DAS FOTO

In einem Sanatorium begegnen sich vier Rekonvaleszenten – Männer verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Sie haben viel Zeit, ein gutes Gedächtnis, sind gesprächshungrig. Schnell schließen sie eine lebhafte Bekanntschaft und beginnen eine weitausgreifende Diskussion, in der sie ein ganzes Jahrhundert einer kritischen Würdigung unterziehen…
So könnte zur Not auch eine Ankündigung des Zauberbergs lauten.
Szaruga siedelte die Romanhandlung am Anfang des 21. Jahrhunderts an, zum Gespräch bat er Menschen, die verschiedene Generationen und verschiedene politische Grundpositionen repräsentieren – einen Sozialdemokraten, einen gemäßigten Nationalen, einen Anarchisten, einen Demokraten der 68er Generation. Im Laufe wochenlanger Diskussionen besprechen die Herren Schlüsselerlebnisse der polnischen Gesellschaft vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Sie bemühen sich, das Erbe auszumachen, das heute Gemeinschaft stiften könnte. Sie suchen zudem eine Antwort auf die Frage, ob nach all dem, was sich im 20. Jahrhundert ereignet hat, eine Katharsis denkbar ist.
In diesen Gesprächen stoßen die Repräsentanten zweier Haltungen aufeinander. Die einen sagen, eine Reinigung sei unentbehrlich, auch wenn sie maximal individualisiert werden müsse. Die anderen sagen – gemäß der Ansicht, die den ganzen Roman wie ein Leitmotiv durchzieht: „Jegliches Sein ist Schuld“. Indem er diese beiden Einstellungen einander gegenüberstellt, konfrontiert Szaruga nicht so sehr politische Standpunkte, als vielmehr jedes politische Denken auf der einen Seite, eine gnostische Lösung auf der Gegenseite. Wenn wir den Roman zu Ende gelesen haben, verstehen wir, dass der Autor für die Seite des Lebens Partei ergreift, wider die Politik. Jetzt – so sollten wohl die Aussage des Buches deuten – befinden wir uns in einer Phase, in der die Nation in die Phase des Zerfalls, eines Identitätswandels, des Verschwindens gemeinsamer Anliegen eintritt, also sei jegliches gemeinschaftliches Handeln eine Form der Usurpation. Die Verallgemeinerung ist unmöglich geworden, die Abrechung mit der Vergangenheit, das Sprechen von Recht, das Urteilen über die Verräter sollte, wie Das Foto überzeugen will, jeder bei sich selbst beginnen.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Erst jetzt, im Laufe der langen, nicht enden wollenden Gespräche mit Mutter, erfuhr er die Wahrheit über Vater, auch jene furchtbarste, die ihn unvorbereitet traf, mit der er sich nicht abfinden konnte. Die Anfänge dieser Sache reichten bis ins Offlag zurück, wo Vater während der fünf Jahre Gefangenschaft von Geheimdienstoffizieren angeworben worden war. Er war ein um so köstlicherer Leckerbissen gewesen, als er sowohl Deutsch als auch Russisch flüssig und akzentfrei sprach. Russisch war die Sprache seines Vaterhauses gewesen. Seine Mutter, eine Griechin aus Odessa, hatte nie Polnisch sprechen gelernt.
Großmutters Geschichte kannte er schon. Vaters Familie war nach dem Januaraufstand nach Sibirien verbannt worden, nach Tobolsk, und in die Heimat kehrte sie nach dem bolschewistischen Umsturz zurück. Der Weg führte über Odessa, wo sich Großvater in die Tochter eines griechischen Kaufmanns verliebte, eine romantische Geschichte, die mit der Auswanderung nach Polen und der Ansiedlung in der Freien Stadt Danzig endete. Er bedauerte, dass er – wie seine Altersgenossen – keine Großeltern mehr hatte, die verstorben waren, ehe es ihm gelungen war, auf die Welt zu kommen. Besonders, dachte er, interessant wäre es gewesen, die griechische Großmutter kennenzulernen. Es war furchtbar, mit einem Mal wurde ihm das klar, bis an ihr Lebensende hatte sie in dieser polnischen Familie nicht mehr ihre Muttersprache sprechen können. Obwohl es vielleicht nicht ganz so arg war, schließlich mochten sich in Danzig manchmal auch Griechen aufgehalten haben, griechische Unternehmer oder Seeleute.
Aber eben dank dessen sprach Vater Russisch, was in seiner Generation recht selten war. Und genau seine Russischekenntnisse führten zum Drama seines Lebens. Im Lager einsitzende Geheimdienstler von der Abteilung Zwei, die den Lauf der Dinge verfolgten und über nur ihnen bekannte Kanäle Kontakt zur Außenwelt hielten, bereiteten sich auf den kommenden Kampf gegen die Sowjets vor. Für eben diese Ziele schien jemand mit solch ausgezeichneten Russischkenntnissen für den Geheimdienst als idealer Neuzugang. Vater willigte natürlich ein, wozu wesentlich die patriotischen Regungen beitrugen, die die Gefangenen gegenseitig in sich nährten. Dann kam die Befreiung, der Marsch auf Berlin, die Rückkehr ins Vaterland. Die Lagergeschichten hatte er im raschen Rhythmus des Nachkriegslebens beinahe schon vergessen. Er war Redakteur in einem gerade entstehenden Musikverlag. Und so erschien bei ihm eines Tages ein Bote des Geheimdienstes, der ihn an die übernommenen Verpflichtungen erinnerte.
„Und reingefallen war er”, sagte Mutter. Reingefallen, doch der steckte ihn nicht ins Gefängnis. Das war noch in Krakau, und ein damals renommierter Journalist, der etwas von einem Literaten aus der Vorkriegszeit hatte, ein überaus idealistischer Kommunist, boxte ihn heraus. Nur, dass sie jetzt etwas gegen ihn in der Hinterhand hatten. Und in Szczecin bekamen sie ihn dann zu fassen. Das hieß nicht nur Beitritt zur Partei, ich glaube sogar, dass die Partei eine Manöverfinte war, Maskerade, eine Art Tarnfarbe. Sie hätten ihn sicher lieber als Parteilosen gehabt. Aber sei’s drum. Es reicht, dass sie ihn zu fassen bekamen und zur Mitarbeit zwangen. Das geschah im übrigen sehr sanft, fast schon mit Samthandschuhen. Es gab da einen Sicherheitsmajor, außergewöhnlich intelligent, geistreich, ein paar Mal kam er sogar zu uns nach Hause. Er übte nicht einmal besonderen Druck aus, es wollte sogar scheinen, dass er die ganze Situation bagatellisierte. Und mit einem Mal wurde er, wie soll ich sagen? Nein, nicht brutal, das ist das falsche Wort. Entschieden – passt auch nicht. Vielleicht so – unnachgiebig. Es ging um einen Menschen, wohl etwas älter als wir, der gerade aus dem Gefängnis kam und der früher auch wie Vater im Stadtamt gearbeitet hatte, aber in einer anderen Abteilung. Der Fall muss für sie besonders wichtig gewesen sein. Es war unmöglich sich zu drücken. Und weißt du, was er gemacht hat? Natürlich führte er die ganze Szene mit dem scheinbar zufälligen Treffen auf der Straße auf, lud ihn zu uns nach Hause ein, aber er offenbarte ihm auch fast gleich von Anfang an seine Rolle. Welches Risiko das bedeutete, muss ich dir wohl nicht erklären. Was später mit diesem Menschen geschehen ist, weiß ich ganz einfach nicht. Er wohnte einige Tage bei uns, dann verschwand er. Und auch sie ließen scheinbar locker, vielleicht zwei oder drei Mal schrieb Vater in der Sache Berichte, aber das hatte schon keine größere Bedeutung mehr.
Er hörte all dem voller Entsetzen zu. Der Gedanke, dass sein eigener Vater viele Jahre, ach was, Jahrzehnte Geheimdienstspitzel war, schockte ihn. Noch viele Male kehrte er zu dem Fall zurück, aber Mutter wusste entweder nicht mehr oder sie glaubte nicht mehr sagen zu sollen. Eines Tages jedoch, als sie über die Nachkriegsjahre sprachen, kam sie nochmal auf das Thema zu sprechen.
„Das waren furchtbare Zeiten. Auch heute nicht leicht zu verstehen. Es kam auch vor, dass Menschen buchstäblich von einem Augenblick auf den anderen verschwanden und niemand den Mut fand zu fragen, wo sie steckten. Bis heute ist unbekannt, was mit ihnen geschah. Und gleichzeitig konntest du unter Kommunisten Menschen begegnen, deren Bekanntschaft eine Ehre für dich war, ehrliche, moralisch makellose, im tiefsten Innern um die Hilfe für Andere, Schwächere, Bedrohte besorgte Menschen. Sie hatten damals auch Angst, und das war insofern entsetzlich, als sie vor den eigenen Leuten Angst hatten. Sie sprachen chiffriert, verständigten sich mittels einer sonderbaren Sprache, deren Bedeutungen heute niemand mehr entschlüsseln könnte.“
Die Fortsetzung der erzählten Geschichte kannte er schon, aber er hatte nicht die Fortsetzung zur Fortsetzung. Er wusste längst, und eigentlich hatte er es schon einen Augenblick vorher längst gewusst, dass von seinem Vater die Rede war, von Vater, der informeller Mitarbeiter des Amtes für Sicherheit war. Es war unklar für ihn, ob Vater ein Dokument unterschrieben hatte, eine Verpflichtungserklärung oder etwas in der Art, es war jedoch selbstverständlich, dass er dafür kein Geld genommen hatte und fast schon sicher, dass er sich eher mit Firlefanz herauswand als wirklich zu denunzieren. So war es auch in diesem Fall gewesen, was die Erzählung bewies, die er zu hören bekam.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier