BAMBINO

"Bambino" ist eine Erzählung von Menschen und von einem Ort. Eigentlich von mehreren Orten. Einer der Ort ist die Imbissbar „Bambino“, in der sich die vier Hauptfiguren des Romans begegnen. Der zweite Ort ist Stettin und Umgebung, eine Stadt, die von der Geschichte gezeichnet ist, in die nach dem Krieg aus den verschiedensten Orten Polens Menschen gebracht wurden. Wir verfolgen die Schicksale der vier Helden von der Vorkriegszeit bis zum Jahr 1980. Marysia wurde in den ehemaligen polnischen Ostgebieten in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Nach dem Krieg wurde sie mit der gesamten Familie repatriiert. Sie ließen sich in einem pommerschen Dorf nieder, als Einziger gelang ihr der Sprung in die Stadt, wo sie Krankenschwester wurde. Dort lernte sie Janek kennen (und heiratete ihn), ein uneheliches Kind aus der Gegend von Posen, den seine Mutter verlassen hatte und der später versuchte, die Jahre der Erniedrigung zu kompensieren, indem er der Staatssicherheit diente, was letztendlich zum Zerbrechen der Ehe führte. Anna stammt aus Gorlice, von wo sie vor der allzu strengen Mutter und ihrem gleichgültigen Stiefvater floh. Mit Mühe beendete sie ihr Studium, sie heiratete spät, ging eine Vernunftehe mit einem Kapitän der Handelsmarine ein, der älter als sie war. Ula ist deutschstämmig und als einzige der Protagonisten in Stettin geboren. Durch den Krieg verlor sie praktisch den Kontakt zur Familie, weshalb sie in der Stadt blieb und versuchte, wie eine normale Polin zu leben. Ihre nicht übermäßig leidenschaftliche Beziehung zu Stefan, einem Holocaustüberlebenden, dem einzigen Mann, mit dem sie zusammen sein wollte, wurde von der Geschichte brutal zerstört, denn Stefan wird 1968 gezwungen, das Land zu verlassen.
Iwasiów erzählt die Lebensgeschichten konkreter Menschen, die zwar in den gesellschaftlichen und historischen Realien ihrer Zeit verankert sind, sich aber zu einem Muster menschlichen Schicksals zusammensetzen: innerlich verletzte Menschen, die erfolglos versuchen ihre Traumata, ihre schmerzlichen Erinnerungen der Vergangenheit, zu überwinden, was im Grunde dazu führt, dass sie alle scheitern, die Chancen ihres Lebens verspielen, sich unerfüllt und einfach unglücklich fühlen. "Bambino" ist vor allem ein Roman über die bitteren Konsequenzen der Entwurzelung und gespaltenen Identität.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

MARIA, GEBOREN 1940

Maria trägt das in sich, nehme ich an. Das Bild des Weges, aber nicht nur. Etwas, was im Verlauf geschah. Etwas Weit-hinter-sich-Zurückgelassenes. Wie alle anderen hat sie dieses etwas in sich, die Fäden laufen zusammen, Gene, kreuzen sich, verschiedenes kann aus den Kombinationen entstehen, ich aber will erfahren, wer sie sind, vielleicht ist das gerade meine Geschichte, genauso gut ist es aber nicht meine, niemandes Geschichte. In den Bildern, Durchschlägen und Speiseresten stöbern. Es gibt nichts, an das man sich halten kann, kein Album, kein Tagebuch. Keine leitende Idee, nur ein Bedürfnis. Eher zusammenhanglose Erzählungen. Was wer sich über die eigene Person ausdenkt. Über die Figur, die er oder sie ist. Und das Leben, ganz einfach, ihres oder das von irgendjemandem. Das vergangene und das noch dauernde. Mehr haben wir zu diesem Thema nicht. Eine Bewegung von innen heraus, von hinten zum Ziel kommen, das gleiche, aber gewiss nicht auf die gleiche Weise. Maria, Mutter all dieser verlorenen Illusionen.
Ich beginne mit Maria, weil ihr Name mich anzieht. Alle Frauen heißen Ewamaria. Diese um so mehr. Als wäre sie mit ihrem Namen gleich an den Anfang gestellt worden und das sofort, mehr als Ewa, natürlich weniger auserwählt, weniger aus der Menge herausgehoben, aber das hat ihr ja schließlich auch niemand versprochen. Niemand, als er dem Mädchen den Namen gab, aber gerade danach sehnt es sich, gezeichnet zu sein. Das Schicksal, das dem Mädchen leichtsinnigerweise diesen Namen gegeben hat, führt in Versuchung und verflucht. Das heißt, auserwählt sicherlich, vergessen wir jedoch nicht: Maria ist in dieser Situation ein ganz gewöhnlicher Name. So heißt bestimmt jede dritte Heldin, die in den Verhältnissen gezeugt wurde, die mich interessieren. Die ich für einen Bildausschnitt des Weges halte. Unsere Großmütter hießen einfach oft so. Ich habe keinen Grund mich zu loben, sehen wir uns einmal an, was mit den Namen und mit ihnen weiter geschieht.
Sie wurden erst 1957 hergebracht. Hergebracht. Der Zug hatte sie gebracht, aber zunächst hatte jemand die Erlaubnis gegeben, Dokumente ausgestellt, ihnen ihre Entscheidungen abgestempelt. Ihr Zögern und das der anderen, schon, schon war eine Entscheidung getroffen, aber dann wurde die Hand zurückgezogen, das Rad zurückgedreht, stand man weiter am gleichen Zaun. Bis zu dem letzten Moment. Und es ging keineswegs lustig und heldenhaft zu in diesen – klar, heute würde man sagen „Viehwagons“. Aber alle fuhren mit ihnen, was Wunder, es war immer noch Nachkriegszeit. Der ganze Wagenpark verschlissen, die Salonwagen zu etwas anderem gebraucht. Zum Herumfahren wichtiger Leute, die wichtige Entscheidungen trafen. Und selbst die Wagons vierter Klasse. Die Wagons sämtlicher Klassen. In was hätte man auch die Leute mit all ihrem Zeug verfrachten sollen? Und was für – wer, wo – transportierte Vieh? Was bedeutete „Vieh“ zu der Zeit, als die Wagons deutsche, gewöhnliche deutsche Fabriken verließen? Die russischen, sowjetischen Fabriken, eine andere Spurweite, also auch die Achsen, es hätte der Anlass sein können, und es war der Anlass zu vielen sentimental-symbolischen Ausführungen. Also Betonung, Wiederholung, dass sie in Viehwagons ... Zu der Stadt, weiter, zu einer größeren Stadt, waren alle, jeder und jede von ihnen, irgendwann einmal gefahren. Vergleicht man es, beginnt „Viehwagon“ etwas anderes zu bedeuten. Sie haben auch ihre Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die man nicht als vollkommen souverän bezeichnen kann. Es fällt schwer, überhaupt von einer Entscheidung zu sprechen. Ja, vielleicht sollte das der Anfang sein – es fällt schwer, von einer Entscheidung zu sprechen. Sie beginnt danach, man kann sich den Ereignissen entsprechend eine passende zurechtlegen. Sie stecken dir dein Haus in Brand, wieder kommen sie und wollen dein Getreide, obwohl es nicht einmal Kartoffeln gibt, seit langem gibt es auch keine Arbeit als solche (vielleicht hat es Arbeit als solche auch nie gegeben; Arbeit als Manifestation, dass es sie gibt, dass es sie früher gegeben hat, das schon), der kleine Garten bis auf die letzte Gurke leer gegraben, in der Schule verlernen die Kinder die Sprache (heißt es zumindest, es ist nämlich nicht ganz klar, ob sie nicht eben, was auch heikel ist, die Sprache, die richtige Sprache für die Zukunft lernen), die Nachbarin von gegenüber muss ihrem Geliebten vom NKWD etwas gesagt haben, sie ist wütend wegen irgendwelcher alten Geschichten, vielleicht wegen dem, was hinter ihrem Rücken erzählt wird, der linke Nachbar sagt immer lauter, dass das merkwürdig sei. Vielleicht eine Kränkung aus der Jugendzeit, sie kommen von einem Tanz zurück, sie nicht mit dem, auf den sie Lust hatte. Diese aber ... natürlich, mit dem, auf den sie ... Ganz normale Geschichten, wie es sie in jedem kleinen Ort gibt, jeder kennt sie, jeder hat sie kennengelernt, ohne im nächsten Augenblick zu wissen, was sie bedeuten, denn erst aus der entsprechenden Entfernung erkennt man ihr Gewicht.
Dass sie nicht nach Osten deportiert wurden, das ist merkwürdig. Dass sie von hier nicht abgehauen sind, das ist merkwürdig. Dass sie selbst nicht wissen, was sie wollen, das ist merkwürdig. Dass sie hier sind, das ist merkwürdig. Dass ... Es ist nicht so ganz klar, was besser ist. Welche Sprache man benutzen soll. Aus welchem Grund hätte man sie deportieren sollen. Wenn jemandem ihr Hof gefallen hätte. Aus irgendeinem Grund gibt es immer Gründe. Sie warten also seit Jahren auf eine Entscheidung und müssen selbst entscheiden, wer sie mehr sind. Welchen Großvater eher verstecken, welchen eher zur Schau stellen. Welcher Großvater könnte ein Alibi sein, sich als Kapital erweisen. Obwohl beide Urgroßväter fast bis in die mythische Vergangenheit zurück verästelt sind, sollten wir uns hier auch an die mythischen Ururgroßmütter erinnern, schließlich waren sie es, die es verstanden, sich Mehl oder eine Sprache zu leihen, das heißt gewöhnlich erweisen sich die Großväter als entscheidend, als Fundamente der Epochen, die im Rückblick erforscht werden, selbst wenn ihr Schweigen legendär ist, denn Schweigen soll Nachdenken bedeuten, in Wirklichkeit aber war es ein ganz gewöhnlicher Autismus, die normalste Dummheit der Welt, alle paar Generationen beziehungsweise in den Nebenlinien durchsetzt mit dem Talent zum Geschichtenerzählen, das wie ein bösartiges Gen dem Überleben einen schlechten Dienst erweist, denn wer spricht, bringt sich selbst in die Bredouille.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk