Das Leben und insbesondere der Tod Angélique de Sancés

Weshalb muss Jacek Podsiadło ständig unterwegs sein? Nicht deshalb, weil bereits zahllose Wege angelegt sind und genauso viele darauf harren, ausgetreten zu werden. Der Verfasser von "Das Leben und insbesondere der Tod Angélique de Sancés" zieht nicht los, um Weg und Wahrheit zu begegnen, auch wenn er beide ganz groß schreibt, sondern der Sprache. Die es gibt – aber wie. Und dank der sogar auf dem Wegstück von Zuhause zum Kiosk Abenteuerliches geschehen kann.
Der brillante Dichter und Feuilletonist, der hier als Erzähler debütiert, sagt über seine Begegnung mit dem Weg, der Sprache, dem Abenteuer (und bisweilen auch der Wahrheit): „Man muss vor allem festhalten, dass unsere Reise kein wirkliches Ziel hat.”
Das sind keine leeren Worte, denn der Autor versteht es, alles zu verzaubern, was er sieht, hört und kostet. Er beschwört nicht nur das Reale, sondern webt auf der Leinwand der Wirklichkeit gleich der Spinne Jelitko Unwirkliches. Zuallererst mit der Spinnet, die als erste mit einem Namen beschenkt wird und später an mehreren Romanepisoden unter Mitwirkung Angélique de Sancés, Rescators, Draculas, des Schamanen und anderer teilnimmt. Die Kapitel, die auf einem Spiel mit dem fremden Text basieren (z.B. der Poetik des im Buch oft angeführten Richard Brautigan), beweisen, dass Podsiadło ein literarischer Schamane ist, der sich durch die höchste Weihestufe ausweisen kann. Sie harmonieren dabei perfekt mit den illusionistischen „Übungen”, die darin bestehen, im Namen der Poesie oder des Lachens reale Situationen zu überformen.
Podsiadło interessieren alle Wege – auch die bekannten, wie die Straße, die in die Slowakei führt, zu Egon Bondy, und die unbekannten Pfade, die zum ersten Mal erkundet werden. Von den Trassen, die im Roman verzeichnet sind, gibt es tatsächlich Hunderte, trotzdem versteht es der Reiseführer und Erzähler in einem, sogar eine Irrfahrt auf ihnen in ein Abenteuer zu verwandeln. Und das Ganze erscheint als eine Reise, auf die sich in der polnischen Literatur bislang niemand gemacht hat.

Marta Mizuro

AUSZUG

Wenn der Tod kommt, muss man da sein,
wo er hinkommt, sonst wird es nichts.

Für Dorota Różycka

Mit Beginn des neuen Jahrs hatte ich beschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Keine Verspätungen mehr. Keine Lausbübereien mehr. Nie wieder Martini im Express nach Krakau, wenn man sich die Reiseödnis mit der schönen Lektüre schöner Literatur in einem leichten, kunstvollen Rausch versüßt. Keine Lektüren mehr, das war das Wichtigste. Ich setzte mich, um mein Abschiedspoem unter dem Titel „Meine Rêverie“ zu verfassen.

Meine Rêverie
Meiner Everie

Mir träumte, dass wir einst am Abend

Weiter kam ich nicht, weil ich keinen Reim auf „Abend” fand, abgesehen von „grabend”, das mir überhaupt nicht in das Gedicht passen wollte. Mir träumte, dass wir einst am Abend zum Graben gingen. Grabend? Nie hatte ich beim Herumtoben mit Everie Gräben gegraben. Ich nässte das für das Abschiedspoem bereit liegende Papier und dichtete mit dem entstandenen Papierbrei die Fenster ab. So entstand Papier-Maché II. Ich nahm den Kaugummi aus dem Mund und verklebte damit den Spion. Die Lüftungsritzen in Küche und Bad verhängte ich mit den erstbesten Bildern. Das erinnerte mich daran, wie Letycja, als sie noch ganz klein war, beim Anblick ihrer beiden Omas auf einmal sagte: „Scheußlich alte Ritzen”. Draußen hörte man schon die ersten Champagnerkorken und Feuerwerksraketen knallen. Ich löschte das Licht. Drehte alle Gashähne auf, legte mich auf den Küchentisch und einen Maulkorb um meine Hände, einen Rosenkranz hatte ich nämlich nicht. Dafür hatte ich einen Hund, die räudigblinde Everie. Nie wieder blinde, räudige Hündinnen. Das Zischen der Brenner beruhigte und mischte sich immer angenehmer mit den von überall herandringenden Echos von Salven und Saluten. Als die Kanonade und die Schreie ihren Höhepunkt erreichten, geschah etwas Seltsames. Das Zischen verstummte.
Ich räusperte mich. Gedankenverloren rieb ich mir das Kinn mit der Ferse. Ich stand auf, machte das Licht an und griff nach der Sylvesterausgabe der Zeitung. In einem dicken Rahmen fand ich unter den Notrufen die Nummer des Gasalarms. Trotz des Maulkorbs um meine Hände gelang es mir, sie zu wählen.
„Ist da der Gasnotruf?”
„Gas, ja, ja, Gas.”
„Ein gutes Neues Jahr.”
„Die Gasmänner sind immer auf ihrem Posten.”
„Das ehrt Sie sehr. Und bei mir gab es gerade zu wenig Gas, Herr Gasmann.”
„Wann?”
„Vor einem Augenblick, wahrscheinlich genau um Mitternacht.”
„Also doch, das hatten wir erwartet.”
„Ich kann Ihnen nicht folgen.”
„Das Zweitausendjahrproblem.”
„Was für ein Problem?”
„Zweitausendjahr. Der Anfang vom Ende. Haben Sie einen Computer?”
„Nein, ich schreibe auf der Maschine.”
„Na, dann gehen Sie bitte zu Ihrer Maschine und versuchen Sie, etwas zu schreiben. Entschuldigung, das andere Telefon klingelt. Gutes Neues.”
Ich ging zur Maschine und versuchte den Titel „DAS LEBEN UND INSBESONDERE DER TOD ANGÉLIQUE DE SANCÉS” zu schreiben. Meine Maschine schrieb nicht, die Buchstaben erhoben sich, anstatt auf dem Papier zu bleiben, wie ein Schwarm befreiter, feministischer Fliegen in die Lüfte.
Ich legte Marcel Ponseeles Platte auf, der Sonaten für Oboe und Bazooka herausschmettert, doch stattdessen hörte ich in einem fort Robert Wyatt „Yolanda” singen. Es gelang mir nicht, die Platte anzuhalten. Von diesem Augenblick an überschlugen sich die Ereignisse, wie man so sagt, lawinenartig.
Im Eisschrank wuchsen Schneeglöckchen. Die Dusche riss nicht ab von Anrufen von Bekannten, die fragten, wie ich mich im neuen Jahr fühlte. Der Staubsauger spuckte den ganzen Müll aus und beschloss mit dem Haarfön Kinder zu haben. Nach Ingangsetzung des Spülkastens strömte das Wasser aus der Schüssel empor und verschwand in Rohren, die gen Himmel führten. Geschichtsbücher über das dritte Jahrtausend werden mit den Worten enden: „Und es ward zum Wasserreservoir.”
Meine blinde Hündin Everie, die ich nach mehreren Tagen aus dem Tierheim abholte, erlangte ihr Augenlicht zurück. Jetzt sah sie sogar die Zukunft. Sie las sich in Geschichtsbüchern über unsere wundersame Epoche fest. Die Skispringer sprangen bei der Vierschanzentournee rückwärts. Ein geplagter Nachbar klagte mir auf der Treppe, dass seine Frau, die bisher rechtschaffen und allem Abartigen abhold war, wünschte, jetzt nur noch von hinten genommen zu werden.
„Das nennt sich: Umgekehrte Welt, habe ich in einem gewissen Buch gelesen. Und bei mir will die Dusche nicht abreißen.”
„Was ist schon die Dusche, wenn die eigene Ehefrau wünscht, ausschließlich von hinten genommen zu werden.”
„Dann nimm sie”, zuckte ich die Achseln.
„Wenn er mir aber nicht steht.”
„Drück dich aus. Ich habe die Absicht, den Außergewöhnlichkeiten dieser Tage eine Dokumentarerzählung für künftige Generationen zu widmen, zur Warnung.”
„Also was ist, kann ich keine Erektion bekommen, ja?”
„Vielleicht bist du nach all den Feiertagen einfach zu volltrunken?”
„Nein. Ich komme gerade vom Sexuologen zurück, aus Warschau. Das Problem, das ich habe, ist das Zweitausendjahrproblem, das hat er gesagt. Und ist bei dir in der Sache alles in Ordnung?”
Alles durch die Nullen, mit denen plötzlich die Daten endeten. Am Ende allen Denken und Tuns steht jetzt eine unvermeidliche, aufgeblasene Null. Die Schuhe, auf deren Sohlen der Schnee schmilzt, hinterlassen bei jedem Schritt eine neue Null auf dem Fußboden. Die Null belegt das ganze Bett, als ich schlafen gehen will, eine gelängte Null schaut mir morgens beim Rasieren aus dem Spiegel entgegen. Ich habe Probleme mit dem Einschlafen, und Rasieren will ich mich nicht, ehrlich gesagt rasiere ich mich wider mich selbst. Ich versuche die Zukunft aus den neuen Augen meiner alten Hündin zu lesen, die so rund sind wie zwei Nullen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier