DER UMKLEIDERAUM

Jurek, der Held des Romans von Jerzy Franczak, ist (wie auch der Autor) ein junger, talentierter Dichter und Schriftsteller, der in Krakau lebt. Jedoch distanziert sich der Autor entschieden von seiner literarischen Figur, setzt ihre Existenz quasi in ironische Anführungszeichen. Das größte Problem Jureks ist das Fehlen einer ausgeprägten Identität und eines konkreten Lebensentwurfs. Die Schriftstellerei erscheint in "Der Umkleideraum" nämlich als eine ausgesprochen seltsame Form des Broterwerbs. Sie zwingt den Schriftsteller, sein eigenes Leben unablässig mithilfe literarischer Mittel aufzuarbeiten, es zu erzählen, was gleichzeitig bedeutet, es aus dem Reich der Wirklichkeit in die Welt der Fiktion zu übertragen – eine Welt, in der man für nichts wirklich Verantwortung übernehmen muss und in der Dinge und Menschen jederzeit korrigiert, karikiert oder sogar völlig ausgelöscht werden können.
Jurek und seine Freunde leiden an der Unwirklichkeit der sie umgebenden Welt und an der Unnatürlichkeit der von ihnen gespielten Rollen. Man könnte sagen, sie leben in einem „Umkleideraum”, in dem sie vorgefertigte Persönlichkeitsmasken anprobieren, austauschen, immer auf der Suche nach der einen, die zu ihnen passen könnte. Diese Situation bedeutet einerseits ein existenzielles Problem und andererseits einen großen literarischen Spaß, denn auch in der Welt der Literaten und Literaturliebhaber gibt es Masken in Form von fertigen Stilen und Zitaten. So darf etwa Jurek, der vorübergehend in einem Verlag arbeitet, den von Witold Gombrowicz in seinen Polemiken gegen Dante „korrigierten” Text der "Göttlichen Komödie" wieder in seine ursprüngliche Form „zurückkorrigieren”.
Doch nicht immer kommt den literarischen Spielereien und Maskeraden ausschließlich eine ludisch-komische Funktion zu: Jurek und seine Freunde leiden an einem tief empfundenen Mangel an verbindlichen Werten und an der Unmöglichkeit, die sie umgebende Welt ernst zu nehmen. Und selbst wenn jemand "Der Umkleideraum" mit der Strömung des „Banalismus” in Verbindung bringen sollte, so sind die Fragen, die dieses Buch aufwirft, nicht dem Banalismus zugehörig, sondern nähern sich vielmehr einer der ältesten und wichtigsten Fragen der Philosophie: „Wie soll man leben?”.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Für wen schreibe ich diese Worte? Es ist ein wenig, als würde ich mit mir selbst reden oder als hätte ich mich auf wundersame Weise in zwei Wesen geteilt, in mich und ihn – irgendein anderes Ich, das mir seltsam bekannt ist, so wie der Nachrichtensprecher im Fernsehen. Hinter jedem Wort verbirgt sich irgendein „Du”, aber ich kann es nicht einfach ansprechen und um Feuer bitten. Ich kann nur über mich selbst sprechen, mich zieren, mich in mehr oder weniger bequeme Kostüme hüllen. Mich mit denen verbünden, die an mich glauben. Immer wieder aufs Neue mein Testament ändern.
„Ich vermache alle meine beweglichen und unbeweglichen Güter der Handtuchfabrik Jutrzenka in Oświęcim und dem Missionarskloster in Sobibor”. Ein paar ungelenk, blindlings aufgezeichnete Worte, und schon hat mein Leben einen Sinn. Ich bin befreit von der Unordnung, errettet vom Chaos – alles, was ich tue, geschieht als Opfer für die Menschheit.
Doch die Menschheit schläft, es gibt keine Menschheit. Was von ihr übrig ist, sind Parks voller Rattengift, Telefonzellen, leere Straßen und Wohnungen, die mit zugeschlagenen Fensterläden vor dem Mondlicht geschützt sind.
Alles ist leer und still, als sei der Mensch noch nicht erdacht.
Es ist Zeit anzufangen.

Wie jeder weiß, muss man, um die Geschichte seines Lebens zu schreiben, zunächst einmal schreiben können. Muss wissen, mit welchen Wörtern man den Leser davon überzeugen kann, existiert zu haben. – Nun gut – wirst du sagen – aber wenn du für einen Moment alles um dich herum vergäßest und dich einfach deiner Erinnerung überließest? – Das kann ich gerne tun – werde ich dir antworten – aber dann sei so gut und sage mir, wie ich jene Ecken meines Zimmers erzählen soll, in die ich meinen mit einem Käppchen bedeckten Kopf steckte? Oder mein Galoppieren durch einen schattigen Gang zwischen Hufeisen aus Licht? Oder meine Angst, als die Dunkelheit, die mir bis dahin zwischen den Gittern meines Bettchens aufgelauert hatte, in schweren, schlangenartigen Strängen auf mich herabfiel? Wie ist es möglich, dass ich mich nicht an jenen Moment erinnere, in dem ich meine größte Entdeckung machte: Dass ich ich bin? Ich erinnere mich an die folgende Szene: Wir gehen, so scheint es mir, am Meer entlang. Immer wieder schwinge ich beide Beine in die Luft, und die riesigen Hände, an denen ich mich festhalte, heben mich über Pfützen und Spalten hinweg. Ich gebe zu: Ich weiß nicht, wann dies geschah, ich weiß nicht wo und ob überhaupt, ich weiß auch nicht, ob es irgendeine Bedeutung hat.
– Was meine früheste Erinnerung ist, wolltest du fragen? Was war zuerst? Zuerst war der Abschied von meinem Vater. Das ist die früheste Erinnerung, die ich wachrufen und in Worte fassen kann. Schwer zu sagen, ob ich mich wirklich an jenen Abend erinnere, oder ob ich es mir einredete, während ich den Erzählungen meiner Mutter lauschte. Mit Sicherheit ist es eines jener ersten, bereits vollends bewussten Erlebnisse, die ich zu einer einheitlichen Geschichte zusammensetzen kann: Die nächtliche Taxifahrt, die gelben, schwankenden Straßenlampen, die in der Scheibe, an die ich meine Stirn drücke, verschwimmen, die Scharade aus Glastüren und Zwischengeschossen, die Flughafenterrasse mit Sicht auf die Startbahn – wir auf der Terrasse, den aufsteigenden Flugzeugen winkend. Ich bin müde – es ist kalt – Mama hält meine Hand fester als gewöhnlich, Papa hebt mich mit einem lang gezogenen Schnaufen in die Höhe, küsst mich auf beide Wangen und stellt mich wieder auf den Boden. Ich sitze auf dem Geländer und schaue: das Flugzeug dreht sich zweimal im Kreis und fliegt dann fort, wird kleiner, verschwindet, blinkt noch eine Weile, bis es sich schließlich zwischen den anderen Sternen verliert. An seiner Stelle leuchtet hell ein abgebissenes Stück Mond – meine Hand schmerzt vom Winken – Mama ringt mit ihrer Handtasche, auf der Suche nach ihren Taschentüchern.
Du wirst sagen, das ist nicht viel, gerade mal eine Handvoll unklarer, verwaschener, durch häufiges Evozieren und Korrigieren verkleinerter Bilder. Doch ich kann mich noch gut erinnern: Ich war überzeugt, dass mein Papa zum Mond flog. – Er wird dort arbeiten – sagte Mama. Damit wir etwas zu essen haben. Seit dieser Zeit hieß der Mond für mich „Kanada”. Wenn ich nachts aus dem Fenster sah, fühlte ich mich beobachtet – ich stellte mir vor, wie mein Papa dort in einer Hängematte lag und von oben auf mich herabblickte. Doch bald darauf vergaß ich, wie er aussah. Der Mond kullerte jetzt wie ein großes Auge über den Himmel, blickte noch immer auf mich herab, doch irgendwie anders, man könnte sagen: von sich aus, auch wenn hinter ihm eine fremde, seltsam vertraute Macht stand. Ein anderes Mal schien es mir, dass sich hinter der leuchtenden Scheibe des Mondes irgendwelche trichterförmigen Untiefen und Gänge verbargen – fast meinte ich, das Grollen schwarzer Kegelbahnen zu hören! Dann wieder war ich überzeugt, dass, wenn ich das Fenster öffnete, mich auf die Zehenspitzen stellte, meine Hand nach dem Mond ausstreckte und ihn umdrehte, ich seine wirkliche, viereckige Gestalt erblicken würde.
Es wird dich nicht überraschen, dass ich, kaum dass ich die ersten Buchstaben zusammensetzen konnte, bereits meine Liebe zur Astronomie entdeckte. Es war eine Liebe auf den ersten Blick. Sie begann an einem einsamen Nachmittag, als ich mich auf der Suche nach einem verlorenen Spielzeugauto in die häusliche Bibliothek verirrte und mir der Rücken eines wuchtigen Buches ins Auge sprang. Auf dem glitzernden, mit Sternenstaub besprenkelten Einband prangte in dicken Lettern der Titel: Der Himmel in deiner Hand. Ich nahm das Buch auf den Schoss und blätterte ehrfürchtig darin. Ich spürte, wie sich in mir zum ersten Mal ein tiefes Gefühl regte. Ich war fasziniert vom Toben der Supernovä, von der Wucht der mit Ringen umgürteten Gasriesen, vom Flug der Kometen, die auf unbekannten Bahnen durch das All irrten, von den bunten Fluten aus Sternennebeln, vielgestaltigen Suspensionen, eingefasst in ewig schwarzen Passepartouts ... Darin lag eine Magie, irgendeine Hexerei, die augenblicklich den Mythos meines Papas verdrängte.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau