DAS IST ALLES

Der Protagonist des Romans "Das ist alles" ist Marek Torm, ein schon etwas abgestandener, verbitterter Schriftsteller. Einst ein Stern am literarischen Himmel, Autor von elf hoch gelobten und in hoher Auflage gedruckten Romanen. Seine Glückssträhne endet mit der Wende im Jahre 1989. Torm macht eine Schaffenskrise durch, für längere Zeit veröffentlicht er nichts, schnell ist er vergessen. Der Held ist überzeugt, dass in der heutigen literarischen Kultur nur die Schriftsteller eine Chance haben, wahrgenommen zu werden und Anerkennung zu finden, denen es gelingt, eine Sensation auszulösen (am besten einen Sittenskandal), über die sich die Regenbogenpresse auslassen wird und für die sich das Fernsehen interessiert. Er hat die Hoffnung, dass unter dem Einfluss eines sensationellen Ereignisses seine Werke neu aufgelegt werden und das Interesse an seiner Person neu entfacht wird. Also beschließt er, seinen Selbstmord auf Video aufzunehmen. Vor laufender Kamera möchte er eine pathetische Abschiedsrede halten und sich dann mit einer Pistole in den Kopf schießen. Aus diesem Grund fährt er von Warschau nach Krakau, der Stadt seiner glücklichen Jugend, jeder Menge künstlerischer Erfolge und gelungener Liebeseroberungen. Er richtet sich in einer Wohnung ein, die ihm sein Verleger als bequeme Arbeitsstätte überlassen hat. Das ist alles ist als Monolog eines frustrierten Schriftstellers geschrieben und entwickelt sich auf zwei Ebenen. Auf der aktuellen Ebene ist es eine Geschichte über die drei letzten Tage vor dem Selbstmord, die Torm damit verbringt, allein seinen Wodka zu trinken und nachzusinnen. Diese Grübeleien, in denen er Bilanz zieht und sich in abschweifenden Erinnerungen ergeht, bilden die eigentliche Ebene der Erzählung. Hier sind das Wichtigste die durch eine radikale Misogynie charakterisierten Abrechnungen mit der Welt der Frauen. Im Vordergrund steht die schmerzhafte und gleichzeitig extrem ironische Bilanz seiner Ehe. Es fehlt in dem Roman allerdings nicht an Signalen, die den realistischen Charakter dieser Aussage aufheben. Möglicherweise haben wir es also mit einem raffinierten literarischen Scherz zu tun, einer Fiktion in der Fiktion, einem düsteren, aber zugleich witzigen Phantasiegebilde über die Verfassung des zeitgenössischen Künstlers.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Ich kam in diese Stadt, um mich auf spektakuläre Weise umzubringen. Ich habe beschlossen, mich effektvoll zu erschießen, weil ich überdauern will. Dieser schockierende Tod, der unweigerlich einiges Aufsehen verursacht, wird meine Bücher auf Jahre hinaus wieder zu Leben erwecken. Man wird sie suchen und man wird sie lesen, berufene Literaten werden die Perlenketten meiner Worte aufmerksam durch ihre Finger gleiten lassen, und sentimentale Polonistikstudentinnen werden über die einst vergessenen Werke Magisterarbeiten schreiben. Vielleicht entstehen auch Doktorarbeiten und ich komme auf die Liste der Schullektüren? Bestimmt werde ich meinen Platz in den Schulbüchern lange behalten und in populären Abhandlungen wird man mich als „verfemten Künstler“ bezeichnen. Das klingt prätentiös, aber schön.
Seit vielen Jahren habe ich kein einziges Buch mehr geschrieben. Früher, noch im alten System, war ich in aller Munde. Mein untypischer und leicht zu merkender Name Torm galt viel in der Literatur. Er wurde geachtet und stand hoch im Kurs. Im Verlaufe von knapp fünfzehn Jahren erschienen elf Romane von mir. Die Verlage rissen sich um mich und ich verstand es, auf jeden geschichtsträchtigen Moment mit ausgefeimter Wirksamkeit zu reagieren, was mir erlaubte, die Liebe meiner Leser zu bewahren sowie die Anerkennung meiner Kollegen und so etwas wie Neutralität seitens der Machthaber. Das erforderte verschiedene taktische Züge, doch war nicht weiter schwer. Ich musste nur vorausschauend handeln, die Ereignisse und politische Wechsel manchmal antizipieren und den Moment erfühlen, in dem es besser war, sich in den Schatten zurückzuziehen.
Zuerst wurde von mir geschrieben, ich sei die Hoffnung der Literatur, später, ich sei die erfüllte Hoffnung, und eines Tages dann bezeichnete mich ein Kritiker als herausragenden Schriftsteller.
Nach dem Fall des Systems schrieb ich noch zwei Romane, doch zum ersten Mal versagte mein Instinkt. Vor allem gab ich sie zum falschen Zeitpunkt heraus. Ich hätte einige Jahre warten und erst dann an mich erinnern sollen. Ich hatte es eilig und das wurde mir zum Verhängnis. Zwar waren die Auflagen noch immer hoch, doch der Markt war bereits mit Büchern von Emigrationsschriftstellern überschwemmt, die aus Neugier gekauft wurden, und mit drittklassigen Liebesromanen aus dem Westen, die in nur wenigen Nächten von Studenten übersetzt wurden. Sie erhielten von den Verlegern je ein dutzend Seiten zur Übersetzung und die so erstellten Texte gingen sofort in Druck und gelangten in attraktiven, bis dahin unbekannten Einbänden mit vergoldeten und erhaben geprägten Buchstaben unverzüglich in den Handel.
In dieser Flut ertranken meine Romane. Zudem verkümmerte in jenen stürmischen Zeiten schnell das Interesse an Literatur. Es erschienen bunte Wochen- und Monatszeitschriften, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden, neue Fernsehstationen wurden geschaffen und auf den Mattscheiben tummelten sich die Helden unzähliger Telenovelas; es verging nicht viel Zeit und schon hatte niemand mehr Lust oder Zeit, Bücher zu lesen. Nach ein paar Jahren verbesserte und stabilisierte sich die Situation zwar etwas, doch ich hatte bereits das Etikett eines Autors, der Verluste einbringt.
Die erste Erniedrigung erfuhr ich in meinem Schriftstellerleben, als ich sah, dass ein Roman von mir in der Koszykowa-Halle verramscht wurde. In Plastikbehältern mit hundert anderen zufällig zusammengewürfelten Titeln. Der einzige Unterschied bestand im Preis, der auf Pappkärtchen vermerkt war. Mich entdeckte ich in der Schachtel mit dem niedrigsten Preis. Schnell verließ ich diesen Friedhof, weil ich Angst hatte, dass einer der wenigen Käufer mein Gesicht erkennen könnte.
Sofort rief ich meinen Verleger an und informierte ihn, dass ich die Zusammenarbeit mit ihm aufkündige. Er verstand mich nicht.
„Das verstehe ich nicht, Herr Torm”, sagte er.
„Wieso nicht? Verdammte Scheiße, was ist daran so schwer? Mein Buch in der Koszykowa? In einer Plastikkiste? Wie eine verdammte Karotte? Eine Kartoffel?”
„Sie verstehen die neuen Zeiten nicht. Ich habe damit nichts zu tun, das ist Sache des Grossisten, der im Eifer ein paar Hundert Exemplare zu viel genommen hat und sie nachher nicht an die Buchläden hat loswerden können. Der größte Teil der Auflage, den ich den Grossisten nicht unterjubeln konnte, ging zum Altpapier.“
Das waren mir bis dato unbekannte Worte.
„Verdammt nochmal, das ist schon wie zu Hitlers Zeiten? Wie bei Stalin? Vielleicht wär es noch einfacher, die Bücher gleich auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen?“
„Sie begreifen nicht, was Sache ist”, sagte mein Verleger ruhig, doch dann verlor er die Beherrschung: „Verdammt noch mal, wissen Sie eigentlich, was die Lagerhaltung kostet? Die kostet mehr als die ganze Auflage wert ist! Wer soll das bezahlen? Ich? Leck mich doch, verdammt nochmal!”, schrie der bisher so gefühlvolle Kenner der Klassik, während ich wortlos den Hörer auflegte.
Danach war ich jahrelang nicht im Stande, einen Roman zu schreiben.
Jetzt bin ich hier her gekommen, um mich auf spektakuläre Weise umzubringen und so meine Leser, Kritiker und die Literaturhistoriker zu zwingen, wieder mit meinen alten Romanen zu leben.
Den Grundstein für diesen Plan legte ein zufälliges Treffen auf der Warschauer Buchmesse, die ich aus alter Gewohnheit besucht hatte.
Der Ort, an dem ich mich erschieße, ist geradezu ideal. Es ist ein hoher Uhrturm, der zu einem Verlagshaus gehört. Um hinauf zu kommen, muss man durch die Toreinfahrt des Verlags gehen, dann auf den düsteren Innenhof hinaus und nach rechts zu einer Tür. Danach genügt es, noch 82 Betonstufen zu bewältigen. Auf dem letzten Treppenabsatz befindet sich rechter Hand der Eingang zu Räumen, von denen aus man wohl noch höher kann, dorthin, wo sich das Uhrwerk befindet. Linker Hand ist die Tür zu den Gästezimmern des Verlags. Man betritt einen langen Flur, auf dem sich das Klo befindet. Hinter der nächsten Tür geht der Flur weiter. Drei Türen. Zur Küche, ins Bad und in ein großes Zimmer, von dem aus man ins Schlafzimmer kommt. In dem Zimmer, gegenüber einem dreiflügligen Bogenfenster, steht ein Tisch, an dem ich ein Buch schreiben soll, doch diesen Tisch werde ich nicht brauchen.

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp