PALAIS OSTROGSKI

"Palais Ostrogski" ist kein klassischer Roman, was eine Ausnahme in Piąteks bisherigen Schaffen ist. Piątek hat hier diverse Texte unterschiedlicher Stilrichtungen und Gattungen zu einem Band zusammengeheftet. Drei Ebenen überschneiden sich hier: die Erinnerungsebene, die essayistische und die literarisch-phantastische Ebene. In den Vordergrund gerückt werden dabei Themen, die einen biografischen Bezug haben, insbesondere Piąteks Überlegungen zur Heroinsucht. Diese Notizen fügen sich zu einer Art „Tagebuch eines Drogensüchtigen” zusammen. Der autobiografische Held fällt immer wieder in die Sucht zurück und macht sich keine Illusionen, dass er sie irgendwann endgültig besiegt. Tomasz Piątek (so heißt auch der Held und Erzähler in "Palais Ostrogski") entwirft seine eigene Philosophie der Sucht, die zu der These neigt, dass die Drogensucht gleichsam Bestandteil seiner Persönlichkeit ist, deren geistiges Erbe, dem man sich nicht entziehen kann. Die diskursive Ebene des Buches setzt sich aus Miniessays (Geschichte, Kunst, Theologie, Theorie und Praxis der Werbung) zusammen, die nur so von Exkursen strotzen. Auf der literarischen Ebene haben wir es schließlich mit kleinen Erzählungen oder vielmehr Phantasien zu tun, deren gemeinsamer Nenner die Geheimnisse des titelgebenden Warschauer Palais sind. Während Piątek sich zu vielen verschiedenen Themen äußert (vom Dekalog bis Beethoven), Anekdoten und Fantasien zum Besten gibt, spricht er die ganze Zeit von sich, beziehungsweise kreist um Probleme, die ihm besonders nahe sind. Ihn interessiert der Konflikt zwischen Materie und Gefühlen, zwischen Chaos und Ordnung, und vor allem die Suche nach einem anderen, alternativen Leben.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Kommunistischer Schwuler meets frommen Grafen

Auf der einen Seite sagen euch alle, dass der Mensch eine Vielzahl verschiedener Rechte hat. Die Herren von der UNO und vom Weltverband der Psychologen werden euch sagen, dass der Mensch ein Recht auf Leben, Essen, Trinken, Kleidung, Arbeit, Lohn, Wohnung, Freiheit, Liebe, ärztliche Versorgung und Sicherheit hat. Aber auf der anderen Seite gibt es welche, die euch sagen, dass der Mensch in Wirklichkeit keinerlei Rechte hat und ihm nichts zusteht, und wenn er dennoch etwas erhält, dann nur aus Gnade. Das sagen der Protestant Martin Luther und der katholische Aristokrat Joseph de Maistre. Und das sagt der Kommunist und Homosexuelle Pier Paolo Pasolini, den de Maistre für etwas außerordentlich Degeneriertes gehalten hätte (vielleicht sogar für etwas noch Degenerierteres als das von einer Kuh geborene Fleischgeschwulst in Gestalt Luthers, das einige, über die Reformation entsetzte französische Katholiken im sechzehnten Jahrhundert beschwören), nämlich für die Ausgeburt eines Ungeheuers. Genau genommen sagt Pasolini: Menschen, die um ihre Rechte kämpfen, haben Charme. Mehr Charme haben Menschen, die für die Rechte anderer kämpfen. Aber am meisten Charme haben Menschen, die nicht wissen, dass sie überhaupt irgendwelche Rechte haben. Sich seiner Rechte bewusst ist der Städter. Der Revolutionär, der dem Volk seine Rechte bewusst macht, hat es folglich mit einem tragischen Paradox zu tun – statt autonome Individuen, die sich freiwillig zusammenschließen, um nach eigenem Gutdünken Gedichte oder Schuhe zu produzieren, erschafft er eine Horde von Kleinbügern, die genauso egoistisch und besitzergreifend wie das Großbürgertum, aber aufgrund ihrer Oberflächlichkeit und ihres nicht ursprünglichen Charakters noch niederträchtiger sind. Wahrscheinlich hat Pasolini Recht gehabt. Dort, wo die Kommunisten an die Macht kamen, gaben sie den Menschen zwar nur ein paar Rechte, diese waren aber, wie die Kommunisten selbst sagen würden, von einem extrem breiten Zuschnitt. Das Recht auf Faulheit, Trunkenheit sowie passiven Diebstahl. Damit das den Menschen nicht zu Kopf stieg, erschossen die Kommunisten Tausende und ermordeten Millionen in den Gulags. Aber das half nichts. Denn der Kommunismus hatte zur Folge, dass die Kleinbürger ihn zu Fall brachten und auf seinen Trümmern ein System errichteten, das (vom satirischen Standpunkt aus) eine ideale, geradezu geniale Karikatur des klassischen bürgerlichen Kapitalismus war: einen osteuropäischen Kapitalismus, einen Kapitalismus quasi für alle, nur quadratischer, kantiger, unnatürlicher und gezwungener.
Aber das Problem, um auf unsere Hauptfrage zurückzukommen, ob Menschen auf irgendetwas ein Recht haben oder nicht, scheint unlösbar zu sein. Auf der einen Seite sagen uns Autoritäten des Geisteslebens sowie unser eigenes Mitgefühl (und auch unser Egoismus, machen wir uns da nichts vor), dass die Menschen eine ganze Menge Rechte für eine ganze Menge Dinge haben. Auf der anderen Seite sagen kluge Menschen, Rechte wie de Maistre, Linke wie Pasolini, und solche wie Nietzsche, die weder aus der rechten noch der linken Ecke kommen, dass Menschen auf nichts ein Recht haben – und unser Gewissen sagt das auch manchmal, wenn wir uns selbst betrachten. Meins sagt das zumindest. Habe ich das Recht, etwas Gutes für mich zu erhoffen? Ich weiß, dass ich den Tod von mindestens einigen Menschen verschuldet habe. Neulich hatte ich einen Traum: Ich erhalte einen großen, grauen Umschlag mit der Aufschrift „Tomasz Piątek”, in ihm mehr als dreißig Bilder von Beerdigungen. Im Traum weiß ich: Das sind die Menschen, die nach der Lektüre meines ersten Romans, Heroin, zu fixen begannen.
Und die Lösung des Problems? Ich spreche hier nicht von den Personen, die ich vielleicht getötet habe, denn für dieses Problem lässt sich keine Lösung mehr finden. Nein, nein, damit werde ich mich nicht beschäftigen. Ich werde mich jetzt mit einem abstrakten, hehren philosophischen Problem beschäftigen, das da heißt: Hat der Mensch irgendwelche Rechte auf irgendetwas? Man könnte großmütig und gerissen annehmen, dass ich auf nichts ein Recht habe, meine Mitmenschen aber schon! Ich spreche ihnen diese Rechte zu, ich spreche ihnen sämtliche Rechte zu, bravo. Das ist die Einstellung eines wahren Altruisten. Aber diese großmütige Annahme (nach dem Motto: Ich spreche meinen Mitmenschen sämtliche Rechte zu, mir aber keine) ist gerissen, denn wenn ich diesen Grundsatz für richtig erkläre, dann schlage ich ihn auch allen meinen Mitmenschen vor. Also, liebe Menschheit, verzichte auf sämtliche Rechte und spreche sie MIR zu. Wie man sieht, lässt sich dieser theoretische philosophische Altruismus irgendwie nicht ganz mit der praktischen Lebenseinstellung eines Menschen vereinbaren, der einen Roman über die Freuden des Fixens herausgegeben hat, ohne darüber nachzudenken, ob er damit nicht jemandem schade – beziehungsweise diese Überlegungen in der dunkelsten Höhle seiner Seele begrub, dort, wo die Skorpione leben.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk