EINS IST KEINS

„Das alles ist wirklich passiert. Ich habe nur die Namen geändert. Sie aber nur leicht variiert“, schickt Milewski als Motto seines Buches voraus. 2006 amüsiert sich ein polnischer Journalist in einem New Yorker Club und nimmt dabei verbotene Substanzen ein. Er gerät in eine Rauschgiftrazzia, wird festgenommen und kommt vor Gericht. Er verzichtet jedoch freiwillig auf einen Prozess und meldet sich zu einer einjährigen Zwangstherapie. Er unterzieht sich ihr zusammen mit Afroamerikanern und Latinos, deren Sozialprognosen in der Mehrzahl der Fälle nicht gerade rosig sind. Während des Jahres, das in dieser belletristischen Reportage beschrieben wird, muss Milewski versuchen das Vertrauen seiner Leidensgenossen zu gewinnen, gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit kämpfen und brav seine Strafe absitzen. Hält er nicht durch, landet er im Gefängnis.
"Eins ist keins" ist in erster Linie eine Erzählung über Entfremdung. Die Geschichte eines Fremden, der, was seinen kulturellen und sozialen Background betrifft, sich von den anderen Helden stark unterscheidet und mit einer extremen Situation zurechtkommen muss, die sowohl komisch als auch erschreckend ist. Milewski gibt sie hervorragend in all ihren Aspekten wieder. Er zeigt, wie er die Sprache und symbolische Gesten erlernt, die von den „Brüdern“ benutzt werden, wie er Mühe hat zu verbergen, dass er nicht einer von ihnen ist, und wie er sie allmählich an sich gewöhnt. Da Milewski sieht, was die Therapeuten nicht sehen – dass ihre Patienten vom amerikanischen System von vornherein zu Verlierern abgestempelt werden – weiß er, dass die Therapie illusorisch ist und dass er nur deshalb als einer der wenigen sie erfolgreich beendet hat, weil er zufällig in dieses Programm hineingeraten ist.
Milewski versteht es mit dem nötigen inneren Abstand von den Dingen zu erzählen, die er selbst erlebt hat, wobei er erklärt, dass die von ihm beobachtete „Folklore“ derart irreal ist, dass man sie sich nur schwerlich selbst hätte ausdenken können. Die tragikomischen Episoden schildert er jedoch nicht nur im Bewusstsein, dass er in dieser Welt nur zu Gast ist, sondern mit Anteilnahme, die manchmal in Entsetzen, manchmal in Erheiterung umschlägt. Die Wirklichkeit, der sich normalerweise diejenigen von außen nähern, die ihr entkommen konnten, sieht er seinerseits von innen. Dieses nicht nur für polnische Verhältnisse originelle Buch ist ein Beweis dafür, dass „das Leben die bessere Literatur ist“. Nicht jeder versteht es jedoch sich das Schicksal zunutze zu machen, um Schriftsteller zu werden. Zum Schluss muss nämlich ausdrücklich betont werden, dass Eins ist keins ein Debüt ist. Und zwar ein außerordentlich reifes.

Marta Mizuro

AUSZUG

26. Oktober, Donnerstag

Der Beamte Santiago ist außerordentlich frustriert. Er markiert den Harten und das derart aufdringlich, dass man nicht einmal lesen kann. Aber zuhören kann man dem Beamten Santiago schon gar nicht. Seit letzten Donnerstag dreht er am Rad. Er faselt etwas davon, dass nach den zwölf Schrittchen es für die Unverbesserlichen noch zwanzig spezielle Extraschrittchen gebe. Dazu kommt, dass ich sein Gelabere alleine ertragen muss. Meine Nigger sind den Empfehlungen von Little, Robinson & Co. nachgekommen, ich dagegen warte auf die Ergebnisse der Urinanalyse. Schließlich verliere ich die Beherrschung. Ich blaffe zurück, dass nach Meinung der Richterin ich zu gut für die MRT sei, und man mir eine Anstellung angeboten hätte. In der Tür steht Ricky. Er grinst breit über beide Ohren.
„Peteee!“
„Ricky, bi, bi!“
Abklatschen mit An-die-Brust-Drücken, ein sogenannter „halber Bär“. Gerade das gefällt mir bei den Afroamerikanern so gut: die Herzlichkeit. Nicht die sabbernde und lallende Herzlichkeit der Bleichgesichter, die nüchtern nicht in der Lage sind, Gefühle zu zeigen, und besoffen nur noch peinlich sind, sondern die ungebremste, spontane, fröhliche und kindliche Herzlichkeit. Wir halten zusammen, wir kämpfen gemeinsam gegen das böse Schicksal, die Macht der feindlichen Welt, das System, und gemeinsam verlieren wir. Wir sind ein Geheimbund von Saboteuren. Daher dieses ganze Gegrüße, Abgeklatsche, Geschnipse, diese Fäuste – diese magischen Gesten, dieses Gefluche. Natürlich werde ich nie einer von ihnen. Wir tun auch nicht so, als hätte sich meine Hautfarbe geändert, beziehungsweise – was viel wichtiger ist als meine Pigmentierung – mein gesellschaftlicher Status, der wiederum von der Pigmentierung abhängt. Aber wir sind Kumpels. Die Latinos halten Distanz, sie trauen einem blanquito nicht, die Afroamerikaner behandeln mich wie einen Nigger, wie einen der ihren: ohne jegliche Hemmungen und null Fake, wenn sie ihre Gefühle, ja selbst wenn sie ihre Sympathien zeigen. Allerdings, wenn es ums Geschäft geht, ist der afroamerikanische Fake eine Klasse für sich.
„Netten Urlaub gehabt?“
Er zieht ein Grimasse, als würde ihm der Arsch wehtun. Er hat in Rikers zwei Wochen abgesessen, und nicht eine, wie man munkelte.
„Hauptsache vorbei, scheiße Mann, wenn ich nächstes Mal höre, dass der Richter mich vor Gericht sehen will, besteige ich einen Flieger und ab nach Westarizona. Im Nachtbus über die Grenze – sollen die mich doch in Mexiko suchen.
„Wie geht’s Kanjee?“
Das Schwesterchen hatte für Rickys Rückkehr ein Transparent gemalt mit der Aufschrift „Woz up Ricky?“ , aber sie begrüßte ihn mit einem blauen Auge. Sie hatte darauf bestanden, dass Mutter für das Brüderchen Bier kauft, da er doch so gerne Bier mag. Sie gerieten sich in die Haare, die Kleine fing an zu weinen, also klebte ihr Mutter ein paar zur Beruhigung. Ricky warnte Mutter, dass wenn sie Kanjee noch einmal anfasse, sie weder ihn noch sie jemals wieder sehen würde, und ging mit der Kleinen ein Eis essen.
Im Viertel war alles wie immer. Alle wussten, dass Ricky aus dem Knast zurück war. Sofort tauchten Mädchen, Wodka und Drogen auf. Im quarter weiß jeder über jeden alles. Man weiß, wer ein hitman, dass heißt ein Auftragskiller ist, wer sich auf Messerstiche unter die Rippen spezialisiert, wer handelt und mit was, wer ins Büro geht von neun bis fünf.
„Pete, ich kann dir alles besorgen, was du willst. Kommst du mal nach Bed-Stuy , bi? Bitte mir zu folgen: die Tür – Mord/Feuerwaffe, die Tür – Messer/Rippe, die Tür – Crack und Gras, die Tür – neun bis fünf, die Tür – H. Während ich gesessen habe, hat ein Typ, der immer schon ein hustler sein wollte, ein Vermögen verloren. Kind aus reichem Hause. Die Alten sind vor einem Jahr nach Long Island gezogen: weiße Vorstadt, weißes Häuschen, weißer BMW sogar weißer Hund, nur sie waren weiterhin schwarz. Aber statt was zu lernen, einen Abschluss zu machen, lief der dumme Schwanz lieber mit ein paar Kilo bling um den Hals rum. Was für ein Idiot. Er kam ins quarter und dachte er würde alle kennen, und irgendwie kannte er sie auch, aber an der Ecke handelten gerade ein paar Typen, die lange im Norden Urlaub gemacht hatten. Und die kannten ihn nicht. Vom Wagen blieb nur das Fahrgestell übrig. Sie nahmen ihm alles ab, was er hatte, keine Ahnung, wieso sie ihn nicht getötet haben. Er musste zurück zu seinen Alten, und die Alten erfuhren schnell von den alten Nachbarn, was Sache war – im quarter weiß jeder über jeden alles – also wollen sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er hat total verschissen. Ich habe nie davon geträumt, zu dealen, Pete. Aber was sollte ich machen?
Aufs College konnte ich nicht gehen – ohne Kohle? Ich bin von der High School geflogen, weil ich wusste, dass ich sowieso nicht aufs College gehe. Mit High-School-Abschluss kann ich bei McDonalds dieselben Frikadellen umdrehen wie ohne.
Ich bin ins Spiel eingestiegen. Aber im Spiel gibt es kein Pardon. Keine Loyalität. Hast du ein bisschen was verdient, beginnen die Geier über dir zu kreisen. Und du musst abdrücken. Ein dummer Nigger zahlt die Hälfte. Je größer die Hälfte ist, desto größer der Neid der Geier, denn sie denken: wenn die Hälfte so riesig ist, wie groß ist dann erst das Ganze? Zweimal so groß! Dir geht der Arsch auf Grundeis. Du sitzt daheim und schaust alle fünf Minuten durch die Jalousie, ob vor dem Haus nicht irgendeine Karre in der zweiten Reihe parkt. Du trittst vom Fenster zurück, überprüfst die Tür, ob alle fünf Riegel zu sind. Bum, bum – wer haut da gegen die Tür? Du guckst: dein bester Kumpel. Und schon weißt du, was gespielt wird. Während du ins Schlafzimmer läufst, um die Knarre zu holen, treten sie die Tür ein. Ehe du deine Kanone gezückt hast, sind sie schon drinnen. Bam, bam, bam-bam-bam-bam: und du bist tot.“

Aus dem Polnischen von Andreas Volk