ERZÄHLUNGEN VON EINEM KALTEN MEER

Paweł Huelle ist mit Sicherheit einer der besten polnischen Prosaisten der Gegenwart, was sein neuer Band von Erzählungen bezeugt. Teilweise werden in ihnen Motive weitergeführt, die wir von früher kennen, die meisten Texte bringen jedoch neue Themen. Es sind nicht – wie in der bisherigen Prosa von Huelle – fast ausschließlich „Danziger“ Motive. Seine Helden begeben sich diesmal in alle möglichen Himmelsrichtungen: auf die Insel Øland, nach Zürich, nach New York, in die Sahara und so weiter. Ihre Wirklichkeit wird also stark erweitert, wenn auch die meisten Motive den Leser dennoch wieder in die Heimatstadt des Autors führen. Danzig ist für Huelle also immer noch der Ort, wo die Fabel entsteht. Sicher auch deshalb, weil dort verschiedene Gesellschaften lebten, verschiedene Völker, Kulturen und Religionen – bisweilen in tragischen Konflikten, wenn sie auch durch Familienbande oder den gemeinsamen Wohnort eng miteinander verbunden waren. In Danzig geschahen auch historische Ereignisse von großer Bedeutung. Doch die Geschichte bildet in diesen Texten nur den Hintergrund – manchmal zwar einen sehr wichtigen, wie in der Erzählung Fahrradpost, die zur Zeit der Entstehung der Solidarność spielt, aber nicht immer ist er wesentlich.
Im Zentrum dieser Geschichten steht das menschliche Schicksal, als Hieroglyphe betrachtet – denn der Autor sucht darin einen Sinn, eine Art Bekrönung der Konstruktion, und findet meist ein Geheimnis, eine unerwartete oder gar absurde Koinzidenz von Ereignissen. Der Nachfahre einer pommerschen Adelsfamilie, Joachim von Kotwitz, ermüdet und angeekelt von den nationalen Konflikten in seiner Heimat, opfert sein Leben und seinen Besitz der Suche nach einer mythischen „Ursprache“, die allen Menschen gemeinsam ist. Aber in der Sahara fällt er berberischen Räubern in die Hände und stirbt in der Fremde (Abulafia). In der Erzählung Franz Carl Weber erbt der Held unverhofft
von seinem Vater eine große Summe, aber auf der Suche nach seinem goldenen Vlies, die ihn nach Zürich führt, verhält er sich nicht wie ein Millionär, sondern versucht sich seinen Kinder- und Jugendtraum zu erfüllen: eine elektrische Eisenbahn und ein romantisches Abenteuer – mit einer Frau, die er zufällig kennengelernt hat und die aus enttäuschter Liebe verrückt spielt.
Die Hieroglyphe hat bei Huelle also keine eindeutige Lösung – der Held betrachtet die Zufälle des Lebens wie die Empfehlungen des chinesischen Buchs der Wandlungen, das nur vage Antworten gibt, die einer weiteren Interpretation bedürfen; doch es geht wohl nicht so sehr um den Sinn der Ereignisse, als vielmehr darum, wie der geheimnisvolle Doktor Tscheng in der gleichnamigen Erzählung sagt, „sich von den Gedanken zu befreien und die Wirklichkeit anzunehmen.“

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Die Straßenbahnen und Busse verkehrten nicht mehr. Deshalb herrschte im Waggon der S-Bahn ein fürchterliches Gedränge. Es gab keine andere Möglichkeit, ins Zentrum von Danzig zu gelangen, und schließlich wollten alle dorthin, zum Hauptbahnhof, von wo es nur sieben Minuten zu Fuß bis zum Eingang der Werft waren. Und eigentlich sprachen alle, flüsternd oder halblaut, über das gleiche: Im Moment wurde noch nicht geschossen – aber sie würden sicher irgendwann anfangen, ohne Zweifel, die Frage war nur, zu welchem Zeitpunkt! Auch ich erinnerte mich an den Dezember vor genau zehn Jahren: Ich war mit Vater in die Dachkammer gegangen, um durch das offene Fenster den Lärm aus der Innenstadt zu hören. Die frostige Luft trug das Knallen einzelner Schüsse heran, die Sirenen der Krankenwagen, das Dröhnen der Panzer. Über der Stadt hing ein roter Feuerschein. In dem dunklen Raum dahinter erschien immer wieder ein Hubschrauber. Er warf Leuchtraketen ab, und in dem kurzen Moment, wo der Himmel erhellt war, hörten wir deutlich zwei oder drei Salven aus schweren Maschinengewehren. Wenn diese Geräusche verstummten, kam es uns manchmal vor, als hörten wir den wie ein Refrain wiederkehrenden Schrei der Menge.
„Merk dir“, hatte mein Vater gesagt, als wir die zwei Stockwerke zu unserer Wohnung hinuntergingen, „das ist der Anfang vom Ende für sie.“ Mit „sie“ meinte er natürlich nicht die Arbeiter. Das abgebrannte Parteigebäude sah ich ein paar Tage danach, als die Sperrstunde schon aufgehoben war, vom Fenster der Straßenbahn aus. Auf einer Kreuzung der Hucisko-Straße, gleich neben der Haltestelle, fand ich einen Arbeiterhelm, platt wie eine zertretene Streichholzschachtel. In der Luft hing überall Brandgeruch und der Gestank von Tränengas. Die Erhöhungen der Lebensmittelpreise hatte man zurückgenommen. Die Leute machten eilig ihre Weihnachtseinkäufe. Ebenso eilig wurden in allen Klassen meiner Schule die Porträts der ihres Amtes enthobenen Parteiführer abgehängt. Unser Zeichenlehrer zwinkerte, als wir sie auf einem großen Scheiterhaufen neben der Müllkippe der Schule verbrannten. Cyrankiewicz brannte wesentlich länger als Gomułka. Vielleicht, weil seine Fotografien von schlechterem Papier waren. Abends, zuhause, sprachen die Leute alle über das gleiche: Dass die Arbeiter vor dem Danziger Parteikomitee die Internationale sangen, dass in Gdynia auf sie geschossen wurde, dass die Verhafteten gefoltert wurden, dass die Toten heimlich begraben wurden, im Begleitschutz der Geheimpolizei. Dass sowjetische Schiffe auf der Reede in Danzig Stellung bezogen. Dass der neue Parteisekretär im Fernsehen dem ganzen Volk Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit versprach.
All das spulte sich in meinem Gedächtnis ab wie ein alter, längst vergessener Schwarzweißfilm aus Kinderzeiten. Jetzt, als die Masse der verschwitzten Menschen aus den Waggons der S-Bahn auf den Bahnsteig quoll und in der Augusthitze zum Eingang der Werft ging, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass auf die bunte Menge von Einheimischen, Touristen und Sommerfrischlern jemand schießen könnte, schon gar nicht bei Tageslicht, vor den Kameras ausländischer Reporter. Außer dem offensichtlichen Unterschied, dass jetzt Sommer und damals Winter war, gab es noch einen anderen, wesentlich wichtigeren. Die Arbeiter hatten sich in der Werft verschanzt, sie gingen nicht auf die Straße, sondern die Straße kam zu ihnen und brachte ihnen unentwegt Essen, Geld, Informationen. Am Werfteingang hatte man neben einem Blumenstrauß und der polnischen Flagge ein Porträt des Papstes aufgehängt. Die durch das Megaphon verlesenen Kommuniqués klangen wie eine Litanei: buchstäblich von Stunde zu Stunde schlossen sich dem Streik Betriebe aus ganz Polen an. Der gipserne Lenin im Sitzungssaal der Werft musste geduldig zusehen, wie sich die Forderung herauskristallisierte: Ja, wir wollen Lohnerhöhungen, aber vor allem wollen wir eigene, völlig unabhängige Gewerkschaften.
„Vorläufig sieht es aus wie ein Picknick“, hörte ich Fredeks Stimme hinter mir, „aber wie wird es wohl enden?“
„Wenn sie die Bewegung zerschlagen wollen“, ich drehte mich um und sah, dass er mit dem Fahrrad zur Werft gekommen war, „dann können sie es nur nachts tun, wenn niemand hier ist.“
„Kann ja sein“, sagte Fredek ganz und gar nicht betrübt, „aber zuerst müssen sie das Tor mit einem Panzer stürmen. Und sie müssen sie aus allen Ecken holen. Bei passivem Widerstand dauert das mehrere Stunden. Und wenn die Jungs ein paar Flaschen Acetylen abfackeln? Oder ein Schiff entern und die Taue kappen? Außerdem“ – wir waren endlich am Zaun neben dem Tor angelangt, wo Fredek sein Fahrrad abstellte, indem er es an das Stahlnetz lehnte – „außerdem gibt es noch etwas“, sagte er und zeigte auf das Papstporträt. „Wir haben ihn, und das ist mehr als eine Division!“
„Ich würde lieber auf die vielen streikenden Fabriken zählen. Und die, die bereit sind, sich anzuschließen.“
„Aber das passiert ja gerade“, Fredek holte eine Schachtel Sport aus der Tasche und wir steckten uns eine an, „siehst du nicht, dass das eine richtige Revolution ist?!“
So vergingen einige Viertelstunden. Wir rauchten und redeten. Immer neue Delegationen wurden durch das Tor gelassen und mit Beifall begrüßt. Durch das Megaphon flossen unablässig Kommuniqués, Beschlüsse des Komitees, Gedichte und Gebete. Und die Atmosphäre in der Massenversammlung wurde noch dichter, als auf der Innenseite des Tors ein Arbeiter mit Binde am Arm auftauchte: mit von Druckerfarbe beschmierten Händen warf er Flugblätter in die wogende Menge. Kein einziges Stück Papier blieb auf dem Boden liegen. Jeder wollte, und wenn auch nur als Andenken, ein Bulletin haben, das von keinem Zensor verschandelt worden war.
„Nicht schlecht, das Vervielfältigungsgerät“, meinte Fredek, „nur zu viel Farbe nehmen sie, sie haben noch keine Erfahrung.“
„Und wenn sie das jetzt im Radio lesen würden, in ganz Polen“, scherzte ich, „was meinst du?“
„Das Radio gehört uns noch nicht“, sagte Fredek, plötzlich ernst geworden, „aber hast du eigentlich ein Fahrrad?“
„Nein“, antwortete ich, „aber du hast doch gehört, was sie gesagt haben“, ich wies auf das Megaphon, „auf Bitte des Komitees werden die Eisenbahner weiterfahren, um die Stadt nicht lahmzulegen.“
„Das meine ich nicht“, winkte Fredek ab, was geht mich die S-Bahn an? Ich denke an Fahrradpost!“
Und mit dieser einfachen Idee von Fredek begann meine persönliche Augustrevolution.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall