herkamen. Nach dem Ende der Filmvorführung ging sie an den Grünen Steg spazieren.
An jedem Nachmittag legte Lisa voller Stolz die Uniform der BDM-Mädchen an. Sie war eher kleingewachsen, doch wenn sie zur Versammlung auf die Hauptstraße zur Villa an der Bucht schritt, dann reckte sie sich und ihr Kopf glitt majestätisch über den Köpfen der Passanten dahin. Dieser Zustand bereitete ihr Freude und verringerte ihr Minderwertigkeitsgefühl immer stärker. Sie wollte den einschneidenden Neid vergessen, den sie durchlitten hatte, als sie dem Leben der gesellschaftlichen Eliten zusah. Sie erinnerte sich an den Sommer 39, als sie diskret beobachtete, wie in den Villengärten unter einem Dach aus Kastanienbäumen die Ehefrauen polnischer Offiziere saßen. Sie hatte gesehen, wie man Foxtrott zu den Klängen eines Grammophons tanzte, lange Zigaretten rauchte und an bunten Likören nippte. Sie hatte die jungen Damen betrachtet, die glänzende, luftige Kleider trugen und Strohhüte mit Schildpattnadeln. Am besten hatte Lisa das Kleid einer Majorsgattin in strahlendstem Blau mit Rüschen aus durchsichtigem Musselin gefallen.
Als in den letzten Augusttagen jenes Grammophon endlich verstummt war, hörte man in vielen Zimmern nervöses Telefonklingeln und hastige Frauenschritte. Über den Häusern an der Bucht machte sich Stille breit. Bald jedoch knirschte der verstreute Zucker unter Soldatenstiefeln. Die Deutschen zogen lärmend und selbstsicher ein, sie sprachen in einer Sprache, die nichts vom slawischen Rascheln, keine Weichheit besaß. Sie flözten sich genüsslich auf die aus dem Garten geholten Korbstühle und suchten Schatten vor der verblüffend heißen Septembersonne. Ihre Gesichter waren glattrasiert und dufteten nach „Echt Kölnisch Wasser”, dem hochmütigen Erobererduft.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier