DER KOMPONIST

Ein durchschnittlicher Künstler entdeckt zufällig die Werke eines unbekannten Genies, eignet sie sich an, nutzt die nicht verdienten, aber sich daraus ergebenden Vorteile, und tut gleichzeitig alles, damit die Sache nicht auffliegt. Als Sławomir Górzyński seiner Erzählung diese Idee zugrunde legte, musste er wissen, dass das nicht besonders originell ist. Und natürlich weiß er das, denn er versucht nicht, den Lauf der Intrige zu ändern, die nur ein Ziel ansteuert: den Betrug aufzudecken. Das Wichtigste ist jedoch, womit der Autor seinen Roman füllt und was er durch ihn übermitteln möchte.
Es ist das Wichtigste und das Interessanteste, denn Górzyński siedelt den Komponisten im 21. Jahrhundert an und möchte nicht so sehr die Krise beleuchten, mit der jeder Schaffende zu kämpfen hat, sondern den Kollaps in der klassischen Musik überhaupt. Er stellt die Frage, ob sich dieser Kollaps überwinden lässt und will – wie es in dem Roman der Fall ist – ein neues musikalisches Universum schaffen, das frei ist von Anleihen bei Bach, Mozart oder Chopin. Dabei schreibt Górzyński sowohl über die Gegenwartsmusik als auch über die Klassiker mit einer Sachkenntnis, die der Leser nur von einem diplomierten, praktizierenden Instrumentalisten erwarten würde. Dank der fachkundigen Vorbereitung macht es dem Autor keine Mühe, Klang in Wort zu verwandeln, ohne nach lyrischen Entsprechungen für die abstrakteste aller Kunstgattungen zu suchen. Er verleitet den Leser, sich in die Denkweise der Musiker einzufühlen, wobei er an alles gedacht hat: angefangen beim Prozess, der sich während des Komponierens vollzieht, über die Vorbereitung zur Interpretation des Werkes, bis zur Rezeption, die er elegant auf „mediale“ Echos überträgt.
Die stilistischen Fertigkeiten des Autors spiegeln sich nicht nur in fiktiven Rezensionen oder Interviews mit dem Protagonisten, Gregor Zwaite. In dem Roman finden wir auch die Notizen des echten Komponisten, Wilhelm Corrado Fuchs, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden sind – wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Górzyński sich dem Motiv „des gefundenen Manuskripts“ mit List nähert und damit sein Können im Spiel mit literarischen Konventionen unter Beweis stellt. Dies ist nicht die einzige Flucht vor – seien wir ehrlich – dem allgemein üblichen Schema. Doch diese Fluchten zeugen davon wie inspirierend die Korrespondenz unter den Künsten sein kann und was für ein Potential Künstler mitbringen, die „vonsonstwoher“ kommen.

Marta Mizuro

AUSZUG

Zu der Audienz bei Simon del Manio fuhr ich mit dem Zug. Im leeren Abteil überlegte ich mir eine Ansprache über Fuchs: wie ich ihn entdeckt habe, wie ich daran arbeite, seine Werke der Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Doch die Worte und Formulierungen, die ich zunächst im Kopf hatte, wollten sich nicht verfestigen – ich sprach sie ohne Überzeugung aus und konnte sie deshalb nicht akzeptieren.
Parallel dazu, auf einer anderen, unterschwelligen Schiene, die aber klarer und stärker war, dachte ich an Francesca Lammona, an ihre Begeisterung für die Lieder von Fuchs. Ich erinnerte mich daran, dass in ihren Kreisen gesagt wurde: „Wie nah beieinander liegen doch Bühne und Bett bei dieser Diva“. Ich sah uns zusammen, nach der Audienz, im Restaurant. Sie zog mich mit ihren Blicken aus, mit jedem Satz ermunterte sie mich zu gewagten Worten und Taten, bis wir uns nach oben begaben, ins Hotelzimmer, wo sie sich langsam auszog und dabei eins der Lieder von Fuchs summte, während ich wartete, kühl und ruhig, obwohl von ihrem Körper, ihrer Stimme und von dem, was wir gleich machen sollten entzückt. Ich stellte mir vor, wie Beatrice von meiner Romanze mit Francesca erfährt und von Eifersucht ergriffen beschließt, den einst verlassenen Geliebten wieder für sich zu gewinnen. Der Kampf zweier Frauen um meine Gunst beschäftigte mich viel mehr als das Verfassen einer Ansprache über Fuchs.
Del Manio holte mich am Bahnhof ab. In seiner mit schwarzem Leder ausgelegten Limousine, schaute er mich aufmerksam an und schüttelte den Kopf.
„Das ist unglaublich! Ich schaue Sie an, erkenne Sie und erkenne Sie nicht. Zambardi, übrigens ein sehr guter Freund von mir, Sie haben doch von Zambardi gehört, hat für mich, also auch für Sie, Gregor, Sie haben doch nichts dagegen, dass ich Sie so anspreche, also wie ich sagte, hat Zambardi eine computologische Prognostik erstellt. Dabei stützte er sich auf Daten, die ich ihm zukommen ließ. Gregor, wissen Sie was raus gekommen ist? Es ist unglaublich, wunderbar, fantastisch, brillant. Ihre Zukunft, Gregor, stellt sich mit geradezu erschreckend vielen Erfolgen dar. Allerdings von Anfang an mit einer Voraussetzung! Welche, werden Sie sicher fragen. Nun, eine ganz einfache; nämlich, dass wir unsere Kräfte zusammen tun. Ich und Sie. Was sagen Sie dazu?“
„Ich denke, wir werden uns schon einigen, Herr Simon.“
Von Zambardi hatte ich gehört. So ein Guru der heutigen Zeit, der aus Computern vorhergesagt hat, wie Astrologen früher aus den Sternen. Viele Leute, auch aus meiner Umgebung, haben seine Weissagungen absolut ernst genommen. Angeblich hat Ernest Skała, der vielseitigste und reichste Kollege meines Fachs, sich auf Zambardis Prognosen gestützt, als er entschieden hat, ob sein nächstes Werk eine Komposition der Unterhaltungsmusik oder noch eine Symphonie werden sollte. Ich habe auch gehört, dass die Lammona einmal eine Tournee durch Japan abgesagt hat, weil ihr Zambardi vorausgesagt hatte, sie würde während ihres Aufenthalts im Land der blühenden Kirschbäume erkranken und die Stimme verlieren. Und ich war selbst Zeuge, als Wiktor Korplow nach einem Klavierrecital zu einer kleinen Gruppe ihm Gratulierender sagte, er würde seine Konzertrouten gemäß Zambardis Ratschlägen festlegen. Schnell entstand der Zweig einer Pseudowissenschaft, computologische Prognostik genannt, die viele Nachahmer fand, Begeisterte und Schwindler. Doch Zambardi war der wichtigste – schon allein sein Name wurde fast wie ein Orakel behandelt.
„Das denke ich auch, Gregor. Ihre Lieder sind eine Goldgrube. Doch was kann der Entdecker allein machen? Wird er wie ein Bergarbeiter schuften? Er muss doch Leute anwerben, die ihm helfen, Angestellte und schließlich... einen Leiter des Bergwerks. Ich bin nicht bescheiden, Herr Gregor, die Bescheidenen bringen es zu nichts. Ich kenne meinen Wert, Sie kennen den Ihren. Sie und ich, zusammen werden wir mit Ihren Liedern die Welt erobern. Und Francesca! Gott allmächtiger! Wie sie singt! Wissen Sie dass... Doch später davon. Wir sind da. Sagen Sie mir nur noch, ob Sie etwas in petto haben... irgendeinen Knüller, etwas, das uns während der Sendung in die Knie gehen lässt?“
„Ja, das hab’ ich“, sagte ich lachend. „Einen echten Knüller. Hier.“ Und ich zeigte auf den eigenen Kopf.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc