DER TRAUMKONTROLLEUR

"Der Traumkontrolleur" ist ein Abenteuer- und Sensationsroman mit Tücken. Der Autor verbirgt sich hinter einem Pseudonym, doch erkennt man die Handschrift eines Meisters. Marek Nocnys ansprechend geschriebene Erzählung von Liebe und Gewalt wendet sich in erster Linie an jugendliche Leser und erzählt den Mythos von Orpheus und Eurydike in einer auf das Zeitalter der Cyberkultur zugeschnittenen Version. Ein wenig wie polnische „Matrix“ mit alterglobalen Elementen. Der Held des Romans, der Physikstudent, Flunkerer, Superman und Schwächling mit dem Spitznamen Rastaman, steigt in den Hades hinab, um Agnieszka – seine Eurydike – zu finden. Allerdings ist der Hades heute ein modernes Einkaufszentrum, das Heiligtum unserer Zeit, Ort der Verführungen und der Ausübung symbolischer Gewalt. Dort hat sich heimlich die Gesellschaft "True Life Ltd" eingerichtet, deren Ziel es ist, den Geist der Menschen zu beherrschen und uns unsere vermeintlichen eigenen Träume zu verkaufen. Das Unternehmen handelt rücksichtslos, und mit seinen Geschäftsführern kämpft der Held auf Leben und Tod. "Der Traumkontrolleur" ist auch ein literarisches Spiel mit Bezügen auf Calderon de la Barca und sein Stück "Das Leben ist ein Traum". Marek Nocnys Helden experimentieren mit Träumen, wobei sie in Wirklichkeit von dem Unternehmen manipuliert werden, doch sie finden einen Weg, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Denn die Träume in diesem Roman sind auch der Ozean des Unbewussten, das – ähnlich wie das Meer in Lems Solaris – Gedanken und Wünsche entstehen lässt.
"Der Traumkontrolleur" bietet nicht nur Lesevergnügen, es lässt sich auch in mehr als einer Richtung lesen und stellt ein hervorragendes Beispiel postmoderner Literatur dar. Realität und Fiktion lassen sich nicht voneinander unterscheiden, unentwegt haben wir es mit dem Karussell der Identitäten des Helden zu tun. Experimente mit Träumen, Jagden, Flucht, detektivische Spekulationen, literarische Anspielungen, Liebeszerwürfnisse, Humor und tiefere Bedeutung – all das macht den Traumkontrolleur zu einem Buch, das ebenso unterhaltsam wie spannend ist.

Marek Zaleski

AUSZUG

... Ich kenne ein paar Sachen, die kriegst du nicht für Geld. Sie heißen Glaube, Hoffnung, Liebe.
„Renonce in allen drei Farben“, unterbrach Rastaman bitter.
Keine gute Hand, was? Höchstens für Bridge. Und für noch etwas, wovon du bestimmt noch nie gehört hast. Kann ich weiterreden?
Rastaman nickte bejahend.
„Du hast dir die Karten nicht ausgesucht. Du hast sie ausgeteilt bekommen und kannst sie nicht umtauschen. Also guck sie dir an und überleg dir, zu welchem Spiel sie passen.“
„Hast du mir in die Karten geschaut?“
Der Kleine zuckte mit den Achseln.
„Eine starke Karte ist gut, aber nur in real. Mit einer schwachen kannst du was auf der Traumseite ausspielen. Da könntest du ein ganz cooler Typ werden. Versuch’s mal, es lohnt sich.“
Ein cooler Typ auf der Traumseite...
„Das würde mich sogar interessieren“ lachte Rastaman. “Bloß – ich hab schon lang nichts mehr geträumt.“
Wie lange – das wusste er nicht mehr. Seit Wochen. Er wäre wirklich froh, wenn er ab und zu von Agnieszka träumen würde. Jetzt, wo er keine Erwartungen mehr hatte, wäre er mit einem schönen Traum schon ganz zufrieden. Ein schöner Traum mit der unumstößlichen Illusion ihrer Gegenwart. Am besten jede Nacht. Anstelle von Begegnungen in real. Was nicht möglich war.
„Du träumst nicht? Das gibt es nicht in der Natur. Du hast jede Nacht ein paar Träume vielleicht sogar ein ganzes Dutzend. Sag besser, du hast den Kontakt zu deinen Träumen verloren. Aber den kannst du wiederfinden. Es ist nur eine Frage der richtigen Technik.“
Rastaman wurde so neugierig, dass er sich vorbeugte, bis der Knopf seines Cordhemds am Tischrand hängen blieb.
„Alles eine Frage der Technik... Führ das mal näher aus. Benutzt du irgendeinen schlauen Apparat?“
Jetzt grinste der Kleine von einem Ohr zum anderen, dass es blitzte. Seine Zähne waren mit einer Zahnspange verklammert. Dieses Vergnügen hatte ihm bestimmt Bomber spendiert. Er schickte die Knete für alle größeren Ausgaben. Für den Englischkurs, die Renovierung des Badezimmers und einen Wintermantel für den Alten. Seit er ins Ausland gegangen war, war er der Sohn und Bruder ohne Fehl und Tadel geworden. Ein erbauliches Beispiel für den Kleinen, ob den beiden das gefiel oder nicht.
„Dazu braucht man keinen Apparat. Es reicht vollkommen, was du in der Grundausstattung hast. Der Schlaf überkommt dich, ohne dass du es merkst, und am Morgen wachst du verdreht auf und kannst dich an nichts mehr erinnern. Als wärst du im falschen Film clubben gewesen.
„Ich kenn keine bessere Art zu clubben.“
„Wir reden aber von einer besseren Art zu träumen.“
Ganz schön ehrgeizig: eine bessere Art zu Träumen. Weiter nichts.
„Das wird ja immer interessanter“, sagte Rastaman mit einer einladenden Geste – er wickelte mit der Hand ein unsichtbares Schnürchen auf.
Der Kleine verfolgte die Hand mit den Blicken, machte einen etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, weil er nicht wusste, ob das ernst gemeint war oder umgekehrt.
„In Träumen kannst du das haben, was dir im Leben fehlt“, sagte er schließlich mit leichter Gekränktheit in der Stimme, und es sah aus, als würde er sich jetzt lang bitten lassen. Er trank einen Schluck aus dem Glas, sah sich um und winkte jemandem. Jungen mit Skateboards. Sie erwiderten den Gruß. Zum Schluss winkten auch die Mädchen, die bei ihnen waren. Und schon waren sie weg, keiner mehr zu sehen, die Rücken anderer Passanten verdeckten sie. Der Kleine starrte einen Augenblick verdutzt. Doch sein Lieblingsthema, die Träume, zog ihn schnell wieder in seinen Bann.
Denk nicht, dass das so leicht geht. Erstmal muss man schon etwas in die Gänge kommen. Das eine oder andere können. Zuerst die ganz einfachen Dinge. Lern vor allem den Umgang mit der Realitätsprüfung. Woran kannst du erkennen, dass du zum Beispiel jetzt, in diesem Augenblick nicht träumst? Woher nimmst du die Sicherheit, dass du wirklich in einem Einkaufszentrum bist und nicht in deinem Bett?
„Du machst Witze!“ unterstellte Rastaman mit einem unsicheren Blick. Schwer zu sagen, wer hier auf wessen Kosten Witze machte. Im Einkaufszentrum pulsierte das Leben. Das war das Leben. Kein Traum. Darüber braucht man nicht nachzudenken.
Der Kleine hob den Blick von seinem Glas.
„Hast du noch nie einen Traum gehabt, von dem du dich hast vollkommen foppen lassen? Im Traum sind die Menschen leichtgläubig. In real unaufmerksam. Die meisten können das eine nicht vom anderen unterscheiden. Sie träumen im Wachen, und im Traum ist es umgekehrt, da werden sie merkwürdig konkret. An deiner Stelle wäre ich mir über nichts so sicher. Diese zwei Schachteln??? im Einkaufszentrum? Und die toleranten Aufpasser? Und hast du gesehen, dass jemand mit einem Baby im Kinderwagen gekommen ist? Zähl lieber mal die Finger an deiner Hand. Ich mein es ernst, zähl sie nach!“
Rastaman wunderte sich, aber er zählte nach. Die Fingernägel waren abgekaut. Sein Blick blieb kurz an der Handmulde hängen. Dort hatte er sich vor ein paar Stunden etwas mit dem Kugelschreiber hingekritzelt, weil er keinen Zettel bei sich hatte. Sweet Dreams. Das waren Schlaftabletten. Der Name war so doof wie das Mädchen, das sie ihm gegeben hatte. Er kannte sie noch aus der Grundschule. Alle nannten sie Daisy. Er hatte sie zufällig in der U-Bahn getroffen. Ein leichtes Mittel, rezeptfrei, hundertprozentig zuverlässig. Früher hatte sie auch schlecht geschlafen, aber jetzt nahm sie Sweet Dreams... und dazu dieser lange, vielsagende Blick unter den Wimpern, eine Szene wie in der Fernsehwerbung. Er erinnerte sich an Daisy von früher. Sie saß immer in der ersten Bank und sah damals schon aus wie in einer Reklame. Im Unterricht zeigte sie dauernd auf, sie wusste alles. Im Leben ebenso. Sie hatte für jedes Problem ein Patent bereit. Gute Ratschläge für jedermann, immer mit einem Anflug von Überheblichkeit. Bomber musste sie auch noch kennen. Aber der Kleine wahrscheinlich nicht.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky